Ironisch, ja sarkastisch bisweilen, bissig und mit einem Spott, der nicht nur die Lachmuskeln, sondern hoffentlich auch die Hirne stimuliert. Da muss man genau hinhören, sich konzentrieren und das nahezu drei Stunden lang.
Mann, hat der eine Ausdauer, und was passt eigentlich in einen Kopf? In diesen Kopf mit den in alle Richtungen abstehenden wirren Haaren, der alles andere als wirr ist, sondern kritisch, klug, kreativ. Dabei ist es durchaus schwierig, in Zeiten von Kriegen und Krisen, von politischen Turbulenzen, Streiks und Unsicherheiten, Sparwahn und Ampel, von selbst gemachten Genderproblemen und im Alltag stets lauernden Diskriminierungsrisiken den roten Faden nicht zu verlieren, Probleme auf die Schippe und sich selbst nicht mehr ganz so ernst zu nehmen. Der Priol hat's drauf, in der oder aus der Anstalt, egal, es stimmt immer. (Tourdaten am Artikelende)
Volles Kongresshaus
Mit seinem neuen Programm „Im Fluss“ nimmt Urban Priol seine Zuhörer mit in den Strudel der politischen und menschlichen Geschehnisse, stellt Fragen über Fragen, findet einfache und hintergründige Antworten. Am Donnerstagabend war Priol der Glanzpunkt politischen Kabaretts im voll besetzten Coburger Kongresshaus. Und erntete Applaus, viele Lacher, zustimmende Rufe, Aufmerksamkeit und höchste Publikumskonzentration und am Ende hoffentlich nicht nur ein brühwarmes alkoholfreies Weizen.
Die Deppen in der Ampel
Der Priol kennt sie alle, die, die sich da an Politik versuchen. Und er haut drauf, kehrt die Kulissen von hinten nach vorn. Dabei hält er Otto Normalverbraucher auch immer gleich den eigenen Spiegel vors Gesicht, denn wo andere Probleme lösen, sucht der Deutsche mit ausgestrecktem Zeigefinder natürlich zuerst den Sündenbock. „Ich lass mir doch meine schlechte Laune nicht verderben.“ Alles, ja irgendwie alles um einen rum birgt schlechte Laune: Streiks, Demos, die Deppen da oben in der Ampel und die Trottel auf der Straße, die Klimakleber und die Trecker, die Bahn mit ihren Verspätungen und anderen Ausreden. Überall werden „die Pferde der Apokalypse gesattelt“, wird Panik und Angst geschürt, vor allem von der Zeitung mit den vier Großbuchstaben, „in deren Papier kein anständiger Hering auf dem Fischmarkt eingewickelt werden will“. Da gibt es kein Winterwetter mehr, sondern die Polarfaust und die Eishexe Gertrude, das „Kettensägenmassaker“ im Mittelstand, die Wirtschaft vorm Ende, der vernichtete Wohlstand, die uns in den Abgrund stürzende Inflation, ja, und dann noch die Klimakatastrophe, Flüchtlinge, die Chinesen, der Wolf und und und…
Der Lindner und der Geldsack
Da fällt einem Urban Priol nur der fränkische Inflektiv ein: Kotz, Spei, Fröstel. Damit ist doch alles gesagt, oder? Komplexe Gedankengänge? Alles Quatsch. So greifen Panikmache und Angstschürerei, blockieren den menschlichen Geist und lassen sofort wieder den Zeigefinger nach vorn schnellen: Die da oben in der Ampel sind schuld. Dieser Christian Lindner, der auf dem Geldsack hockt und den Spar-Irrglauben wie eine Monstranz vor sich her trägt, oder dieser Robert Habeck, der denkt, Wirtschaft und Klimaschutz unter einen Hut bringen zu können und dabei mitsamt seiner grünen Mannschaft allen geradezu Steilvorlagen gibt, oder dieser Friedrich Merz, die „alte Adenauer-Attrappe“ (Fröstel) oder der Markus Söder mit „Hubsi“ Aiwanger, die Fossilen der Gegenwart.
Bei Priol bleibt kein Auge trocken und kein politischer Sündenfall ungesühnt. Sollen schwarze Null oder Schuldenbremse die politische Maxime der Zukunftsgestaltung sein? Denkt man, wenn man spart, blüht das Land auf? Was für ein Schwachsinn, dabei habe die Politik doch die Aufgabe und die Verantwortung, die Menschen mitzunehmen und neugierig zu machen auf dem Wege der Mitgestaltung der Zukunft. Und die kritische Infrastruktur sei auch nicht bedroht, wenn Bauern ihre Trecker satteln, wenn Lokführer, Flugpersonal, Einzelhandel oder Pflegekräfte auf die Straße gehen, was die Franzosen ohnehin ungläubig nach Deutschland schauen lässt.
Bedroht, so Priol, sei diese, wenn Teile an die Chinesen verramscht würden oder alles einfach nur kaputt gespart werde. Und da wird gejammert und gebärmelt und geängstelt. „Der deutsche Bürger“, schließt Priol daraus, „ist erschöpft, Veränderungen mag er nicht, lieber die Neuauflage des Altbewährten.“ Solche Denke würden Politiker, wie Scholz, Habeck, Kretschmann, Wissing oder Söder nur befördern und ihre Angstpfeile weiter spitzen. Ach, wenn doch der Herbert Wehner noch da wäre, da hätte es im Bundestag schon ordentlich gedonnert.
AfD eine „unanständige Partei“
Und die Ampel, die Ampel ist natürlich immer schuld an Klimakatastrophe, Islam, Hamas, Inflation, Fußpilz, Hämorrhoiden …… Und die Grünen schon allemal. Dabei, sagt Priol ganz trocken und unverblümt: Ohne grün funktioniert keine Ampel, und ohne Ampel gelte rechts vor links. Puh, fröstel. Raus aus der Schockstarre, ruft Priol seinem Publikum zu, „wir sind nicht am Abgrund, und die Blaskapelle spielt auch noch nicht.“ Priol führt weiter durch die Weltgeschichte, zu Europawahl, bevorstehender Präsidentenwahl in den USA, zur Ukraine und wieder ins Land. Er, sagt er, würde der AfD mehr Redezeit geben, weil die sich nur selbst entlarve. Und er nennt die AfD eine „empathielose, unanständige Partei mit durch und durch unanständigen Leuten.“ Da wähle man doch lieber die bibeltreuen Christen oder die Tierschützer oder die Partei zur Rettung des Gartenschlauchs.
„Unser Gras ist die Maß“
Von der Politik in den ganz normalen Alltagswahnsinn nimmt Priol seine Zuhörer ebenso mit. Gendern und die Möhre als weibliche Form von Mohr, der Terror der ständigen Handy-Verfügbarkeit, Alexa, Frauenversteher, wie Zeus und Bauknecht (weiß, was Frauen wünschen), KI, Diskriminierungsabsurditäten, Cannabis oder wie es in Bayern heißt „Unser Gras ist die Maß“. Wohin verästeln wir uns, fragt Priol, und warum verlieren wir uns in klein-klein.
Am Ende – nach bissigem Spott, Donnern und Grollen und dem reinigendem Gewitter - fließt alles, wie im Fluss, auf den Urban Priol sein Publikum einlädt und diesem jede Menge Wellen und Wirbel im Kopf mitgibt. Demokratie ist schließlich eine Party, die man selbst ausrichtet …
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