Auf den ersten Blick ist doch alles klar. Sie hatte vorher Spaß und Sex mit ihm. Dass er ihr in einer Situation der Hilflosigkeit dann Mund und Nase zugehalten und sie brutal vergewaltigt hat – prima facie, allem Anschein nach, wie es im Juristischen heißt, ist ihre Anschuldigung unglaubwürdig. All die Frauen, denen so etwas geschehen ist, haben keine Chance vor Gericht. Die Erniedrigung, die zerstörerische Erfahrung, bis ins Innerste ausgeliefert gewesen zu sein, bleibt ihnen, wird durch das juristische Verfahren, wenn sie sich dem denn aussetzen, noch verschlimmert.
Polizisten mussten sich das Stück anschauen
Jede dritte Frau hat sexuelle Gewalt erlebt, heißt es in dem Theaterstück „Prima Facie“ der australisch-britischen Autorin Suzie Miller. Sie hat mit ihrem Monolog und dem anschließenden Roman in Großbritannien für Furore und tatsächliche Änderungen im Rechtssystem gesorgt. Für die dort entscheidenden Jurys gibt es einen neuen Leitfaden. In Yorkshire wurden 3000 Polizisten verpflichtet, sich das Stück anzusehen.
Hoffnung auf Gerechtigkeit
Wer das ungemein packende Schauspiel jetzt an authentischem Ort, im großen Sitzungssaal des Landgerichtes Coburg erlebt, wird das nachvollziehen können und ein bisschen Hoffnung auf Gerechtigkeit schöpfen. Weil das Stück ein schrecklich aktuelles Thema so eindringlich vermittelt. Es muss sich etwas ändern in Rechtssystemen, ob im britischen oder im deutschen, welche die Opfer zunächst grundsätzlich als Lügner dastehen lassen.
Schon das Stück selbst ist etwas Besonderes in seiner Intensität. Die Autorin arbeitete als Strafverteidigerin für Fälle sexueller Nötigung, bevor sie sich ganz dem Schreiben widmete. Suzie Miller weiß, wovon sie spricht und hat das Talent, Realität dramaturgisch packend zu verdichten.
Überragende Milena Weber
Das haben Regisseurin Kathrin Sievers und ihre überragende Darstellerin Milena Weber nicht nur genutzt, um das Thema sexuelle Gewalt in seiner menschlichen, gesellschaftlichen und juristischen Komplexität nahe zu bringen. Sie bieten auch atemberaubendes Schauspielertheater.
Milena Weber ist die gerissene Anwältin vorzugsweise für des sexuellen Übergriffs angeklagte Männer, die dann selbst zum Opfer wird und nun auf der anderen Seite steht. Und sie ist eine Wucht. Eindreiviertel Stunden lang führt, ja schleudert sie ihr Publikum hier im Gerichtssaal in unmittelbarer Nähe von Szene zu Szene, zieht nicht nur in die Erfahrungen, Gefühle und Gedanken dieser strahlenden Tessa Ensler, sondern lässt jeweils das gesamte Umfeld sehr präsent werden: den Zeugen, den sie im Kreuzverhör zerlegt, den Staatsanwalt, die Geschworenen, dann Mutter und Brüder im eigenen familiären, notvollen Umfeld, die Kollegen in der Kanzlei, am fatalen Abend sogar den bewunderten Kollegen, der zu ihrem Vergewaltiger wird, dann die demütigenden Befragungen bei der Polizei, das hoffnungslose Gerichtsverfahren selbst.
„Theater in seiner besten Form“
Das ist packender als ein Hollywood-Thriller. Denn hier, in diesem Coburger Gerichtssaal, werden Darstellerin und Zuschauer zu einer lebenden, sich umfänglich spürenden Einheit. Das ist Theater in seiner besten Form.
Hintergrund: „Prima Facie“ am Landestheater Coburg
Landestheater Coburg – Spielzeit 2024/2025: „Prima Facie“, ein Monolog von Suzie Miller
Regie und Ausstattung: Kathrin Sievers
Mitarbeit: Annette Wolf
Sound: Philippe Roth
Dramaturgie: Cosma Corona Hahne und Mia Massmann
Darstellerin: Milena Weber.
Weitere Termine: 2., 17. und 18. Oktober, jeweils 20 Uhr im Landgericht Coburg
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