0
Sinfoniekonzert im Globe
Ein Abend voller Tragik - erfrischend heiter
Tommaso Turchetta begeisterte als möglicher Coburger Generalmusikdirektor unter dem Motto „tragisch“ im Globe. Er sorgte für ein erstaunliches Sinfoniekonzert.
Tommaso Turchetta stellte sich als Kandidat für die Position des Generalmusikdirektors beim 5. Sinfoniekonzert des Landestheaters vor. // Foto: Carolin Herrmann
Signet des Fränkischen Tags von Carolin Herrmann
Coburg – Tommaso Turchetta begeisterte als möglicher Coburger Generalmusikdirektor unter dem Motto „tragisch“ im Globe. Er sorgte für ein erstaunliches Sinfoniekonzert.

Ein unter den Titeln „tragisch“ laufender Abend – und dann wird es fast fröhlich? Das 5. Sinfoniekonzert des Landestheaters Coburg verblüffte am Samstag im Globe (Wiederholung am Sonntag). Woran dieses Programm unter diesem Dirigenten „schuld“ ist.  

Brahms Tragische Ouvertüre, Bartóks wunderbarer Mandarin, der immer wieder ermordet werden muss, bevor er endlich Frieden findet, und dann auch noch Schuberts „Die Tragische“.  Seele, was willst du mehr zum Abtauchen ins Düstere?  

Turchetta: Kandidat als neuer Generalmusikdirektor

Dirigent Tommaso Turchetta ist einer der Kandidaten für die Position des Generalmusikdirektors nach Daniel Carters Wechsel nach Weimar. Der aus Neapel stammende Turchetta ließ das wieder einmal ungemein wendige Philharmonische Orchester allerdings solche „Seelenstürme“ (so das Motto des Abends) entfachen, dass am Ende mächtige Aufwinde in gelöste und befreiende Heiterkeit trugen. Das Publikum ließ sich entzücken von diesem das Orchester mit geradezu körperlicher Macht führenden Dirigenten. Die Musiker selbst gaben ihm mit den Füßen auf den Bühnenboden trommelnden Applaus.  

Schon mit Johannes Brahms' (1833–1897) Tragischer Ouvertüre zeigte Turchetta seinen den ganzen Abend gehaltenen Willen, die von den Komponisten vorgestellten scharf akzentuierten Rhythmen auch scharf und prägnant geschliffen hervortreten zu lassen. Hier, wie später bei Schubert erfahren wir, dass die Beschreibungen der Komponisten als „tragisch“ eher aufgesetzt waren. Brahms hatte irgendwie „das Tragische als solches“ im Sinne. Jedenfalls wirkte die Tragik an diesem Abend lebendig und sogar erfrischend.

Dann hatte Tommaso Turchetta Béla Bartóks (1881–1945) Suite „Der wunderbare Mandarin“ im Programm vorgezogen. Und richtig: Diese Explosion der musikalischen Moderne elektrisierte. Dieses Flirren und tänzerische Hüpfen, der leise drohende Untergrundton der Celli; wenn das von den „Strolchen“ gezwungene Mädchen im Spiel der Klarinette Freier ins Haus lockt, wo sie ausgeraubt werden sollen; die scharfen Zeichen, welche die Blechbläser durch den Raum jagen, die schroffen Klangballungen, aufwühlenden Klangeffekte, bevor die Streicher ihre wilde Hatz beginnen … 

Bis der geheimnisvolle Mandarin nach mehrfachen Tötungen endlich erlöst im Arm des Mädchens liegt, steigert sich die hinreißende Expressivität des Philharmonischen Orchesters in einen wirbelnden Irrsinn. Es wirft den Dirigenten selbst an die Brüstung seines Podestes. Zurecht lässt er sämtliche Instrumentengruppen einzeln aufstehen im Applaus des Publikums. 

Zurück in klassisch-romantische Gehörgänge nach der Pause. Auch mit Franz Schuberts (1797–1828) Sinfonie Nr. 4 in c-Moll zeigt sich das Tragische ungemein lebendig, eher als wildes Leben, Aufbegehren – verständlich, wenn man sich vergegenwärtigt, dass Schubert die von ihm nachträglich so betitelte „Tragische“ im Alter von 19 Jahren schrieb. Was für ein Lebensgang, Lebensvollzug: Schubert starb mit 31 Jahren, in denen er ein reiches, vielfältiges Werk zu schaffen vermochte. 

Tommaso Turchetta treibt diese Sinfonie mit forschem Tempo voran. Sie nimmt das Publikum an vielen Stellen energisch tänzerisch mit sich, keine Spur von drückend bedeutungsschwer. Hier sind es die vorzüglichen Holzbläser, an denen wir immer wieder Halt finden. Ein eher heroisches Ausrufezeichen mit drei letztendlichen Paukenschlägen beendet diesen eigenwilligen Sinfonie-Abend, in dem trotz angeblicher Tragik so viel Schwung, ja Freude verbreitet wurde. 


Zur Person 

Der in Neapel geborene Dirigent und Pianist Tommaso Turchetta ist seit der Spielzeit 2023/24 erster koordinierter Kapellmeister am Aalto Musiktheater Essen. Vorher war er Kapellmeister am Tiroler Landestheater Innsbruck. Mit „Die Passagierin“ von M. Weinberg in der Inszenierung von Johannes Reitmeier gewann er den Österreichischen Musiktheaterpreis für die beste Oper der Saison 2021/22. Turchetta studierte Komposition, Klavier und Dirigieren in Italien und an der Universität für Musik und darstellende Kunst in Wien.   

Inhalt teilen
  • kopiert!