Welche Themen bewegten die Coburger im Oktober 1922? Wer die Ausgaben des Tageblatts aus dieser Zeit durchblättert, findet auf den meist nur zwei Seiten pro Ausgabe eine Mischung aus überregionalen und lokalen Nachrichten, Meldungen aus Politik, Gesellschaft und Kurioses. Viel Raum erhalten die Theaterbesprechungen sowie der Prozess gegen die Rathenau-Mörder. Die liberal-demokratische Ausrichtung des Blattes wird unter anderem darin deutlich, dass es in den Ausgaben 11. Und 12. Oktober dem Elberfelder Parteitag der Deutschen Demokratischen Partei breiten Raum widmet.
Aus Coburg wird vermeldet, dass am Marktplatz die Bratwurst mit Semmel nun 42 Mark kostet. Außerdem bietet das Blatt eine Vorschau auf die Tagung des Deutschen Städtetags, der sich am 14. und 15. Oktober in Rothenburg o. T. versammeln soll. Inflation, drohende Ernteausfälle, Firmenpleiten sind Themen der Meldungsspalten.
„Aussprache über die Lage des Deutschtums“
In der Ausgabe 13. Oktober findet sich mit dem Stichwort „eingesandt“ ein Hinweis auf den Deutschen Tag, der in Coburg stattfinden soll. Erwartet werden „einige Tausend Anhänger der deutsch-völkischen Bewegung“. „Insgesamt dürften jetzt über 30 Bünde in Frage kommen, die alle auch nach Coburg ihre Vertreter entsenden werden. Auch aus den besetzten und abgetrennten Gebieten, aus Elsaß-Lothringen, aus dem Saargebiet, aus Nordschleswig, (…) ja auch aus Österreich, Tirol und Ungarn“.
Die Tagung „bezweckt in erster Linie eine Aussprache über die Lage des Deutschtums und eine Beratung über die wichtigsten völkischen Fragen, um deren Lösung vorzubereiten.“ Ziel der Veranstalter sei die Schaffung einer „starken, die Rechte der deutschen Menschen in jeder Hinsicht wahrenden Volksgemeinschaft“.
Eins der großen politischen Themen ist das „Reparationsproblem“, Zahlungen, die Deutschland aufgrund des Versailler Vertrags leisten muss.
Die Auflagen zeigen: Es könnte ungemütlich werden
Coburger Tageblatt vom 14. Oktober 1922: „Die Einleitung. In der Hofbräubierhalle kam es gestern Abend zwischen Deutschvölkischen und Arbeitern zu einer wiederholten Keilerei, wobei die Polizei eingriff. Wie das „Volksblatt meldet, hat am Mittwoch unter Leitung des Herrn Oberregierungsrats Dr. Fritsch eine Besprechung bezüglich der Abhaltung des „Deutschen Tags“ stattgefunden. Es nahmen daran die teil die Herren Polizeiinspektor Janzen, Lehrer Dietrich und Roth (Hamburg) von den Deutsch-Völkischen und Voye und Klingler als Vertreter der Arbeiterschaft. Die Deutsch-Völkischen wurden, wie das Blatt sagt, mit aller Deutlichkeit auf die Berücksichtigung des Gastrechts in Coburg hingewiesen und die Unterlassung jeglicher provokatorischen öffentlichen Kundgebung (Umzug, Absingen des Ehrhardtliedes) als Voraussetzung für den Fortgang der Veranstaltung erklärt. – Im Anschluss an die Verhandlungen äußerte sich der Stadtkommissar an die Herren Klingler und Voye wie folgt: „Dem Geiste er Offenheit, der die Verhandlungen vom 11. Oktober 1922 beherrschte, entsprechend, teile ich Ihnen ergebenst mit, dass die Regierung von Oberfranken eine Verstärkung der Coburger Landespolizei verfügt hat und die Verstärkungen in Coburg bereits eingetroffen sind. Diese Maßnahme der Regierung darf indessen weder als eine Gewährung erhöhten Schutzes an die Veranstalter des deutschvölkischen Tages noch als eine Bedrohung der Coburger Arbeiterschaft aufgefasst werden. Sie verfolgt vielmehr ausschließlich den Zweck, die Staatsbehörde in die Lage zu versetzen, auch unter schwierigen Verhältnissen die öffentliche Ruhe und Ordnung aufrecht zu erhalten. Die Polizei wird daher lediglich in der Kaserne in Bereitschaft gehalten und, wie ich bereits am 11. Okt. erklärt habe, nur dann eingesetzt werden, wenn die Aufrechterhaltung der öffentlichen Ruhe und Ordnung dies unbedingt erfordern sollte.“ Gez. Dr. Fritsch, Oberregierungsrat.“
Angst vor einem neuen „Blutsonntag“
Auch wir hoffen, dass aus dem sogenannten Deutschen Tag nicht etwa ein 3. September wird, und es ist Sache der Behörde, jede Belästigung der Bürgerschaft, komme sie von rechts oder von links, zu unterbinden. Die Coburger Einwohnerschaft hat stets in Frieden miteinander gelebt, wir wollen diesen Frieden weder durch einen Ordnungs- noch durch einen Unordnungsblock stören lassen.“ (Zitat der heutigen Rechtschreibung angepasst. „Lehrer Dietrich“ = Hans Dietrich, Ortsgruppenleiter des Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbunds; Hans Klingler, sozialdemokratischer Landtagsabgeordneter aus Coburg, Otto Voye, Vorsitzender des Gewerkschaftsbunds in Coburg.)
Der 3. September 1921 ging als „Blutsonntag“ in die Coburger Geschichte ein: Die Landpolizei feuerte in der Spitalgasse auf demonstrierende Arbeiter. Ein Mensch kam in der Folge ums Leben.
Weitere Meldungen des 13. Oktober: Das 12- bis 13-prozentige „Feiertagsbier“ kostet in Coburg 60 Mark je Liter. Das zehnprozentige Normalbier 50 Mark. Es schneit auf den Höhen des Thüringer Walds.
Zurückhaltende Nachberichte
Ein Bericht über den Deutschen Tag vom Wochenende findet sich unter der Überschrift „Aus Stadt und Land“ in der Ausgabe 16. Oktober (Montag). Zunächst wird darauf verwiesen, dass die Veranstaltung nicht öffentlich war, und die vorab festgelegte Rednerliste samt Themen aufgezählt. Dann geht das Tageblatt auf die Geschehnisse außerhalb des eigentlichen Kongresses ein und wechselt mitten im Text von der Berichterstattung zur Kommentierung:
„Äußerlich hatte der Deutsche Tag mancherlei recht undeutsche Erscheinungen gezeigt. Es kam, wie uns mitgeteilt wird, mehrfach zu Anrempelungen, von denen das anderer Stelle geschilderte Vorkommnis in Ketschendorf in der Nacht zum Sonntag sich am ernsthaftesten darstellt, da es sich dort um einen Überfall und um den Gebrauch von Schusswaffen handelt. Schon bei der Ankunft der bekannten Münchner Arbeiter-Nationalisten musste sich die Polizei mit dem Gummiknüppel Respekt verschaffen, und dieses Verfahren wiederholte sich im Laufe der beiden Tage mit dem Erfolg, dass in der Tat die Ordnung gewahrt blieb. Die Mohrenstraße war gestern nachmittags und abends in der Nähe der Hofbrauhausbierhalle durch Sipomannschaften abgesperrt. Gestern Abend kam es wieder zu Reibereien zwischen Arbeitern und Deutschvölkischen. Im Allgemeinen kann man sagen, dass erstere gegenüber den wohlorganisierten und gutdisziplinierten Münchner Stoßtrupps fast immer den Kürzeren zogen. Ein gestern Vormittag von dem Gewerkschaftsbund und von der Vereinigten Sozialdemokratischen Partei verbreitetes Flugblatt forderte die Arbeiterschaft Coburgs zu einer Kundgebung für die republikanische Verfassung auf, doch scheint dieser Aufruf angesichts des allgemeinen Kirchweihsonntags und des wunderschönen Ausflugswetters wenig Gegenliebe gefunden zu haben. Inwieweit die in dem Flugblatt enthaltenen Behauptungen, dass „Arbeiter und Bürgerliche ohne jede Veranlassung mit Gummiknüppeln und sonstigen Waffen in schwerer Weise misshandelt“ und von den „Hietler-Leuten“ die Abmachungen bezüglich der Abhaltung des „Deutschen Tags“ durchbrochen wurden, richtig sind, entzieht sich unserer Kenntnis. Nur eins sei gesagt: Wir sind grundsätzlich Gegner der von den Deutschvölkischen vertretenen Ideen und Kampfmethoden und bekämpfen diese. Da aber die Abhaltung der Tagung genehmigt war wie jede andere politische Veranstaltung, hätten die Arbeiter klüger getan, sich aller Reibungen mit den Deutschvölkischen oder den Polizeiorganen zu enthalten. Die sie aber beliebt haben, müssen nun die erhaltenen Prügel als eigene Angelegenheit des Empfängers betrachten. Eine Anzeige bei der Polizei ist auch von keiner Seite der Beteiligten gestellt worden, doch wurden einige Personen in Schutzhaft genommen.“ Warum das Tageblatt hier und noch einige Tage später den Begriff „Hietler-Truppe“ verwendet, bleibt das Geheimnis der Redakteure und Setzer von damals.
Kämpfe in Ketschendorf
Die Nachrichten werden fortgesetzt mit der Ausdehnung der Versicherungspflicht in der Angestelltenversicherung. Erst am Ende der nächsten Spalte (und der Seite) geht es um die Vorkommnisse in Ketschendorf: „Nächtlicher Kampf“ lautet die Überschrift. Von „Reibereien“ auf Höhe Landkrankenhaus ist da zunächst die Rede; die Deutsch- und Trutzbündler hätten „schwer Hiebe“ erhalten. „Einer von ihnen entwischte rechtzeitig und holte Hilfe aus Coburg herbei.“ Etwa 80 Mann rückten im Laufschritt an, verfolgten die Flüchtenden. „Die Deutschvölkischen schwärmten aus und suchten das Dorf und die Umgebung sorgfältig ab, umstellten verschiedene Häuser, durchsuchten Passanten nach Waffen – kurz, sie übten Polizeigewalt in unserem Dorfe aus.“ Aber „Schaden wurde lediglich an Gartenzäunen angerichtet“, weil Latten herausgerissen wurden, um als Waffen zu dienen.
Verleumdung von rechts
Coburger Tageblatt, Ausgabe vom 17. Oktober:
„In eigener Sache. Anlässlich der deutsch-völkischen Tagung haben „Ehrenmänner“ die Behauptung verbreitet, ich hätte ein Postscheckkonto zum Zwecke der Empfangnahme jüdischer Gelder. Ein Postscheckkonto habe ich mir schon vor Jahren angeschafft, weil ich als langjähriger Kassier der Unfall-Unterstützungskasse des Thüringisch-Fränkischen Turngaus und währen des Krieges als stellvertretender Gaukassier viele Zahlungen zu leisten und entgegenzunehmen hatte. Dass diese von der Post jedermann empfohlene Einrichtung dazu herhalten muss, den politischen Gegner in grundlosester Weise zu verleumden, zeigt den moralischen Tiefstand gewisser Menschen, derem Parteifanatismus nicht einmal die Ehre Andersdenkender heilig ist. Ich bitte Rechtlichdenkende um Angabe des Urhebers und der Verbreiter des Gerüchtes, damit mir die Möglichkeit gegeben ist, gegen die feigen Verleumder gerichtlich vorzugehen.“ Gezeichnet von Richard Lorenz, Hauptschriftleiter des Cob. Tageblatt
Der Hintergrund: In Coburg wurde das Gerücht verbreitet, der Chef der Großfleischerei Großmann, Abraham Friedmann, habe die Gegendemonstranten mit einem hohen Betrag unterstützt. Deshalb zogen SA-Männer auch vor seinem Haus auf und bedrohten ihn. Friedmann wohnte in der Nähe des Schützenhauses. Darüber berichtete das Tageblatt jedoch nichts.
Kritik von links
Doch auch die politisch linke Seite war mit dem Tageblatt nicht zufrieden, wie ein Text in der Ausgabe Mittwoch, 18. Oktober 1922, zeigt. Das Tageblatt geht auf Vorwürfe des sozialdemokratischen Coburger Volksblatts ein, das sich über „unseren objektiven Bericht betr. die Vorkommnisse bei der deutschvölkischen Zusammenkunft entrüstet“ hat. „Das Blatt macht uns zum Vorwurf, dass wir auf die Münchner Nationalsozialisten Loblieder gesungen und die Arbeiter verhöhnt hätten. Beides fiel uns nicht im Traume ein, schon nicht angesichts des rüden Auftretens der Nationalsozialisten in einer Münchner demokratischen Versammlung vor einigen Wochen. Wenn wir die Organisation und Disziplin der „Hietler-Truppe“, die übrigens das „Volksblatt“ sehr genau kennt, betont haben, so geschah dies lediglich zur Illustrierung des Ausgangs der Zusammenstöße. Oder haben solche etwa nicht stattgefunden und gab es keine Schlägereien? Hat die Polizei nicht mit Gummiknüppeln dreingeschlagen? Sehr auffällig, dass man darüber im „Volksblatt“ von den Polizeigummiknüppeln so gar nichts liest. Das Blatt hat in der Vorwoche fast jeden Tag die Arbeiterschaft auf die deutschvölkische Tagung aufmerksam gemacht. Richtiger wäre es gewesen, es hätte die Arbeiter aufgefordert, die deutschvölkische Veranstaltung unbeachtet zu lassen, denn dann hätten sich die deutschvölkischen „Stoßtrupps“ zu Festbummlern verwandeln müssen und auch die Gummi- und sonstigen Knüppel hätten nicht den Zweck ihrer Bestimmung erreicht. Da ist auch heute noch die Meinung verschiedener Sozialdemokraten und war aus auch am Sonntag, wie die nahezu völlige Ignorierung des Aufrufs vom Sonntagvormittag beweist. Der Bericht über die Ketschendorfer Vorkommnisse wurde uns von einwandfreier Seite übersandt, und wir hatten keine Ursache, an dessen Richtigkeit zu zweifeln. Nun wird uns aber von der Polizei bedeutet, dass der Bericht sehr zugunsten der angreifenden Partei gefärbt sei, und dass die Ausschreitungen das Gericht beschäftigen würden. Wir raten dem „Volksblatt“, sich anhand der Polizeiakten einmal über den Ketschendorfer Fall zu informieren, und es wird dann einsehen, dass die launige Schilderung des Berichterstatters den Überfall in sehr gelinder Form behandelt. Man ist auch in Ketschendorf sehr geteilter Meinung über die Vorkommnisse in der Sonnabendnacht. Auf jeden Fall hat das „Volksblatt“ keine Ursache, sich aufzuregen, nachdem es die Ungeschicklichkeit begangen hat, der deutschvölkischen Tagung eine Wichtigkeit über Gebühr zu verleihen.“
Der Kommentar zeigt, dass sich die demokratischen Kräfte eher gegenseitig angriffen, als gemeinsam Front gegen die rechten Republikfeinde zu machen.









