„Es hört mir eh keiner zu.“ – sagt ein zehnjähriges Kind, das sich in der Schule oft übergangen fühlt. Ein Satz, der schmerzt. Und ein Satz, der symptomatisch ist für das, was viele Kinder und Jugendliche heute erleben: Ihre Meinung wird nicht gehört, ihre Bedürfnisse nicht ernst genommen. Für Bettina Dörfling, Vorsitzende des Kinderschutzbundes Coburg Stadt und Land, ist das ein deutliches Warnsignal: „Wenn Kinder das Gefühl haben, dass ihre Stimme nichts zählt, dann ist das eine Gefahr für unsere Demokratie.“
Kinderrechte schaffen Zukunft
Der diesjährige Weltkindertag am 20. September steht unter dem Motto: „Kinderrechte schaffen Zukunft – Demokratie leben“. In Coburg wird dieses Motto sichtbar umgesetzt: Die Stadt eröffnet gemeinsam mit dem Deutschen Kinderhilfswerk und der Kinderbeauftragten den neuen Kinderrechtepfad. Der Kinderschutzbund beteiligt sich aktiv – nicht als Initiatorin, aber als engagierte Stimme für Kinderrechte.
“Kinder müssen erleben, dass ihre Meinung wichtig ist und gehört wird.
”
Straßenfest in der Herrngasse
Von 10.30 bis 14 Uhr ist der Kinderschutzbund mit einem Info-Stand beim Straßenfest in der Herrngasse vertreten. Dort gibt es Kinderschminken, Malaktionen und kleine Geschenke für große und kleine Besucher:innen. „Wir freuen uns auf viele Gespräche und Begegnungen“, sagt Dörfling. Sie würdigt ausdrücklich das Engagement der Initiatorinnen, Kinderrechte in den Mittelpunkt zu stellen.
Demokratie beginnt im Alltag – nicht im Lehrbuch
„Kinder sind keine kleinen Erwachsenen“, betont Dörfling. Deshalb brauchen sie neben den allgemeinen Menschenrechten auch spezielle Kinderrechte – etwa das Recht auf Bildung, Schutz vor Gewalt und das Recht auf Beteiligung. Für sie ist klar: „Demokratie bedeutet nicht nur kognitives Wissen, sondern tägliche Erfahrung. Kinder müssen erleben, dass ihre Meinung wichtig ist und gehört wird.“
Diese Erfahrung beginnt in der Familie, setzt sich in Kitas und Schulen fort und zeigt sich in Projekten wie den Stadtteilforscher:innen in Coburg. Hier erkunden Kinder ihren Stadtteil, formulieren Verbesserungsvorschläge – und erleben, dass ihre Ideen tatsächlich umgesetzt werden. „Das ist wirklich prima“, lobt Dörfling. „Aber wissen überhaupt alle Kinder und Jugendlichen von diesen Erfolgen? Wir sprechen zu wenig über gelungene Mitbestimmung.“
“Was sollen Kinder denken, wenn die Therapie erst in einem Jahr startet, die mentale Krise aber jetzt ist?
”
Strukturelle Hürden: Wenn Kinderrechte an Grenzen stoßen
Trotz positiver Beispiele sieht der Kinderschutzbund große Defizite: Fachkräftemangel in Kitas und Schulen, lange Wartezeiten bei Fachärzten, fehlende Therapieangebote und finanzielle Belastungen in Familien. „Was sollen Kinder denken, wenn die Therapie erst in einem Jahr startet, die mentale Krise aber jetzt ist?“, fragt Dörfling. Besonders betroffen sind Kinder aus armutsgefährdeten Familien, mit Migrationshintergrund oder mit Beeinträchtigungen.
„Die Perspektive von Kindern und Jugendlichen wird weiterhin zu wenig in Entscheidungen mitgedacht“, kritisiert sie. Dabei sei gerade die Chancengerechtigkeit ein zentraler Bestandteil von Demokratie. „Kinderrechte sind keine Nebensache – sie sind der zentrale Baustein für unsere Zukunft.“
Gelebte Beteiligung braucht Zeit – und Haltung
In Familien- und Klassenkonferenzen, in denen jede Meinung zählt, können Kinder Demokratie hautnah erleben. Doch dafür braucht es Zeit und Ressourcen – etwas, das vielen Erwachsenen fehlt. „Oft geht das Wichtigste im Alltag unter: der respektvolle Umgang, das Gefühl gehört zu werden“, so Dörfling. Sie selbst kennt das Gefühl, nicht ernst genommen zu werden, aus ihrer eigenen Kindheit.
Auch in Kitas und Schulen fehlt oft die Zeit, um Kinder aktiv einzubeziehen. „Kinder haben ein anderes Tempo als Erwachsene – und manche Erwachsene glauben leider, dass die Meinung von Kindern nicht wichtig sei“, sagt Dörfling. Das sei nicht nur verletzend, sondern entwicklungshemmend.
Ein Appell an die Gesellschaft
Die Grundschule Neuses zeigt, wie es gehen kann: Sie lebt die Kinderrechte aktiv in ihrer Schulfamilie. Solche Beispiele sollten laut Dörfling viel öfter erzählt und gefeiert werden. „Wir beschäftigen uns mit Krisen und Konflikten – aber wir sollten uns auch Zeit nehmen für gelungene Mitbestimmung.“
Denn aus Kindern werden Erwachsene. Und Erwachsene, die sich ernst genommen fühlen, gehen wählen, engagieren sich – und tragen eine demokratische Gesellschaft weiter.













