Coburg bezeichnet sich als familienfreundliche Stadt. Kinderfreundlichkeit wird großgeschrieben. Doch auch in der Vestestadt ist jedes fünfte Kind von Armut betroffen. Am diesjährigen Weltkindertag (20. September)soll einmal mehr auf die Situation der Kinder hingewiesen werden. Die Vorsitzende des Coburger Kinderschutzbundes prangert nicht nur die bundespolitischen Entscheidungen hinsichtlich der Erhöhung des Kindergeldes an, sie sagt auch, was in Coburg noch getan werden könnte – auch, wenn’s Geld kostet.
Das Motto des diesjährigen Weltkindertages lautet „Mit Kinderrechten in die Zukunft“. Welche Kinderrechte stehen für den Kinderschutzbund ganz oben auf der Agenda – und warum?
Bettina Dörfling: Laut der Trendstudie von Mai 2024 scheinen viele Jugendliche düster in die Zukunft zu schauen. Sorgenvoll schaut unsere Jugend auf Inflation, Krieg in Europa und Nahost, teurer und knapper Wohnraum, Spaltung der Gesellschaft, Klimawandel, Altersarmut.
Unsere Gesellschaft braucht alle Kinder und Jugendliche, die mutig und kreativ ihr Leben gestalten, sich für andere einsetzen, ihre Fähigkeiten entwickeln, die das Gefühl haben, dass sie wichtig sind, dass ihre Meinung gefragt ist und sie gehört werden. Deswegen sollten Kinder und Jugendliche in allen Prozessen ihres Lebens beteiligt werden, ob Elternhaus, Kita, Schule, Beruf, hier finden eine Vielzahl an Entscheidungen statt, an denen wir sie beteiligen sollten.
Alle Kinderrechte sind wichtig. In Anbetracht der gesellschaftlichen Situation empfinde ich das Kinderrecht Beteiligung und das Kinderrecht Bildung und Teilhabe als sehr wichtig an.
“"Mit Kinderrechten in die Zukunft" bedeutet, dass die Einhaltung der Kinderrechte erst ein gesundes und gleichberechtigtes Aufwachsen möglich macht und das unabhängig vom Einkommen der Familie und der Herkunft.
”
Aktuell versagen wir als Erwachsene in verschiedenen Bereichen der Lebenswelt von Kindern und Jugendlichen.
Wie kommen Sie zu der Einschätzung?
Jahr ein, Jahr aus lese ich von Bildungskrise, Pisa-Schock, Lehrer:innenmangel, Notbetreuung in Kindertageseinrichtungen, Verschlechterung der psychischen Gesundheit von Kindern und Jugendlichen und Kinderarmut. Studien belegen, dass viele Jugendliche ihre Zukunft pessimistisch betrachten (Trendstudie Mai 2024). Und das ist ein Hinweis darauf, dass wir wohl nicht „kinderfreundlich“ sind.
Die Bundesregierung hat den ursprünglichen Plänen der Kindergrundsicherung aus dem Bundesfamilienministerium eine Absage erteilt. Stattdessen hat sie angekündigt, dass zum 1. Januar 2025 das Kindergeld sowie der Kinderzuschlag um jeweils fünf Euro erhöht werden sollen. Was halten Sie davon?
Eine Familie, die ein Kind hat und den Antrag auf Kindergrundsicherung gestellt hat, erhält also 10 Euro mehr im Monat. Gegenfrage: Sind 10 Euro mehr im Monat viel? Was kann sich diese Familie mit 10 Euro mehr im Monat kaufen oder leisten oder sparen? Die Inflationsrate ist zwar gesunken, aber die Lebensmittelpreise sind weiterhin hoch.
Für Familien, die Bürgergeld erhalten, ist die Erhöhung des Kindergeldes irrelevant, weil das Kindergeld als Einkommen zählt und vollständig angerechnet wird. Diese Eltern (auch Alleinerziehende) haben von der geplanten Erhöhung nichts! Was halte ich davon? Es verändert die Lebenswelt von Familien mit Armutsrisiko und mit Bürgergeld-Bezug nicht, wenn die Familie spart, dann kann sie sich für ihr Kind zwei Paar Schuhe im Jahr kaufen, sofern die Schuhe reduziert wurden. Falls die Bundesregierung meint, dass die Erhöhung ein Signal für Kinder- und Familienfreundlichkeit ist, dann muss ich hier sagen, Nein, das ist es nicht! Statt der Kindergrundsicherung gibt es nun ein Trostpflaster.
Auch in Coburg ist jedes fünfte Kind von Kinderarmut betroffen. Seit Jahren ändert sich daran nichts. Wie könnte die Stadt Coburg dem entgegenwirken?
Es gibt Möglichkeiten, aber die kosten natürlich alle Geld. Aufgrund der Haushaltskonsolidierung sind sie nicht finanzierbar. Dazu gehören:
- unentgeltliche Nutzung der öffentlichen Verkehrsmittel (jedes Kind bis 18 Jahren),
- alle Kinder erhalten ein kostenloses vollwertiges Mittagessen in Kitas und Schulen. (Damit entfallen die Kosten der Beantragung für Familien, die Wohngeld und/oder Bürgergeld erhalten, zudem entlastet das die Eltern, weil die Antragsstellung damit entfällt).
- Viel mehr günstigen Wohnraum schaffen, damit Eltern (oder Alleinerziehende) hier nicht mehr so viel Miete zahlen und mehr vom Einkommen haben. Davon profitieren auch die Kinder der Familien.
Unabhängig von der finanziellen Seite und dem Geld, das notwendig wäre, um mehr Erzieher, Lehrer, Sozialpädagogen und Psychotherapeuten einzustellen, wie stellen Sie sich eine kinderfreundliche Gesellschaft vor? Wo beginnt Kinderfreundlichkeit?
Kinderfreundlichkeit beginnt schon, wenn wir die Meinung der Kinder und Jugendlichen erfragen, sie miteinbeziehen, auch wenn es zeitintensiv ist.
“Wir sollten unseren Ablauf als Erwachsene mehr im Tempo von den Kindern mitbedenken.
”
Wir Erwachsene bestimmen die Zeit, vielfach habe ich den Eindruck, dass Kinder sich hier anpassen müssen, statt sich an das Zeitverständnis von Kindern anzupassen.
Und wir kommen nicht darum, dass es auch Geld braucht, um Kinderfreundlichkeit herzustellen: Kinderfreundlichkeit bedeutet nichts anders, als dass die Kinderrechte umgesetzt sind. Eine Grundhaltung, die Wertschätzung und Freundlichkeit ausdrückt.
Haben Sie Beispiele dafür?
Klar. Ich wünsche mir, dass es im Restaurant statt den gängigen Pommes für Kinder auch andere Gerichte zu einem geringeren Preis gibt. Auch wenn Kinder trotzdem Pommes bestellen, allein eine Auswahl treffen zu können, bestärkt beim Kind ein unbewusstes Gefühl, dass sich die Erwachsenen Gedanken gemacht haben und die Lebenswelt der Kinder mit einbezogen haben.
- Es wäre wichtig, zeitnah einen Termin bei einer Kinder- und Jugendtherapeutin zu bekommen und nicht erst in sechs Monaten. Wir wollen als Erwachsene auch sofort eine Behandlung, wenn wir uns das Bein brechen und nicht erst in einem halben Jahr. Obwohl auch die ärztliche Versorgung bei Fachärzt:innen in der Welt der Erwachsenen schwierig ist. In der Welt der Kinder jedoch ist es ein fatales Signal, auf Behandlung warten zu müssen.
- Kinder sind keine kleinen Menschen, sondern brauchen uns Erwachsene, die sie schützen und fördern und entsprechend ihres Lebensalters beteiligen an jeden Tag. Dazu müssen wir hinhören, wenn Kinder eine Meinung haben und diese verstärken und sich dafür einsetzen, dass sie gehört werden.
- Kinder kritisieren das Schul-Essen? Wie wäre es damit, eine Befragung durchzuführen und vielleicht den Anbieter oder das Angebot zu wechseln? Anstatt zu sagen: „Nun ja, es kann ja nicht immer schmecken“!
- Ein Kind weint im Einkaufsmarkt, weil es etwas nicht bekommt? Es ist besser, einen mitfühlenden Satz zu den Eltern zu sagen, statt wegzuschauen oder gereizt zu sein in der Art: „Da hat die Erziehung versagt, oder Erziehungstipps geben?“
- Kinder spielen auf dem Spielplatz und freuen sich laut? Das darf sein und bei gegenteiliger Meinung anderer Erwachsener sollten wir uns für diese Kinder einsetzen und diese andere Meinung „pro Kind“ danebenstellen.
- Es ist wichtig, in Wohngebieten und Tempo 30-Zonen auch tatsächlich 30 km/h zu fahren. Den Kindern zuliebe und nicht, weil der Erwachsene Angst hat, geblitzt zu werden.
- Auf den großen Spielplätzen sollte es eine Toilette für Kinder geben, weil Kinder einfach „müssen“. Wir Erwachsene haben ja auch in der Stadt öffentliche Toiletten, die wir nutzen, wenn wir unterwegs sind.
“
Eine Toilette auf einem Spielplatz signalisiert auch: Wir nehmen Kinder (und Familien) ernst.
”Bettina Dörfling - Sind unsere Spielplätze auch für Kinder/Jugendliche attraktiv, die eine Behinderung haben? Ich denke nicht. Wir Erwachsene haben nicht alle Kinder im Blick und beurteilen oftmals das kindliche Verhalten danach, was „normal“ ist oder nicht. Es gibt aber kein „normal“.
Im Grund genommen ist nur mit Kinderrechten eine Zukunft als Gesellschaft erst möglich!
Was plant der Kinderschutzbund Coburg am Weltkindertag?
Am 20. September werden die Kinder der Mittagsbetreuung (Lutherschule) zu uns in das Familienzentrum eingeladen, um in einem Workshop das Thema „Gesunde Ernährung“ näher zu beleuchten. Wir sind Zucker-Detektive und prüfen verschiedene Lebensmittel, wir essen gemeinsam einen Obstsalat und überlegen uns, warum Kinder Obst und Gemüse brauchen.
Am Samstag, 21. September, gibt es von 10 bis 13 Uhr an einem Infostand in der Coburger Innenstadt unter anderem einen Spendenverkauf von Flohmarktartikeln. Für Musik sorgt die Coburger Sambagruppe Passaro de fogo.
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