Schläge, Tritte, sexuelle Übergriffe: Aus Schulen in Bayern werden mehr Fälle von Gewalt bekannt. Die Zahl der registrierten Gewaltdelikte an bayerischen Schulen stieg 2023 im Vergleich zum Vorjahr um 24,5 Prozent, wie Landespolizeipräsident Michael Schwald bei der Vorstellung der polizeilichen Kriminalstatistik informierte. Coburg versucht präventiv dagegen zu halten. Mit Schulsozialarbeitern und Erlebnispädagogen. Einer, der an den Coburger Grundschulen und an der Rückertschule ist Ronny Fleck, Sozial- und Erlebnispädagoge aus Coburg. Auch er sagt: "Die Bereitschaft eine Meinungsverschiedenheit oder einen Konflikt mittels verbaler oder körperlicher Gewalt zu lösen ist aus meiner Sicht und durch meine Erfahrungen der letzen Jahre schon spürbar gestiegen."
Herr Fleck, warum werden Sie von Schulen engagiert? Wo drückt der Schuh?
Ronny Fleck: In den meisten Fällen werden mein Team und ich von den Schulen angesprochen um soziale Kompetenztrainings in verschiedenen Klassen durchzuführen. Die Trainings sollen dabei unterstützen, die sozialen Basiskompetenzen wie beispielsweise Erhöhung der Konfliktfähigkeit, das Erarbeiten von Problemlösungsstrategien, Zusammenarbeiten im Team, Erkennen und respektieren eigener und fremder Grenzen, u.a. zu fördern. Die Kinder und Jugendlichen haben oftmals Schwierigkeiten sich in einer bestehenden Gruppe einzufügen, ihren Platz zu finden, zu akzeptieren, dass sie eines von vielen sind, und ihre eigenen Bedürfnisse auch mal den Bedürfnissen der Gruppe unterzuordnen. Da kommt es auch zu Konflikten und Reibung innerhalb der Klassengemeinschaft, die unter anderem so verlaufen, dass Unterricht nur schwer durchführbar ist und sich das Klassenklima für alle Beteiligten verschlechtert und als unangenehm empfunden wird.
Wie schätzen Sie die Situation an Grund- und Mittelschulen ein – im Hinblick auf Aggressionspotenzial und Gewaltbereitschaft?
Die Kinder und Jugendlichen, welche aktuell die Schule besuchen haben immer öfter Schwierigkeiten, Konflikte ohne verbale oder körperliche Gewalt zu lösen. Die Sprache untereinander wird rauer und man spricht sich gegenseitig mit Schimpfwörtern oder Beleidigungen an. Die Tatsache, dass heutzutage eine Nachricht mit Beleidigungen oder einer Beschimpfung mit dem Handy schnell weggeschickt ist, und eine unmittelbare Reaktion von den Kindern und Jugendlichen nicht erlebt wird, ist nur ein Punkt von vielen, der aus meiner Sicht dazu geführt hat, dass es an den Schulen rauer zu geht.
“Die Unfähigkeit, eigene Bedürfnisse oder Meinungen neben anderen stehen zu lassen oder gar hinten anzustellen, sorgt dafür, dass es in der Folge zu einer erhöhten Frustration und Aggression kommt, die mit einer erhöhten Gewaltbereitschaft verbunden ist.
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Haben Sie ein paar Beispiele aus Ihrer Praxis, wie gewaltbereite Kinder miteinander umgehen?
Natürlich erleben wir häufig, dass Kinder und Jugendliche nicht gut miteinander kommunizieren - und genau da fangen die Probleme an. Man bekommt von den Kindern und Jugendlichen erklärt, dass es doch nur Spaß sei, aber durch die beispielsweise fehlende Kompetenz emphatisch zu sein, wird zu schnell übersehen, wann aus Spaß Ernst wird und eine Situation eskaliert. Da kam es auch schon zu Bedrohungen oder körperlichen Auseinandersetzungen.
Auch kam es schon zu Provokationen während von uns durchgeführten Projekten, welche in körperlichen Auseinandersetzungen endeten. Da sind Tritte gegen Körperteile, ziehen an den Haaren oder Spuckattacken.
Viele Lehrer beklagen, dass Sie es seit Corona mit kleinen verwöhnten Egoisten zu tun haben, die sich nur schwer in die Klassengemeinschaft einfügen. Können Sie das bestätigen? Welche Rolle spielt Ihrer Meinung nach Corona?
Meiner Meinung nach, gibt es die Tendenz, dass Kinder und Jugendliche zunehmend weniger in der Lage sind, adäquat Konflikte zu lösen schon seit mehreren Jahren. Wir in unserem Institut beobachten schon länger, dass es zunehmend an grundlegenden sozialen Kompetenzen fehlt, welche den Kindern dabei helfen könnten in schwierigen Situationen, bei Problemen oder bei sich anbahnenden oder schon bestehenden Konflikten gut zu reagieren.
Während Corona stand den Kindern und Jugendlichen der Lernraum „Gruppe“ und somit soziales Lernen überhaupt nicht zur Verfügung. Sie mussten sich nicht anpassen oder Bedürfnisse anderer respektieren und ihrer eigenen Bedürfnisse wurden oftmals unmittelbar wahrgenommen und berücksichtigt, da meist ein erwachsenes Familienmitglied während der Pandemie bei ihnen war und darauf reagieren konnte.
Nach der Pandemie waren auf einmal wieder andere Kinder und Jugendliche da, welche auch Bedürfnisse haben und welche gewohnt waren, dass diese unmittelbar wahrgenommen und berücksichtigt werden. Dieser Umstand führte in der Folge zu Reibungen und Konflikten.
Von daher würde ich nicht sagen, dass Corona der Auslöser für die aktuellen Entwicklungen war oder ist, aber mit Sicherheit wurden bereits bestehende Entwicklungen durch die Pandemie und ihre Folgen beschleunigt.
Erklären Sie doch kurz Ihre Strategie bei der Erlebnispädagogik? Wie gehen Sie vor?
Es gibt keine „Strategie“ - aber wir setzen darauf, dass durch Tun und Erleben Prozesse in den Kindern und Jugendlichen angeregt werden und die praktisch gemachten Erfahrungen in Alltagssituationen abgerufen und angewendet werden können - Lernen mit Kopf, Herz und Hand.
Eine wesentliche Rolle spielen dabei der Transfer in den Lebensalltag. Wir versuchen den Kindern und Jugendlichen zu erklären, was die Übung, welche sie jetzt durchgeführt haben, mit ihrem Alltag zu tun hat und oftmals sehen wir schon während der Aufgaben und Übungen sprichwörtlich ein Licht aufgehen oder bekommen eine „Erkenntnis“ in Form einer Rückmeldung von den anderen. Anhand derer wir sehen, dass unser Konzept funktioniert.
Natürlich versuchen wir auch ein anderes Setting für die Einheiten zu setzen. Wir gehen, wenn möglich nach draussen, versuchen den gewohnten Rahmen zu verlassen oder zu verändern und versuchen mehr auf andere, bei den Jugendlichen vorhandene Ressourcen zu achten.
Am liebsten ist es uns natürlich, wenn wir für unsere Einheiten ganz in die Natur raus können, wie zum Beispiel für eine Floßbauaktion - da haben wir dann Erlebnispädagogik pur und die fängt mit der „Anreise“ zum Durchführungsort manchmal schon an.
Wir präferieren immer mittel- bis langfristig angelegte Aktionen, um auch eine Wirkung zu erzielen und nicht nur Kurzzeitpädagogik zu betreiben - und wir versuchen natürlich auch unsere Kooperationspartner davon zu überzeugen. Natürlich kostet das Geld, dieses ist jedoch aus unserer Sicht sinnvoll angelegt, denn junge Menschen die über gute Resilienzfaktoren und gut ausgeprägte soziale Kompetenzen verfügen, sind später weniger gefährdet Leistungen des Sozialsystems in Anspruch nehmen zu müssen und sind wichtige und bereichernde Mitglieder unserer Gesellschaft.
Welche Erfolge können Sie in kurzer Zeit erwarten?
Das ist schwierig zu sagen, aber wie zuvor schon erwähnt, versuchen wir mittel- bis langfristig zu denken und Nachhaltigkeit zu erreichen. Dennoch sehen wir an bereits gelaufenen oder laufenden Projekten, dass auch kurzfristig Erfolge sichtbar sind. So erhalten wir die Rückmeldung, dass nach von uns durchgeführten Einheiten, Veränderungen bei einzelnen Schülern eingesetzt haben, welche sich in der Folge auch auf die Klassengemeinschaft ausgewirkt haben.
Auch bekommen wir bei laufenden Projekten die Rückmeldung, dass es zu weniger Konflikten kommt und das Klassenklima sich positiv verändert.
Die Arbeit, die mein Team und ich leisten, ist keine Medizin, die man einmalig einnimmt und der „Patient“ ist schlagartig gesund - aber mit Beginn unserer Arbeit beginnen Veränderungsprozesse und diese sind positiv. Besonders positiv ist hier das Projekt „Jetzt Ihr“ an der Rückert Mittelschule in Coburg zu nennen - hier zeigen sich zur Halbzeit des Projektes schon positive Effekte - doch auch hier sind wir bemüht auch an die Zeit für nach dem Projekt zu denken, um nachhaltig zu handeln.
Können Erlebnispädagogen fehlende Schulsozialarbeiter oder gar Psychologen ersetzen?
Ganz klar nein - jeder der vorgenannten Gruppen hat seine eigenen Methoden und Arbeitsfelder. Vielmehr sehe ich uns als Ergänzung zu den bestehenden Strukturen, da wir nunmal einen anderen „Methodenkoffer“ haben und auch über andere Qualifikationen verfügen. Ich schätze die Arbeit der SchulsozialabrieterInnen, der PsychologInnen und JugendsozialabreiterInnen an Schulen sehr und wünsche mir eine enge und konstruktive Zusammenarbeit - denn zusammen können wir etwas Großartiges Positives schaffen, um unseren Kindern und Jugendlichen die notwendigen Kompetenzen an die Hand zu geben, die ihnen dabei helfen ihren Lebensweg erfolgreich zu bewältigen.
Worauf sollten Eltern achten, damit Kinder und Jugendliche wieder teamfähiger und weniger gewaltbereit sind?
Alle Eltern versuchen das bestmögliche für ihre Kinder zu tun und ich glaube es ist immer schwierig dann von außen Ratschläge zu erteilen.
- Ich kann jedoch so viel sagen, dass es unheimlich wichtig ist eine positive und tragfähige Beziehung zu haben, sich wertschätzwend zu begegnen und auch die sonst vermeintlich alltäglichen als selbstverständlich angesehenen Dinge und Situationen positiv wertzuschätzen.
- Des Weiteren ist es wichtig im eigenen Handeln und im Umgang mit den Kindern konsequent und verlässlich zu agieren. Versprechen müssen eingehalten werden. Erwachsene sollten positive Vorbilder sein, das fängt beim morgendlichen in die Schule bringen an und hier nicht Über andere zu fluchen oder zu schimpfen, sich an Verkehrsregeln zu halten und nicht bewusst 10 km/h zu schnell zu fahren - Kinder sehen und merken sich das und es ist für sie in Ordnung in anderen Situationen Regeln bewusst zu verletzen.
- Im Familienalltag sollten Eltern unbedingt die Dinge die sie ankündigen auch umsetzen, denn sonst erscheinen sie als unzuverlässig und Kinder machen dann auch nicht das, was sie ankündigen oder versprechen und warum auch - die Erwachsenen machen es ja auch nicht.
- Vielleicht ist zur Konsequenz und Verbindlichkeit gegenüber Kindern auch noch wichtig zu sagen, dass Kinder eine ihrem Alter angemessene Medienzeit haben, nur die Inhalte konsumieren, die ihrem Alter entsprechend freigegeben sind und lernen Medien „richtig" zu nutzen.
- Zu guter Letzt bleibt mir als Erlebnispädagoge nur zu sagen, dass Eltern unbedingt wieder mehr mit ihren Kindern zelten gehen sollten, Lagerfeuer machen, radeln zu gehen , zu geocachen oder Boot fahren zu gehen - eben zu entschleunigen und sie werden selber merken, dass dies ihnen selbst auch gut tut. Es geht dabei um die gemeinsame Zeit, das gemeinsame Erleben, das Erfahrungen sammeln und damit die eigenen Kinder fit für ihren Lebensweg zu machen.
Die Fragen stellte Christiane Lehmann.
Hintergrund: Aktuell ist Ronny Fleck mit seinem Team an der Rückert -Mittelschule, wo er etwa 180 Schüler betreut, an der Luther-Grundschule, sowie der Heimatringgrundschule (Soziales Kompetenztraining an Grundschulen - SkiGs - 45 Schüler). Somit nehmen insgesamt aktuell etwa 225 SchülerInnen an den Einheiten im Rahmen der vorgenannten Programme teil.
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