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Gewalt und Mobbing?
Was wirklich los ist an der Coburger Rückertschule
Die Neuntklässler Hewad, Lucy und Anna können es nicht fassen, wie ihre Schule in der Öffentlichkeit dargestellt wird. Sie fürchten, dass sich ihre Mitschüler jetzt noch mehr als Versager fühlen.
Die Neuntklässler Hewad, Lucy und Anna können es nicht fassen, wie ihre Schule in der Öffentlichkeit dargestellt wird. Sie fürchten, dass sich ihre Mitschüler jetzt noch mehr als Versager fühlen. // Christiane Lehmann
Coburg – An der Rückertschule wurden Fälle von Gewalt bekannt. Auch das Wort „Brennpunktschule“ fiel. Lehrer und Schüler wehren sich dagegen.

Als sie von den Vorwürfen hörten, haben sie gelacht. Zunächst. Das, was da über ihre Schule behauptet wurde, war doch nicht ihre Schule. Die Neuntklässler Lucy, Anna und Hewad haben gerade ihren Quali an der Rückertschule gemacht. „Wir sind hier an einer tollen Schule“, sagt Hewad, der jetzt in der M-Klasse seine Mittlere Reife machen möchte.

Seit der Sitzung des Jugendhilfesenats in der vergangenen Woche, bei der das Präventionsprojekt „Jetzt ihr!“ für die Rückertschule beschlossen wurde, wird über Gewalt, Mobbing und bedrohte Lehrer an der Rückertschule diskutiert.

„Permanentes Mobbing" 

Hintergrund ist auch der Bericht des Erlebnispädagogen Ronny Fleck, der in der Sitzung davon sprach, dass er eine Trainingsstunde mit den Schülern abbrechen musste – aber eben nicht, wie anderslautende Informationen sagen – weil die Klasse zu eskalieren drohte, sondern, weil die Kinder nicht mehr aufnahmefähig waren. Ronny Fleck arbeitet derzeit an mehreren Grundschulen in Coburg, da die Kinder durch die Corona-Zeit nicht mehr gruppenfähig sind und das Miteinander wieder lernen müssen.

An der Rückertschule hatte er bereits Übungsstunden in der Unterstufe, da insbesondere die 5. und 6. Klassen massiv auffällig sind. Verbale Entgleisungen, Respektlosigkeit, Raufereien seien an der Tagesordnung. Der Elternbeiratsvorsitzende David Cooper berichtet von „permanentem Mobbing“ und ausufernder Gewalt. Seiner Meinung nach müsse viel mehr durchgegriffen und Grenzen gesetzt werden.

Messer am Hals

Tatsächlich ist ein Schüler einem anderen mit dem Messer an den Hals gegangen. Das bestätigt auch Schulleiter Norbert Trütschel. Doch die Polizei wurde sofort gerufen. Der junge Mann verließ nach der 8. Klasse die Schule und ist mittlerweile mehrfach auffällig geworden. „Er war es auch, der den Obdachlosen geschlagen hat“, sagt Trütschel. Dafür könne eine Schule nichts.

Vandalismus und Schlägereien auf dem Schulhof – auch das gab es. Bis vor kurzem war das Gelände für alle zugänglich. „Jetzt haben wir endlich einen Zaun und können das begrenzen“, sagt der Rektor. Seither seien keine fremden Schüler mehr aufs Schulgelände gekommen und hätten Streit angefangen.

Hewad spricht von Kinderraufereien, die er ab und zu beobachtet. Nennt es ganz normal, dass 12- und 13-Jährige ihre kleinen Kämpfe austragen. Der junge Afghane, der übrigens mit 1,4 seinen Abschluss machte und Klassensprecher ist, ist sehr betroffen von dem Bild, das gerade von „seiner“ Schule gezeichnet wird.

„Die Leute denken jetzt, wir sind die schlimmste Schule. Das ist ganz nachteilig für uns Schüler“, sagt der junge Mann, der das Gefühl kennt, wenn Gymnasiasten oder Realschüler auf Mittelschüler herab blicken. Hewad fühlt sich offen angenommen. „Ich wurde nie ausgegrenzt – obwohl auch ich in der 5. und 6. ein richtiger kleiner Rebell war.“ „Die Lehrer kümmern sich persönlich um uns“, bekräftigt Lucy und erzählt von den Sozialarbeitern und dem Vertrauenslehrer an der Schule. „Hilfsbereitschaft kommt von allen Seiten“, wirft Anna ein.

Ruf der Schule retten

Den dreien ist das Lachen über die Vorwürfe längst vergangen. Sie sind aufgebracht und wissen nicht, was sie tun können, um den Ruf ihrer Schule zu retten.Sie erzählen von tollen Projekten, die an der Rückertschule laufen. Hewad beispielsweise macht bei Rückert-TV mit und dreht unter anderem Benimm-Videos. Die 6.Klässler haben erst vergangene Woche in der Reithalle ein Theaterstück aufgeführt. Die Berufsorientierung mit Praktika und dem Tag des Handwerks läuft auf Hochtouren.

„Coole Atmosphäre“

„Es herrscht hier eine coole Atmosphäre“, versichern sie und möchten am liebsten vor dem Schulgraffiti „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ fotografiert werden. Ihr Klassenlehrer Gregor Malinovski sagt: „Ich liebe diese Schule mit ihren Ecken und Kanten. Jeder einzelne Schüler ist wie einer der Steiner, aus dem das Haus gebaut wurde. In jedem Schüler steckt etwas, für das es sich zu kämpfen lohnt.“

Norbert Trütschel und seine Konrektorin Tanja Schmidt ermuntern mich, doch einfach mal in die Klassen zu gehen, eine Pause auf dem Schulhof mitzuerleben. „Wir sind doch hier nicht in Berlin Kreuzberg – und ganz bestimmt keine Brennpunktschule“, betont der Rektor. „Wir sind eine Schule gegen Rassismus, bei uns hat Integration gefruchtet.“ Rechnet man die beiden ukrainischen Brückenklassen mit, liegt der Anteil der Schüler mit Migrationshintergrund bei 51 Prozent. „Wir kümmern uns um die Ukrainer“, sagt Hewad, der weiß, was es heißt, dazugehören zu wollen. Die Rückertschule präsentiert sich als eine bunte, moderne Schule mit einem neuen selbst gestalteten Logo, das von den Kaffeebechern strahlt. Sie ist auch eine Schule, die mit den gesellschaftlichen Veränderungen und innerfamiliären Problemen kämpft, die vor keinem Schultor Halt machen.

Rektor Norbert Trütschel
Rektor Norbert Trütschel // Christiane Lehmann

Rektor Norbert Trütschel:

„Ich bin sehr dankbar für den Schulterschluss, den der Jugendhilfesenat mit der Zustimmung zu dem Modellprojekt ,Jetzt Ihr!’ geschafft hat. . In den Jahren nach der Pandemie wurden die 5. und 6. Klassen massiv auffällig. Es gibt Verbalentgleisungen und auch Handgreiflichkeiten. Aber wir sprechen von etwa zwölf von insgesamt 339 Schülern an unserer Schule. Sie sind unsere Sorgenkinder, um die wir uns besonders kümmern müssen. Es ist auch klar, dass die Probleme nicht erst auf dem Schulgelände entstehen, viele bringen innerfamiliäre Schwierigkeiten mit. Wir haben die gleichen Probleme wie viele andere Schulen auch. Wir sind keine Brennpunktschule!“

Dritter Bürgermeister Can Aydin
Dritter Bürgermeister Can Aydin // Simone Bastian

Can Aydin, Dritter Bürgermeister:

„Als ehemaliger Schüler der Rückertschule liegen mir die Mittelschulen am Herzen. Deshalb war es mir wichtig, das Modellprojekt ,Jetzt ihr!“ an der Rückertschule zu etablieren. Hierbei handelt es sich um ein ganzheitliches Konzept zur Förderung beruflicher und sozialer Integration. Wichtig ist mir persönlich der Erfahrungsaustausch mit ehemaligen Schülern, die Perspektiven aufzeigen. Auch ich werde daran teilnehmen und den Schülern demonstrieren, dass mal als Mittelschüler sogar Bürgermeister werden kann. “

Erlebnispädagoge Ronny Fleck
Erlebnispädagoge Ronny Fleck // Ronny Fleck

Ronny Fleck, Erlebnispädagoge:

„Auch die Jugendlichen an der Rückertschule haben unter den Auswirkungen der Pandemie zu leiden. Sie haben ihr Gemeinschaftsgefühl verloren, ihre Kommunikationsfähigkeit, ihre Konzentration und Gruppentauglichkeit verlernt.

An der Rückertschule gibt es große Defizite bei den Basiskompetenzen. Dadurch kommt es zu Konflikten. Die Gewaltbereitschaft ist da. Lehrer und Schüler fühlen sich bedroht. Ich arbeite mit einem Schüler, der mit einer Schere auf dem Schulhof bedroht wurde. Meiner Meinung nach ist die Rückertschule eindeutig eine Brennpunktschule.“

Coburger Kinderbeauftragte Karin Burkardt-Zesewitz
Karin Burkardt-Zesewitz ist seit November 2022 die Kinderbeauftragte der Stadt Coburg. // Stadt Coburg

Karin Burkardt-Zesewitz:

„Ich bin keine Expertin in Sachen Schule, aber eine, die darum weiß wie wichtig es ist , Ressourcen zu finden, zu schätzen und zu fördern. Und wie schädlich es ist, Glaubenssätze zu pflanzen, die sie sich negativ auswirken. Die Rückertschule sollte jetzt gerade nicht schlecht geredet werden – auch, wenn die aktuellen Probleme natürlich benannt werden müssen. “

 

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