0
Bildung
Immer mehr Schulschwänzer in Coburg
Das Schwänzen des Unterrichts hat oft unterschiedliche Gründe. Manchmal wollen auch die Eltern, dass die Kinder lieber daheim bleiben.
Das Schwänzen des Unterrichts hat oft unterschiedliche Gründe. Manchmal wollen auch die Eltern, dass die Kinder lieber daheim bleiben. // dpa/Jens Kalaene
Coburg – Die Auswirkungen von Corona bekommen die Schulpsychologen der Grund- und Mittelschulen zu spüren. Es gibt immer mehr „Schulverweigerer“.

CoburgDas Schuljahr ist noch jung. Da kann doch noch nicht so viel schief laufen. Meint man – abgesehen natürlich von der ewigen Misere, dass es auch heuer wieder viel zu wenig Lehrer für immer mehr verhaltensauffällige Schüler gibt. Doch für die vier Schulpsychologinnen Anja Pschirrer-Merzbacher, Christine Freundl, Helga Geheeb und Daniela Kunstmann waren die Sommerferien nur eine Verschnaufpause.

Die Probleme, mit denen sie an den Grund- und Mittelschulen zu tun haben, sind immer noch die gleichen wie im vergangenen Jahr: Kinder mit Depressionen, Autismus, Angststörungen, Panikattacken, Konzentrationsschwäche, ADHS – und mit Kindern und Jugendlichen, die den Schulbesuch verweigern.

Lehrer arbeiten sich auf

Allein Anja Pschirrer-Metzbacher hat über 40 schwierige und komplexe Fälle auf dem Schreibtisch. Die Lehrkräfte seien vielfach überfordert. „Wir brauchen medizinische Unterstützung. Aber es ist unglaublich, wie lange die Kinder auf einen Termin beim Kinder- und Jugendpsychiater hier warten müssen“, sagt sie.

Schulpsychologinnen am runden Tisch (von links): Daniela Kunstmann, Helga Geheeb, Christine Freundl und Anja Pschirrer-Metzbacher.
Schulpsychologinnen am runden Tisch (von links): Daniela Kunstmann, Helga Geheeb, Christine Freundl und Anja Pschirrer-Metzbacher. // Christiane Lehmann

Schulbegleiter, Lehrkräfte mit sonderpädagogischer Zusatzausbildung sind Mangelware. „Die Lehrer arbeiten sich auf. Es gibt zu wenige davon im Verhältnis zu dem erhöhtem Bedarf an Kindern mit verschiedensten Schwierigkeiten beim Lernen“, ergänzt Christine Freundl.

Immer mehr Kinder bleiben einfach weg

Sie ist es, die schon in den ersten Tagen des neuen Schuljahres mit einem Schulverweigerer zu tun hatte. „Seit Corona werden es immer mehr, die daheim bleiben“, sagt sie. Dabei könne nicht unbedingt vom klassischen „Schuleschwänzen“ gesprochen werden, betont ihre Kollegin. Es sind ganz unterschiedliche Gründe, weshalb Kinder morgens nicht zur Schule kommen. Und die wenigsten sind die, die einfach mal „blau“ machen wollen oder keine Lust haben. Anja Pschirrer-Metzbacher differenziert: Natürlich gebe es die „Schwänzer“. Doch viel häufiger sind es Kinder, die ein psychisches Problem haben, Trennungsängste oder Angst vor Überforderung, Mobbing oder Gewalt. „Diese Kinder brauchen dringend psychologische Hilfe, sagt sie. Tatsächlich gibt es Eltern, die ihre Kinder nicht zur Schule gehen lassen, weil sie auf ihre Geschwister aufpassen sollen oder weil die Mutter krank ist.

„Ich habe allein 40 schwierige, langwierige  und komplexe Fälle aus dem vergangenen Schuljahr zu bearbeiten. Es fehlt dringend an Kinder- und Jugendpsychiatern.“ (Anja Pschirrer-Merzbacher, Schulpsychologin)

 

„Wir betreiben Ursachenforschung. Und manchmal sind es auch keine rationalen Gründe, die Kinder haben. Wir Schulpsychologinnen tun was wir können. Genau dann wäre Unterstützung von psychiatrischer und therapeutischer Seite notwendig. Doch daran fehlt es leider oft“, sagt Pschirrer-Merzbacher.

Helga Geheeb, seit 31 Jahren als Schulpsychologin tätig, setzt auf Prävention. Erste Anzeichen seien Kinder, die über Halsschmerzen und Übelkeit klagen, um nicht zur Schule zu müssen. Eltern sollten in solchen Fällen konsequent sein und in der Zeit, in der die Kinder daheim bleiben auch kein Handy, Fernsehen oder Switch erlauben.

Im Homeschooling war es auch schön

Durch Corona hätten sich die Kinder daheim gut eingerichtet. Ein paar Snacks am Laptop, zwischendurch aufstehen und herumlaufen, das sei für die Kinder schön gewesen. „Das Bedürfnis der Kinder nach Nähe ist befriedigt worden.“ Jetzt sollen die Kinder wieder in die Schule während die Eltern weiter im Homeoffice bleiben dürfen. In der Schule erwartet die Kinder Struktur und Disziplin – ganz abgesehen von den vielen Mitschülern, an die sie gar nicht mehr gewöhnt sind.

„ Die Intensität der Aggressionen hat sich verändert. Wenn einer am Boden liegt, wird nachgetreten. Wir  müssen  frühzeitig eingreifen und  dürfen Missverhalten nicht tolerieren.“ (Helga Geheeb, Schulpsychologin)

Umso wichtiger sei es,betont Daniela Kunstmann, dass Eltern den Kindern ein positives Bild von der Schule vermitteln. Schule ist ein Ort, an dem sie Freunde finden und spannende Dinge lernen. Eltern sind für die Lehrer wichtige Partner. Denn: Eltern wollen grundsätzlich immer das Beste für ihr Kind.

Schulpsychologen im Gespräch

Anja Pschirrer, Beratungsrektorin  Schulpsychologin für Grund- und Mittelschulen

Christine Freundl, Studienrätin im Grundschuldienst  Schulpsychologin in Rödental-Mitte

Daniela Kunstmann, Schulpsychologin an der Heubischer Schule in Neustadt

Helga Geheeb, Schulpsychologin, unterstützt das Team

Kontakt Wenn Sie einen Termin möchten, wenden Sie sich bitte an die jeweilige Schule oder ans staatliche Schulamt.

Tipps für Eltern

- Suchen Sie das Gespräch mit Ihrem Kind. Fragen Sie nach den guten und schlechten Erfahrungen vom Tag.

- Fragen Sie nach den Hausaufgaben und schauen Sie in die Hefte.

- Sprechen Sie mit Ihrem Kind über die Handynutzung und schauen Sie sich gemeinsam Inhalte an, die konsumiert werden. .

- Vermitteln Sie ein positives Bild von der Schule.

- Wenn Ihr Kind nicht in die Schule will, darf in dieser Zeit auch kein Handy, TV, Switch oder Laptop benutzen.

Lesen Sie dazu auch

Inhalt teilen
  • kopiert!