Wolfram Hegen war neulich mit dem Auto im Coburger Süden unterwegs – „da bei der Aral-Tankstelle“, wie sich der Journalist erinnert. Als er durch die Ernst-Faber-Straße fuhr, gab ihm sein Navi einen Tipp: „Links abbiegen in die Oskar-Schindler-Straße!“
Da musste Wolfram Hegen erst einmal gehörig stutzen. „Oskar-Schindler-Straße? Das ist doch die Max-Brose-Straße!“
Am Montagabend hat Wolfram Hegen seine Entdeckung via Facebook publik gemacht, und sie ist auch Thema in seinem Magazin „Coburger“, das am Mittwoch neu erscheint.
Dazwischen, am Dienstag, schlug die „Max-Brose-Oskar-Schindler-Affäre“ vor allem auf unserem Portal www.coburger-tageblatt.de hohe Wellen. Denn die Geschichte ist nicht nur kurios, sie birgt auch jede Menge politischen Zündstoff. Und über allem steht natürlich die Frage: Wer hat das gemacht? Und warum?
Zunächst zu den Fakten: Wer den Online-Kartendienst von „Google Maps“ aufruft, der auch von den meisten Navigationsgeräten verwendet wird, stößt in Coburg neuerdings auf eine Oskar-Schindler-Straße. Es handelt sich dabei um den südlichsten Abschnitt der Max-Brose-Straße zwischen den Einmündungen Ernst-Faber-Straße und Bamberger Straße.
Wohlgemerkt: Eine Umbenennung oder auch Teil-Umbenennung hat es in Wirklichkeit nie gegeben. Sie fand ausschließlich online statt.
Die Parallelen zwischen Oskar Schindler und Max Brose
Dass der unbekannte Täter aber genau diese Straße wählte, um dann ausgerechnet Oskar Schindler zu würdigen, kann kein Zufall sein. Denn es gibt ja durchaus eine Parallele zwischen diesen beiden Männern. So hatte Oskar Schindler im Dritten Reich mehr als 1200 jüdische Zwangsarbeiter vor der Ermordung in Konzentrationslagern gerettet.
Max Brose wiederum, Firmengründer von Brose, hat während des Dritten Reichs zahlreiche Zwangsarbeiter in seinem Betrieb beschäftigt. Als in Coburg darüber diskutiert wurde, ob eine Straße nach Max Brose benannt werden soll, wurde die genaue Rolle von Max Brose sehr unterschiedlich bewertet: Die einen sahen in ihm einen Profiteur des Nazi-Regimes, die anderen betonten, dass Max Brose die Zwangsarbeiter immer gut behandelt hätte.
Dass die Umbenennung 2015 trotzdem erfolgte, hat im vergangenen Jahr gleich mehrmals der TV-Satiriker Jan Böhmermann in seinem „ZDF Magazin Royal“ thematisiert. Deshalb liegt der Verdacht nahe, dass Böhmermann auch hinter der neuerlichen Aktion stecken könnte. Das Tageblatt hat deshalb nachgefragt; doch bis Dienstagabend gab es keine Antwort von der Redaktion des „ZDF Magazin Royale“.
Scherz oder politische Botschaft?
Die Frage, ob sich da jemand nur einen Scherz erlaubt hat oder ob hinter der Aktion vielleicht eine politische Botschaft steckt, stellt sich auch Coburgs Stadtheimatpfleger Christian Boseckert.
In einem Interview mit dem Coburger Lokalsender Radio Eins, das am Mittwochmorgen gesendet wird, äußert Christian Boseckert zumindest einen Verdacht: Die Person, die das getan hat, müsse „Ahnung von der Materie“ und auch ein gewisses „Verständnis für Symbolik haben“. Denn es sei ja ganz offenbar versucht worden, „zwei Pole“ gegenüberzustellen: Auf der einen Seite der hoch angesehene Oskar Schindler, der während des Zweiten Weltkriegs mehr als 1200 Zwangsarbeiter vor dem Tod gerettet hat – auf der anderen Seite Max Brose, dessen Beziehung zu Zwangsarbeitern bis heute als umstritten gelte.
Im Interview mit Radio-Eins-Moderator Thomas Apfel weist der Coburger Stadtheimatpfleger aber auch noch einmal grundsätzlich darauf hin, dass die Beschäftigung von Zwangsarbeitern während des Zweiten Weltkriegs „kein Phänomen der Industrie“ gewesen sei. Stattdessen habe damals jeder die Möglichkeit besessen, Zwangsarbeiter anzufordern – auch Kleinstbetriebe und landschaftliche Betriebe sowie sogar Privathaushalte.
Wie kam es zu der Geschichte?
Im Radio-Eins-Interview ist außerdem Wolfram Hegen zu hören: Er erzählt, wie er auf die kuriose Geschichte mit der Oskar-Schindler-Straße gestoßen ist.
Einen weiteren Text zu Michael Stoschek lesen Sie hier:














