Vor einigen Wochen hat sich eine ukrainisch-orthodoxe Gemeinde gebildet, die sich mit ihrem Pfarrer Artem Bondarenko jeden Sonntag in der Dr.-Martin-Luther-Kirche zum Gottesdienst trifft. Bondarenko, der von der Krim stammt, gehörte früher der Russisch-orthodoxen Kirche an.
Als in Kiew 2013 zahlreiche Menschen auf den „Platz der Unabhängigkeit“ (Majdan Nesaleschnosti) kamen, um gegen die Diktatur zu protestieren, war er als Volontär und Kaplan öfter an verschiedenen Orten in der Ostukraine tätig und erlebte, wie die Menschen mit massiver Gewalt auseinandergetrieben wurden. Als Freiwilliger half er dort mit Spenden und war jeweils für ein paar Tage in Städten wie Severodonezk, Kramatorsk, Bachmut, Sloviansk, in der Nähe von Mariupol und im Feldhospital Rosivka tätig. „Es herrschte an und für sich eine gute Atmosphäre, allerdings war es dort auch gefährlich, und die Menschen waren verunsichert“, erzählt er.
Nach der Jahrtausendwende wurde es schwierig in der Ukraine
Gleich nach der Revolution und dem sich daraus ergebenden Konflikt in der Ukraine waren viele in den Osten des Landes gegangen. Separatisten erhielten vom russischen Geheimdienst Waffen. Die russische Propaganda griff mehr und mehr um sich. Bondarenko selbst lebte zu dieser Zeit schon in Deutschland, denn 2003 absolvierte er sein theologisches Studium an der Akademie in Kiew und kam durch ein Stipendiat nach Erlangen. Er entschied sich, in Deutschland zu bleiben.
Aufgrund der Erlebnisse, die der Priester rund um den Majdan und den sich immer mehr zuspitzenden Konflikt in seiner Heimat durch seinen ehrenamtlichen Hilfsdienst auch persönlich mitbekommen hatte, konvertierte er zur Ukrainisch-orthodoxen Kirche. Seit sieben Jahren ist Artem Bodarenko bereits in Coburg, nachdem er zuvor unter anderem in Erlangen und Bamberg gelebt hatte. Zwei seiner fünf Kinder sind in Deutschland geboren.
Da die Strukturen in der orthodoxen Kirche anders als bei den beiden großen Kirchen in Deutschland sind und es beispielsweise keine Kirchensteuer gibt, versieht Artem Bondarenko das Priesteramt ehrenamtlich und ist in der Molkerei in Wiesenfeld tätig. Für ihn persönlich ist die derzeitige Situation in seiner Heimat schlimm, weil er selbst wenig helfen kann.
Post wird abgefangen, Nachrichten werden abgehört
Fast alle seiner Angehörigen wohnen nach wie vor in der Ukraine. Mit seiner Mutter in Kiew kann Artem Bondarenko ohne Probleme telefonieren und so Kontakt halten. Mit Familienangehörigen, die auf der Krim leben, besteht ein vorsichtiger Kontakt. Es werden keine Grußkarten zu großen Nationalfeiertagen geschrieben, weil Post, wie Bondarenko berichtet, durch den russischen Geheimdienst kontrolliert werde und viele Menschen Angst hätten, unschuldig im Gefängnis zu landen.
Auch mit dem in der Ukraine weit verbreiteten Chat-Dienst Viber werde nur das Nötigste geschrieben und weder Symbole oder etwa Bilder von Fahnen würden darüber verschickt. „Die Gefahr wäre groß, dass der Geheimdienst vor der Türe steht.“ Um zumindest ein Lebenszeichen von den Angehörigen zu bekommen, würden beispielsweise Ostergrüße oder allgemeine Sätze mit religiösem Inhalt geschrieben.
Gerade der Glaube und das Christentum helfen Artem Bondarenko und seiner Familie, durch diese schwere Zeit zu kommen. Wie viele andere geht er davon aus, dass die Situation noch länger andauern wird, es sei denn, in Moskau passiere etwas Ähnliches wie auf dem Majdan in Kiew. Der Großteil der Flüchtlinge wolle wieder nach Hause, warte aber ab in der Hoffnung, dass sich die Lage entspanne. Artem Bondarenko will weiterhin für die, die hier bleiben und leben, ukrainisch-orthodoxe Gemeindearbeit leisten.
Immerhin kennt er alleine rund 20 Familien, die hier in der Region sind und einige, die wie er nicht mehr in der Russisch-orthodoxen Kirche bleiben wollen. Er ist dankbar, dass die evangelische Kirchengemeinde die Möglichkeit zum Wechsel bietet.
Über die Telefonnummer, die im Andachtsraum des Klinikums ausgelegen war, sei der Kontakt zustande gekommen, erzählt Bondarenko. Zuvor habe es Gottesdienste in privaten Haushalten gegeben. Durchschnittlich nähmen 15 bis 20 Besucher daran teil.
Im Gottesdienst wird für die Ukraine gebetet
Im Gottesdienst, der jeden Sonntag um 13.30 Uhr in der Kirche in ukrainischer Sprache gehalten wird und für alle offen ist, wird für die Ukraine gebetet. Bei Bedarf wird auch übersetzt. Jeden Sonntag steht am Eingangsbereich der Kirche ein Tisch, auf dem Sach- und Geldspenden abgegeben werden können. Derzeit wird viel benötigt: Medikamente, Verbandszeug, Desinfektionsmittel, Lebensmittel, Funkgeräte, Generatoren, Powerbanks, Schlafsäcke, Kanister, Nachtsichtgeräte, Wärmebildkameras. Priester Bondarenko hofft, dass er selbst in zwei, drei Wochen in die Ukraine fahren und helfen kann.













