Der Wandschmuck und die Bilder sind für ein Vereinslokal und Kulturzentrum eigentümlich. An einer Pinnwand sind Fotografien von Soldaten im Kampfanzug und mit Sturmgewehren zu sehen. Eine Uniformjacke mit Tarnmuster hängt auf einem Kleiderbügel. Auf dem rechten Ärmel ist eine kleine Flagge mit Landesfarben aufgenäht. Blau und Gelb – die Farben der Ukraine – sind in den Räumen des „Vereins Freunde der Ukraine in Coburg“ überall.
Seit eineinhalb Jahren gibt es den „Verein Freunde der Ukraine in Coburg“. In der früheren Gaststätte „Alter Fritz“ in der Rodacher Straße unterhält Artem Bondarenko das Vereinslokal und Kulturzentrum. Angesiedelt ist dort auch der Andachtsraum der ukrainisch-orthodoxen Gemeinde.
Artem Bondarenko ist Vereinsvorsitzender und Priester zugleich. Sein Geld verdient der Geistliche jedoch mit der Schichtarbeit in den Milchwerken Oberfranken in Meeder. Der Verdienst fließt in den Verein und die Gemeinde – und zusammen mit Spenden in die Ukraine. Kirchensteuer wie in Deutschland, finanzielle Zuwendungen von der Kirche gibt es nicht. Der Priester Bondarenko hält Gottesdienste ehrenamtlich.
Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine, der am 24. Februar 2022 begann, war der Anlass für Bondarenko, das Kulturzentrum und den Verein ins Leben zu rufen. „Aber der bewaffnete Konflikt dauert heute schon neun Jahre“, sagt Artem Bondarenko. Denn 2014 annektierte Russland die Halbinsel Krim.
Die Räume in der Rodacher Straße sind an allen Tagen in der Zeit von 9 bis 21 Uhr geöffnet und dienen dem kulturellen und sozialen Austausch zwischen den Menschen aus der Ukraine und Deutschland. „Alle sind willkommen.“ Viele ukrainischen Familien sind seit mehr als einem Jahr durch den Krieg getrennt. Hauptsächlich Frauen mit Kindern sind es, die mit dem Leben in der Fremde zurechtkommen müssen. Der Verein mit etwa einem Dutzend Mitgliedern will den geflüchteten Ukrainern bei der Integration in Deutschland helfen.
Ein Nebenraum dient als „Kapelle des Heiligen Clement, Papst von Rom, Gefangener der Krim“. Auch dort bestimmen das Blau und Gelb der Ukraine die Szenerie. Eine Spendendose zugunsten der ukrainischen Armee steht auf einem Tischchen, dahinter eine Landesflagge mit den Unterschriften von Soldaten, wiederum dahinter ein Tarnnetz der Armee.
Bondarenke ist von der russisch-orthodoxen Kirche zur ukrainisch-orthodoxen konvertiert
Seit zehn Jahren lebt und arbeitet Artem Bondarenko in Deutschland. Er ist auf der Krim geboren, hat in Moskau Theologie studiert und gehörte der russisch-orthodoxen Kirche an. Die Erlebnisse im Jahr 2013 auf dem Majdan, dem Unabhängigkeitsplatz in Kiew, veranlassten den Priester, zur ukrainisch-orthodoxen Kirche zu konvertieren.
Bondarenko ist der Ansicht, dass die russisch-orthodoxe Kirche mit ihrem Patriarch Kyrill I. an dem Krieg eine Mitschuld hat. Sie vertrete rückhaltlos die Position Putins und gebe die russische Propaganda wieder.
Er liefert alle zwei Monate Hilfsgüter
Bondarenko fährt alle zwei Monate mit Hilfsgütern in seine Heimat. Medikamente, Verbandsmaterial, Kleidung, Nahrungsmittel und vieles andere mehr brauchen die Menschen in der Ukraine. „Auch Verletzte versuchen wir von Deutschland aus zu unterstützen“, sagt Bondarenko. „Hier in Deutschland sammle ich neben Sachspenden auch Geld, um die Not im Kriegsgebiet zu lindern. Glücklicherweise gibt es viele hilfsbereite Menschen.“
Pickups für die Front in der Ukraine
Von dem gespendeten Geld beschaffen die Vereinsmitglieder auch Pickups für die Front. Rund ein Dutzend dieser geländegängigen Wagen sind in den vergangenen Monaten in die Ukraine gefahren worden. Damit werden Verletzte aus dem unmittelbaren Kampfgeschehen evakuiert. Die Pickups sind schneller und vielseitiger als Rettungswagen.
Zehn bis 15 Kilometer hinter der Front werden die Verletzten dann an die Rettungswagen für die Fahrt in ein Lazarett oder Krankenhaus übergeben, berichtet Bondarenko und fügt hinzu: „Sie können sich vorstellen, dass diese Autos im Krieg kein langes Leben haben. Um einen Wagen in die Ukraine zu bringen, braucht es rund 1000 Euro. Das ist für Sprit, Autobahngebühren und die Ausfuhr aus der EU.“
Korruption gibt es in der Ukraine nach wie vor
Natürlich könnte man Geld auch überweisen. Aber Korruption gebe es in der Ukraine nach wie vor. Das gehöre zur Wahrheit.
In der ersten Zeit nach dem russischen Angriff sei die psychische Belastung für ihn sehr hoch gewesen. „Es war schwierig, die Nachrichten im Fernsehen zu sehen. Wegen der Bombardements und Raketenangriffe konnte ich kaum normal arbeiten oder mit meiner Frau und den Kindern sprechen. Mein Bischof hat mir gesagt: ,Wir müssen jetzt die Nerven behalten und unsere Gefühle bewahren. Sonst könnten wir nicht weiterleben.‘“
Ein Gefühl der Hilflosigkeit und Selbstvorwürfe
Die geflüchteten Ukrainer litten psychisch mitunter mehr als die Menschen in der Ukraine. „Durch die Ferne macht sich ein Gefühl der Hilflosigkeit breit. Dazu kommen auch Selbstvorwürfe: Hier lebt man in Frieden, während in Kiew und anderen Städten Raketen niedergehen und Bomben explodieren.“
Artem Bondarenko hofft auf ein Ende der Kämpfe noch in diesem Jahr. Russland mache keine Geländegewinne und die anfänglichen Hoffnungen auf einen schnellen Sieg der russischen Armee hätten sich schon längst zerschlagen, sagt der Priester und blickt schon voraus in die Zeit nach dem Krieg: „Nach dem Krieg werden viele Tote zu betrauern sein, Verletzte und Invalide zu versorgen. Die immensen Schäden zu reparieren, wird viele Jahre dauern.
„Großer Hass in der Ukraine auf Russland“
Das alles bewirkt großen Hass in der Ukraine auf Russland. Vielleicht ändert sich Russland, wenn Putin nicht mehr an der Macht ist. Das aber wird Jahre dauern.“
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