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Ausstellung
Wenn Kleider traurige Geschichten erzählen
Frauenausstellung
Das Nachthemd trug eine Bewohnerin im Pflegeheim als sie vergewaltigt wurde. // Christiane Lehmann
Coburg – Im Münzmeisterhaus Coburg zeigt eine Ausstellung die Kleidung, die Opfer sexueller Gewalt trugen. Mit authentischen Geschichten sollen die Besucher zum Nachdenken angeregt werden.

Frauen werden nicht vergewaltigt, weil sie einen Minirock tragen. Frauen, die Opfer sexualisierter Gewalt geworden sind, sehen sich immer wieder einem Vorwurf ausgesetzt: Sie hätten mit aufreizender Kleidung die Tat provoziert. Gegen dieses „victim blaming„, das Frauen zu Täterinnen macht, will die  Wanderausstellung „Was ich anhatte …“ kämpfen, die ab Dienstag, 25. Juni, in Coburg gezeigt wird.

Zwölf Geschichten

Das Sommerkleid einer Sechsjährigen - die dicke Lederjacke einer 15-Jährigen. Alles Kleidungsstücke von Mädchen und Frauen, die sexualisierte Gewalt erfahren haben. Insgesamt zwölf davon sind im Münzmeisterhaus zu sehen. Von zwölf Frauen, die ihre Geschichte erzählen wollen:

Frauenausstellung
Hinter jedem Outfit steckt eine sexuelle Belästigung. // Christiane Lehmann

Nora, die von ihrem Bundeswehrkameraden erst K.-o.-Tropfen bekommen hat und dann von einem vermeintlichen Freund vergewaltigt wurde. Carina, die mit vier Jahren von ihrem Opa missbraucht wurde. Angela, die von einem Arbeitskollegen vergewaltigt wurde. Drei von zwölf Frauen, die nicht mehr länger schweigen wollen.

Hätten in Coburg spielen können

Präsentiert wird die Ausstellung „Was ich anhatte …“ vom Verein „Keine Gewalt gegen Frauen“. Eine Mitarbeiterin betont: „Jeder dieser Fälle hätte in Coburg stattfinden können.“ Allein 80 Beratungen von Frauen, die konkret sexueller Gewalt ausgesetzt waren, fanden 2023 in Coburg, Kronach und Lichtenfels statt. Im Frauenhaus Coburg suchten im vergangenen Jahr 35 Frauen und 21 Kinder Schutz.  „Im Grunde kennt jeder von uns, eine Frau, die von sexueller Gewalt betroffen ist“, sagt die Mitarbeiterin. Statistisch gesehen werden zwei von drei Frauen einmal in ihrem Leben sexuell belästigt. Jede siebte Frau erfährt schwere sexuelle Gewalt.

Frauenausstellung
Ganz normale Kleidung erzählt eine traurige Geschichte. // Christiane Lehmann

Die ausgestellten Kleidungsstücke im Münzmeisterhaus zeigen: Sexualisierte Gewalt kennt kein Alter, kein arm und kein reich. Die jüngste der Betroffenen ist vier Jahre alt, die älteste wurde mit über 80 Jahren im Pflegeheim vergewaltigt. Immer wieder wechseln die ausgestellten Kleidungsstücke, erzählt die Kuratorin Beatrix Wilmes. Es gebe Kleidungsstücke, die die betroffenen Frauen für eine begrenzte Zeit zur Verfügung stellen. Die Opfer möchten sie dann zurückbekommen, weil sie sagen: „Ich haue sie dann in die Tonne und verbrenne sie. Weil damit das Thema für mich abgeschlossen ist“.

Nicht länger schweigen

Oft wird den Opfern sexualisierter Gewalt selbst die Schuld am Übergriff gegeben, beispielsweise wegen zu kurzen Klamotten, die so eine Tat ja provozieren würden. Oft handelt es sich dabei um Alltagskleidung wie Hoodies oder Pyjamas. Gezeigt werden soll: Sexualisierte Gewalt passiert nicht aufgrund bestimmter Kleidungsstücke.

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Denke ich an sexuelle Gewalt, sehe ich schwarz – Frauen setzten sich mit dem Thema aktiv auseinander. // Christiane Lehmann

Neben den ausgestellten Kleidungsstücken teilen die Betroffenen anonym auch ihre Geschichten.  Die Geschichten machen betroffen, regen die Besucher der Ausstellung zum Nachdenken an und verändern den Blickwinkel auf das Thema. Die betroffenen Frauen wollen nicht mehr schweigen und Opfer sein, sondern anderen Frauen Mut machen, sich zu öffnen. 

Aus der Tabuzone holen

In Coburg seien immer mehr junge Mädchen sensibilisiert, was das Thema betrifft. „Wir merken, dass unser Social-Media-Auftritt ankommt“, freut sich die Mitarbeiterin vom Frauennotruf Coburg. In der Online-Beratung sei spürbar, dass die jungen Frauen ihr Recht auf Hilfe kennen und es auch in Anspruch nehmen. Dennoch sei sexuelle Belästigung ein „Riesen-Tabu“ in unserer Gesellschaft.

Interaktiver Bereich

„Die Ausstellung ist ein neues, aufrüttelndes und gleichzeitig berührendes Projekt, das für das Thema sexualisierte Gewalt gegen Frauen sensibilisieren und mobilisieren soll. Sie soll zu einem neuen Verständnis beitragen, um das Thema sexualisierte Gewalt aus der Tabuzone zu holen“, sagt die Leiterin der Beratungsstelle. Im Nebenraum der Ausstellung gibt es einen interaktiven Bereich, in dem sich Frauen ganz persönlich mit dem Thema auseinandersetzen könne. Hinter einer Trennwand hat jede Frau die Möglichkeit an einer Schaufensterpuppe die Stelle mit einem roten Punkt zu markieren, an der sie sich schon einmal angegrabscht oder belästigt fühlte.

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Es sind schon einige Stellen markiert. Am Ende der Ausstellung wird man sehen, wie viele Körperteile unangemessen begrabscht wurden. Die Besucherinnen der Ausstellung haben Gelegenheit, die Punkte zu markieren. // Christiane Lehmann

Die Ausstellung im Münzmeisterhaus, Ketschengasse 7, kann kostenlos besucht werden. Personen unter 14 Jahren ist der Besuch nur mit Begleitung von Erwachsenen möglich. Zusätzlich sind Führungen für Gruppen ab drei Personen nach vorheriger Anmeldung unter info@frauennotruf-coburg.de bis 17. Juni möglich.

Ausstellungsdauer 25. Juni bis 6. Juli 2024

Öffnungszeiten Dienstag bis Freitag 10 bis 16 Uhr, Samstag von 10 bis 14 Uhr

Rahmenprogramm zur Ausstellung

27. Juni, 18:30 Uhr: Vortrag „Mit Vielfalt und Feminismus gegen Gewalt“,
Prof.in Dr.in Lohrenscheit, Münzmeisterhaus
2. Juli, 19:30 Uhr: Film „Embrace – Du bist schön“, VHS-Kino, Kino Utopolis,
Tickets an der Kinokasse oder online
4. Juli, 19 Uhr: Lesung „Opfermacht – Klartext reden über sexualisierte Gewalt“,
Nora Kellner, Münzmeisterhaus
Um Voranmeldung unter info@keinegewaltgegenfrauen-coburg.de
wird gebeten.

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