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Interview mit Expertin
Spit in der Krise: In Coburg muss umgedacht werden
Die Spitalgasse in Coburg an einem Mittwochnachmittag. Zu den markantesten Leerständen gehört links im Bild das ehemalige Weka-Kaufhaus, das zuletzt von C & A genutzt worden war.
Die Spitalgasse in Coburg an einem Mittwochnachmittag. Zu den markantesten Leerständen gehört links im Bild das ehemalige Weka-Kaufhaus, das zuletzt von C & A genutzt worden war. // Oliver Schmidt
Coburg – Wie kommt wieder Schwung in Coburgs wichtigste Einkaufsmeile? Ein Gespräch über Mieten und Möbel, Werbung und Wohlfühlen

Es war zunächst ein Test, der umstritten war: Am 5. Mai 1982 wurde die Spitalgasse zur Fußgängerzone. In einem Tageblatt-Bericht von damals heißt es, dass dieses Projekt von vielen „heiß ersehnt“ sei, aber von ebenso vielen auch „vorab verdammt“ werde. 40 Jahre später hat sich an dieser Gemütslage gar nicht so viel geändert: Die einen lassen auf „ihr“ Coburg nichts kommen, die anderen schimpfen über die Leerstände, die in den vergangenen zwei Corona-Jahren noch mehr geworden sind. Um die Innenstadt wieder in Schwung zu bringen, werden in der Projektgruppe „Die Stadtmacher“ Kräfte gebündelt. Leiterin ist Anette Vogel.

Da war was los! Dieses Bild zeigt die Spitalgasse bei einem verkaufsoffenen Sonntag 2012.
Da war was los! Dieses Bild zeigt die Spitalgasse bei einem verkaufsoffenen Sonntag 2012. // Oliver Schmidt

Die Coburger reden nicht nur gerne übers Wetter, sondern auch über „ihre“ Innenstadt. Oft wird gelästert, nach dem Motto: „Da ist nichts mehr los, es gibt viele Leerstände und die Stadt tut nichts dagegen.“ Was sagen Sie, wenn Sie so etwas hören?

Anette Vogel: Die Innenstadt ist ein streitbares Thema, es ist gut, dass wir in der Diskussion sind. Es bringt uns weiter, wenn wir wieder über das Positive in unserer Innenstadt sprechen. Etwa über das Angebot der inhabergeführten Geschäfte und Gastronomie, endlich wieder stattfindende Events und Feste – in ganz neuen Formaten: den Fahrradtag, das Weinfest oder die Designtage im Parkhaus Mauer. Da sind so viele Menschen mit viel Herzblut am Werk. Oder über die rund 40 Unternehmerinnen und Unternehmer aus Handel und Gastronomie, die im Laufe der letzten beiden Jahre eröffnet, umgebaut oder sich neu erfunden haben. Fehlen dürfen dabei auch nicht die Sanierungsvorhaben für die Innenstadt: Ernstplatz, Steinwegvorstadt oder Stadtgrün, die langfristig wirken.

Die Spitalgasse in Coburg an einem Mittwochnachmittag
Die Spitalgasse in Coburg an einem Mittwochnachmittag // Oliver Schmidt

„Die Stadtmacher“, also Citymanagement, Wohnbau und Wifög, wollen diesen Wandel „aktiv gestalten“. Das klingt ja zunächst mal ganz gut – aber was genau können wir uns darunter vorstellen?

Die Innenstadt ist nur dann zukunftsfest, wenn sie im Zusammenspiel ganz vieler Akteurinnen und Akteure sowie Handlungsfelder funktioniert: Handel, Gastronomie, Kunst, Kultur, Bildung oder Tourismus. Ebenso wichtig sind die Themen Wohnen, innovative Wohnformen und Quartiersentwicklung. Hilfreich war die Teilnahme am „Fitnessprogramm Starke Zentren“, die eine Online-Bürgerumfrage und eine umfassende Analyse unserer Innenstadt ermöglicht hat. Daraus resultieren Schlüsselprojekte für die Zukunft: ein Gründerwettbewerb zur Neuansiedlung von Handel oder Gastronomie, ein „Reallabor“ zur Erprobung neuer Ladenkonzepte, Marketing für die Märkte oder eine laufende Imagewerbung für die Innenstadt. Das Citymanagement startet etwa im Juni das Format: „Zu Gast bei…“, das Kunst und Kultur in die inhabergeführten Geschäfte und in die Gastronomie bringen wird. Und ja, wir müssen alle sehr viel mehr zusammenarbeiten und uns insgesamt gut und vielleicht noch besser vernetzen.

Das klingt ja in der Theorie ganz nett. Aber könnte es in der Praxis nicht daran scheitern, dass Immobilienbesitzer ein Ladenlokal lieber leer stehen lassen anstatt es zu einem niedrigeren Preis zu vermieten?

Ja, Immobilienbesitzerinnen und Immobilienbesitzer werden umdenken müssen und tun dies bereits, etwa, was Pop-Up Lösungen betrifft oder die Offenheit für neue Ladenkonzepte und Nutzungsmöglichkeiten.

Zuletzt haben in der Coburger Spitalgasse auch die Geschäfte Maiwald, Knopf Schneider und Hallhuber (von rechts) geschlossen.
Zuletzt haben in der Coburger Spitalgasse auch die Geschäfte Maiwald, Knopf Schneider und Hallhuber (von rechts) geschlossen. // Oliver Schmidt

Aber viele Immobilienbesitzer haben gleich mehrere Objekte, oft auch in verschiedenen Städten. Sie sind deshalb gar nicht darauf angewiesen, ob ein bestimmtes Ladenlokal im kleinen Coburg eine Einnahme bringt oder nicht. Wie kann auf solche Immobilienbesitzer Druck ausgeübt werden?

Druck übt, wenn überhaupt, der Markt über Angebot und Nachfrage aus. Das reguliert nicht die Stadt. Genauso wenig entscheidet sie, welcher Mieter am Ende des Tages den Mietvertrag unterzeichnet. Die Wifög als wichtiger Part der Stadtmacher ist da in regelmäßigem Austausch mit sehr vielen Eigentümern, sofern dies auch gewünscht ist.

Gehen wir vom Ist-Zustand aus: Was können „Die Stadtmacher“ kurzfristig tun, um wieder mehr Besucher und damit auch mehr Kunden in die Innenstadt zu locken?

Wir haben als Projektgruppe gemeinsam mit der Stadt Fördermittel aus Landes- und Bundesprogrammen eingeworben. Sie stehen für wichtige Innenstadtprojekte zur Verfügung: die Anschaffung von modernen Sitzmöbeln oder mobilen Spielgeräten, für Events wie den Fahrradtag oder Quartiersfeste wie im Steinweg am 21. Mai oder zum Jubiläum in der Spitalgasse am 28.Mai. Die Menschen besuchen dann die Innenstadt, wenn sie sich dort wohlfühlen, es Oasen zum Ausruhen gibt und Freiräume zum „Stadtmachen“ vorhanden sind. So wird etwa das Steinwegfest durch die Händlerinnen und Händler selbst initiiert. Wir erleben das Zusammenspiel aus Stadtgestaltung und Menschen, die sich dabei einbringen, als sehr dynamisch und bereichernd für Coburgs Innenstadt.

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