„Hast du schon die neue Bedienung vom Brauhaus gesehen?“ – „Meinst du diese Blonde mit dem Dirndl?“ – „Nein, die Weiße mit dem Display und den Rollen...“
Zugegeben: Dieser Dialog ist frei erfunden. Aber er könnte sich schon bald tatsächlich so zutragen. Denn Markus Timm, Wirt vom „Brauhaus zu Coburg“ in der Nägleinsgasse sowie dem benachbarten „Brauhaus Stadl“ auf der Mauer, hat sich einen Service-Roboter zugelegt.
Was für viele nach dem Untergang des Abendlandes oder zumindest nach dem Niedergang von fränkisch-gemütlicher Wirtshauskultur klingen mag, ist für Markus Timm eine „tolle Sache“. Wobei der Gastronom sofort eines klarstellen möchte: „Bei mir sollen die Roboter nicht etwa Mitarbeiter ersetzen, sondern sie sollen die Mitarbeiter entlasten.“ Deshalb sei es ihm auch wichtig gewesen, seine Belegschaft von Anfang an „mitzunehmen“ und ihnen zu erklären, warum er sich zu dieser nicht gerade kleinen Investition entschieden hat.
Zunächst einmal erklärt Markus Timm auch im Gespräch mit dem Coburger Tageblatt, dass die beiden Roboter nicht im engen und verwinkelten Brauhaus zum Einsatz kommen werden, sondern ausschließlich im Brauhaus-Stadl. Der dortige Mittelgang ist aber nicht nur kerzengerade, was Robotern sehr gelegen kommt, sondern er ist auch sehr lang. Das wiederum bedeutet: Das Personal von Markus Timm hat weite Laufwege zurückzulegen. Erst recht, wenn jetzt auch wieder der Biergarten vor dem Stadl geöffnet hat – dann kommen zu den 160 Innen-Plätzen weitere 100 Plätze im Freien dazu.
Auch mal wieder Zeit für einen Plausch
Markus Timm möchte die beiden Roboter vor allem dazu nutzen, dem Bedienungspersonal beim Tragen der – im wahrsten Sinne des Wortes – oft nicht leichten Kost zu helfen. Beispiel: Im Biergarten werden relativ gleichzeitig mehrere Schweinshaxn, das eine oder andere Schäufele und vielleicht auch noch eine Bauernente bestellt. Im Normalfall müsste eine Bedienung mehrmals den Weg von der Küche bis zum Biergarten hin- und wieder zurücklaufen. Mit Hilfe des Roboters braucht die Bedienung nur einmal zu laufen – denn alle Teller oder auch Gläser, die sie selber nicht tragen kann, werden vom Roboter bis zur Eingangstür transportiert. Wichtig: Im Freien sollen und können die Roboter nicht herumfahren.
Markus Timm glaubt, dass alle Seiten von dieser technischen Errungenschaft profitieren können: die Servicekräfte, die entlastet werden, aber auch die Gäste, die schneller bedient werden. Aus diesen beiden Effekten könnte sich noch ein weiterer Vorteil ergeben, wie der Wirt hofft: Es bleibt mehr Zeit für die Kommunikation. Oder, wie es Markus Timm umschreibt, „für mehr Service am Kunden“. Denn welche Bedienungen kann es sich schon erlauben, am Tisch noch einen kurzen Plausch zu halten, wenn in der Küche noch zig Teller warten, die nach draußen getragen werden müssen?
„Dann geh doch zu McDonald’s…“
Markus Timm sagt allerdings auch: „Jeder Gastronom muss für sich selber entscheiden, ob und wie er einen Service-Roboter einsetzen will.“ Die technische Servicekraft kann nach erfolgter Programmierung zwar einiges; sie steuert zielgerichtet den gewünschten Tisch an, bleibt bei etwaigen Hindernissen im Weg sofort stehen und kann am Tisch mit den Gästen nicht nur kommunizieren, sondern – bei Bedarf – sogar „Happy Birthday“ singen. Eines kann der Roboter allerdings nicht: Die transportierte Bestellung dem Gast auch an den Platz stellen. Sprich: Es muss geklärt werden, ob sich der Gast seine Bestellung selber von der Ladefläche des Roboters herunternehmen soll oder ob dieser Handgriff noch von einer menschlichen Bedienung übernommen wird. Markus Timm hat sich für Letzteres entschieden und ist damit auf einer Wellenlänge mit Kerstin Pilarzyk, der Vorsitzenden des Kreisverbandes Coburg im Deutschen Hotel- und Gaststättenverband.
Service-Roboter im Brauhaus Stadl in Coburg
Kerstin Pilarzyk sagt: „Dass sich Gäste ihre Teller selber vom Roboter nehmen – sorry, aber das geht gar nicht!“ In einer fränkischen Gaststätte solle sich der Gast gemütlich hinsetzen und es sich gut gehen lassen. Dazu gehöre auch eine freundliche Bedienung. Wer hingegen Selbstbedienung wolle, könne ja auch zu McDonald’s gehen….
In ihrem eigenen Gasthof, dem Brauereigasthof Grosch in Rödental, wird Kerstin Pilarzyk demnächst einen Service-Roboter zumindest testen. „Aber wenn wir uns einen anschaffen sollten, dann wirklich nur, um das Personal zu entlasten.“ Denn auch „beim Grosch“ mit seinen zahlreichen Räumen und dem Biergarten müssen die Bedienungen oft weite Wege zurücklegen.
Hintergrund: „Für diese Branche einfach unverzichtbar“
Im Kurhotel an der Obermain-Therme in Bad Staffelstein (Landkreis Lichtenfels) sind Service-Roboter bereits seit eineinhalb Jahren im Einsatz. Der erste gastronomische Betrieb in Coburg, der auf diese technische Neuerung setzte, war das Stadtcafé. Seit wenigen Wochen gibt es dort zwei Roboter, die auf die Namen „Bella“ und „Fritzi“ hören. Bislang noch keinen Namen hat der Service-Roboter, der in dieser Woche im Brauhaus-Stadl auf der Mauer in Coburg eingetroffen ist. „Meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter dürfen auswählen, wie er heißen soll“, verrät Wirt Markus Timm im Gespräch mit dem Coburger Tageblatt.
Dass Service-Roboter jetzt ausgerechnet in der Gastronomie auf dem Vormarsch sind, ist kein Zufall: Während der Corona-Pandemie und den damit verbundenen Lockdowns hat diese Branche sehr viel Personal verloren. Und wer erst einmal anderswo untergekommen ist, scheut oft den Wechsel zurück: Denn so reizvoll die Gastronomie auf der einen Seite sein mag, so unattraktiv sind oft die Arbeitszeiten.
Trotzdem sagt die Hauptgeschäftsführerin des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbands, Ingrid Hartges: „Wir gehen nicht davon aus, dass Service-Roboter in unserer Branche flächendeckend als Mitarbeiter-Ersatz angeschafft werden.“ Denn obwohl die kleinen und flinken Gesellen zunächst einmal große Begeisterung bei den Gästen wecken würden: Am Ende seien der menschliche Kontakt sowie eine „herzliche und kompetente Gastfreundschaft“ speziell für diese Branche einfach „unverzichtbar“.
Eine Frage des Preises
Letztlich ist aber alles auch eine Preisfrage beziehungsweise eine Frage der Kalkulation. Ein Service-Roboter wird zwar nie krank, kann ohne zu Murren zig Überstunden schieben und benötigt weder Urlaub noch freie Tage. Aber je nach Aufwand der Programmierung bewegt sich der Anschaffungspreis zwischen 15.000 und 25.000 Euro.
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