Ein letztes Mal mit dem Einkaufswagen durch den nahegelegenen Discounter bummeln. Zuerst das Obst und Gemüse, dann nach rechts abbiegen zur Kühltheke: Joghurt, Butter und dann die Milch. Danach weiter zu den Nudeln und den Tomatendosen. Und weil die Zahnpasta seit heute Morgen leer ist: noch ein kurzer Abstecher zu den Hygieneartikeln. Dann geht’s zur Kasse: Da stehen schon ein paar andere, also heißt es warten. Bevor es zurück nach Hause geht, noch auf ein Plausch beim Bäcker. Schließlich sehen die Nussschnecken einfach zu verlockend aus und müde macht das Einkaufen auch.
Noch sind die Regale im Netto voll. Schon am Vormittag gibt es an der Kasse einen Stau. Doch ab Montag ist damit Schluss. Statt günstige Lebensmittel gibt es dann nur noch gähnende Leere. Denn der Netto in Wüstenahorn schließt. Für viele Anwohner war der Marken-Discounter nicht einfach nur praktisch. Er war ein Treffpunkt und auch ein Stück Freiheit.
Schon am Vormittag herrscht heute, am vorletzten Tag vor endgültiger Schließung, reger Betrieb. Immer wieder schnappen sich Neuankömmlinge einen der draußen bereitgestellten Einkaufswägen. Nach und nach verschwinden sie im Laden. Am letzten Netto Wochenende gibt der Sommer alles: 32 Grad im Schatten. Drinnen ist es angenehm kühl, doch draußen strahlt die Sonne mit voller Wucht auf den Parkplatz.
Die meisten der Anwohner sind frustriert über die Schließung des einzig kommerziellen Supermarkts in Wüstenahorn. Sie fühlen sich im Stich gelassen.
Eine der Anwohnerinnen ist Elke Müller. Sie sieht die Netto Schließung als einen großen Verlust für das Viertel. „Es ist zwar nicht mein Haupteinkaufsgeschäft, aber wenn man mal eben was braucht, ist es natürlich angenehm. Es soll ja im Orient Markt jetzt auch ein paar deutsche Lebensmittel geben, aber dann weiß man nicht, was genau sie da haben und fährt am Ende doch lieber schnell runter. Aber wenn man kein Auto hat, dann ist es schon echt blöd. Und bis der neue Laden eröffnet, das wird dauern.“
Auch Doris Schaumberger wohnt in Wüstenahorn. Sie macht sich Sorgen um alle Anwohner, die kein Auto haben. „Ich finde es schrecklich. Ich habe einen Nachbarn mit krebskranker Frau, der keinen Führerschein hat. Wo soll der denn jetzt hin?“ Sie versteht die Gründe der Schließung nicht. „Der Laden hat doch gebrummt. Von wegen nicht genug Umsatz!“
“Als wir vor 30 Jahren hierhergezogen sind, haben wir immer gesagt: Also wenn jetzt noch ein Kaufhof kommt, dann haben wir wirklich alles hier. Aber seitdem machen immer mehr Geschäfte zu. Und jetzt eben auch noch der Netto.
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Auch Margit Dollers ist unglücklich über die Entwicklung ihres Stadtteils. Sie erinnert sich noch an andere Zeiten in Wüstenahorn: „Als wir vor 30 Jahren hierhergezogen sind, haben wir immer gesagt: Also wenn jetzt noch ein Kaufhof kommt, dann haben wir wirklich alles hier. Aber seitdem machen immer mehr Geschäfte zu. Und jetzt eben auch noch der Netto. Das ist schon ärgerlich.“ Sie selbst habe ein Auto, aber für Leute ohne sei es schon bitter. „Wenn man mit den vielen Baustellen in der Stadt jetzt mit dem Bus zum Einkaufen hin- und wieder zurückfahren muss.... Das dauert ewig! Ich muss sagen, ich bin schon ein wenig verärgert über diese Situation.“
“Es heißt ja immer: 'wir tun das für die Bürger'. Aber wo sollen die denn jetzt hin, die Bürger? Vor allem die alten Leute?
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Kathrin Wiegert-Berg wohnt direkt nebenan. „Es ist schon doof, wenn man schnell noch was braucht. Da konnte ich immer kurz heruntergehen, und jetzt muss ich dann für alles das Auto nehmen. Aber vor allem für ältere Leute ist es schlimm.“ Doch auch der Ortsmittelpunkt Wüstenahorns gehe dadurch verloren.
Auch Manfred Schein findet, dass der Netto hier nicht nur ein Supermarkt, sondern auch Treffpunkt war. „Ich finde es sehr schade, denn ich denke, dass viele Menschen hier so ein bisschen Heimat gefunden haben. Sie setzen sich da hin mit ihrem Kaffee und dann wird gequatscht. So kommen Menschen zusammen.“ Er selbst sei durch sein Auto mobil. Für die Menschen ohne Auto empfinde auch Manfred Schein die Schließung als sehr unglücklich.
David Astermann gerät in Wut, wenn er anfängt über die Netto Schließung zu sprechen. „Es heißt ja immer: 'wir tun das für die Bürger'. Aber wo sollen die denn jetzt hin, die Bürger? Vor allem die alten Leute? In der Politik wird dann gesagt, man könne ja mit dem Lastenrad fahren. Glauben die wirklich, dass alte Menschen mit einem Lastenrad in die Stadt zum nächsten Supermarkt fahren können?“
Astermann hat kein Verständnis für die Schließung und den Bau eines neuen Supermarkt-Gebäudes. „Da hätte man doch besser das Gebäude vom jetzigen Netto renoviert, als etwas Neues zu bauen. Das ist doch einfach nicht durchdacht.“ Immer wieder schüttelt er den Kopf. Als er die eben gekauften Lebensmittel im Auto verstaut hat, schlägt er die Tür zu. Er zuckt mit den Schultern und schüttelt ein letztes Mal den Kopf. Dann steigt er ins Auto und fährt davon.
Das war’s dann: Tschüss, Nahversorgung! – Und: Hallo, Nahverkehr! Und hoffentlich, Nachbarschaftshilfe …















