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Wohnen auf dem Land
Schönes Coburger Land mit Schwachstellen
Nicole Hegel genießt den täglichen Spaziergang mit ihren Hunden über die Flur.
Nicole Hegel genießt den täglichen Spaziergang mit ihren Hunden über die Flur. // Christiane Lehmann
Coburg – Nicole Hegel kommt aus der Großstadt. Die Vizepräsidentin der Hochschule lebt seit mittlerweile elf Jahren in Coburg. Sie fühlt sich angekommen.

So viele Spinnen in einem Haus. Eine Rotte Wildschweine mitten auf dem Weg. Rehe im Garten. Nicole Hegel hatte das nicht für möglich gehalten. Als die Gesundheitsmanagerin vor elf Jahren von München nach Heldritt gezogen ist, um an der Hochschule Coburg als Professorin zu lehren, empfand sie das Landleben wie einen Kulturschock, aber auch ein bisschen wie Dauerurlaub.

Region zum Runterkommen

„Mein Mann und ich sind regelrecht körperlich gesundet“, sagt sie. Lange Spaziergänge über die Felder und so viel Ruhe waren die beiden Großstädter nicht gewohnt. „Es war irgendwie faszinierend, wie wenig wir Natur kannten. In München erbrechen die U-Bahnen die Menschen, alle schlecht gelaunt mit Kopfhörern auf den Ohren, kein Kontakt zu den Nachbarn.“ Und hier? „Wir erlebten eine Phase des Runterfahrens.“

Blick auf Schloss Callenberg

Ein Hund wurde angeschafft, schließlich Tochter Johanna geboren. Zeit, wieder ein bisschen näher in die Stadt zu ziehen. Nach zwei Mietwohnungen in Coburg kaufte sich die Familie schließlich ihr eigenes Haus in Beiersdorf. Mit Blick auf Schloss Callenberg und einem Grundstück, auf dem noch ein zweites Häuschen Platz hätte. „So eine Immobilie hätten wir uns in München oder Düsseldorf, wo wir herkommen, niemals leisten können“, erzählt die Professorin, mittlerweile Vizepräsidentin der Hochschule.

Sie ist hier angekommen. Für ihre Tochter könnte sie sich nichts Schöneres wünschen. Die 51-Jährige möchte sich gar nicht mehr vorstellen, dass Johanna in Düsseldorf sechsspurige Straßen überqueren müsste, um zur Schule zu kommen. Die Auswahl zwischen vier Gymnasien in Coburg findet sie enorm. Johanna hat hier ihre Freundinnen und fühlt sich wohl. „Aber Hochdeutsch soll sie schon sprechen, fränkischer Dialekt muss nicht sein“, sagt Nicole Hegel und lacht.

Nicht mit offenen Armen

Dass sie selbst keine wirklich anonyme Person mehr ist, sondern beim Einkaufen erkannt und hin und wieder auch angesprochen wird, findet sie einerseits schön, weil sie spürt dazuzugehören. Es fühle sich vertraut an. Andererseits mochte sie auch die Anonymität der Großstadt. „Ich möchte nicht reden müssen“, gibt sie ehrlich zu.

Professor Nicole Hegel ist Vizepräsidentin an der Hochschule und lebt seit elf Jahren in der Region.
Professor Nicole Hegel ist Vizepräsidentin an der Hochschule und lebt seit elf Jahren in der Region. // Christiane Lehmann

Es hat auch ein bisschen gedauert, bis sich das Gefühl, angekommen zu sein, eingestellt hat. „Coburg nimmt die Menschen nicht mit offenen Armen auf“, hat sie festgestellt. Es dauere lang, aber dann seien die Menschen hier loyal, treu und hilfsbereit. Dabei ist sie überzeugt, dass Rheinländer und Oberfranken ganz gut zusammen passen: „Rheinländer sind von Natur aus offen und erzählen viel, Oberfranken sind neugierig.“

Gut, dass es Samba gibt

Nichtsdestotrotz vermisst sie im Alltag Weltoffenheit, Moderne und wünscht sich weniger konservatives Denken in Coburg. Deshalb liebt sie das Sambafest.„Dann ist die kleine Stadt entspannt, locker, laut und auch mal dreckig“, lacht sie. Coburg mutet dann international an und ist so lebhaft, wie Düsseldorf an jedem Samstagvormittag.

Nicole Hegel geht mit offenen Augen und einem wachen Geist durchs Leben – und durch die Stadt. Sie sieht, was gut, aber auch, was nicht gut läuft. Dem tollen Marktplatz und den vielen „süßen Boutiquen“ und Geschäften stehen halt doch auch viele Leerstände in der Innenstadt gegenüber. Da müsste die reiche Stadt Coburg doch mehr schaffen, meint sie. Und wenn man zu Ikea immer noch eine Stunde fährt, fühle man sich halt doch irgendwie abseits vom Geschehen. Neulich war sie mit ihrer Tochter in München. Der erste Eindruck: „So viele Menschen, alles so hektisch – und es stinkt.“ Doch das Shoppingerlebnis in der Innenstadt hat alles wett gemacht. Starbucks, Lush & Co haben das Mädchen geflasht. Ein Ausflug – mehr nicht.

Die kurzen Wege in Coburg, keine Staus – „auch wenn die Baustellensituation gerade katastrophal ist“ – all das weiß Nicole Hegel sehr zu schätzen. Zum Thema Verkehrsanbindung hat sie aber noch mal eine ganz andere Meinung. „Wir kommen gut in den Osten, gut in den Norden und gut in den Süden“, sagt sie. Aber was sei mit dem Westen?

Wann fährt der Bus – gibt es ein Taxi?

Auch der Nahverkehr war eine große Umstellung für sie. In München und Düsseldorf fahren alle paar Minuten eine Straßenbahn oder die U-Bahn. „Hier muss man sich schon fragen: Fährt eigentlich noch ein Bus – und wann?“ Dass es keine Taxizentrale gibt, bedauert sie sehr. „Man muss sich Taxiunternehmen merken, die man anrufen kann. Aber morgens bekommst du keins, weil alle irgendwelche Arztfahrten machen müssen“, schimpft sie aus Erfahrung.

Ärztemangel – ein echtes Problem

Das eigentliche Ärgernis der Region sei allerdings die ärztliche Versorgung. „Das ist ein echtes Problem“, sagt die Gesundheitsmanagerin. Als sie mit 41 Jahren schwanger wurde und als Hochrisikopatientin galt, fand sie zunächst keinen Gynäkologen.

„Erst als einer Mitleid mit mir hatte, bin ich aufgenommen worden.“ Bei den Hausärzten sehe es nicht viel anders aus. Ganz zu schweigen, wenn jemand spezielle Krankheiten hat. Ihr Urteil: „Als chronisch kranker Mensch kann man hier nicht wohnen.“

Nicole Hegel und ihre Familie lebt dennoch hier. Sehr gern sogar. „Ich fühle mich wirklich wohl hier. Das mag vielleicht an meinem Alter liegen und in der Phase, in der wir hier sind: Kind, Haus und Hunde.“ Sie denkt kurz nach und dann: „Früher wäre sie wohl eher eine Pendelprofessorin geworden.“

Kurzvita

Prof. Dr. Nicole Hegel

Vizepräsidentin für Bildung und Diversity

seit 2011: Professorin (W2) für Betriebliches Gesundheitsmanagement und Arbeitsmedizin, Hochschule Coburg

2009 – 2011: BMW Group, Personalressort Abteilung. „Gesundheitsmanagement, Planung, Steuerung und Grundsatzfragen“

2007 – 2009: BMW BKK, Abteilung „Gesundheitsmanagement, Strategie, Programme, Projekte“

2000 – 2007: Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Medizinische Psychologie, Heinrich Heine Universität Düsseldorf

2006: Promotion in Erziehungswissenschaft, Universität Düsseldorf

1999 – 2001: Studium der Gesundheitswissenschaften, Universität Bielefeld

1991 – 1998: Studium der Erziehungswissenschaft, Universität Düsseldorf

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