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Experten-Interview
So hat die Pandemie das Wohnen verändert
Michael Heinrich ist Studiendekan der Fakultät Design und Leitung des Studiengangs Innenarchitektur.
Michael Heinrich ist Studiendekan der Fakultät Design und Leitung des Studiengangs Innenarchitektur. // Julia Scholl
Signet des Fränkischen Tags von Julia Scholl
Coburg – Michael Heinrich von der Hochschule Coburg erklärt, wie die Pandemie das Zuhause verändert hat und was der Einrichtungsstil über den Bewohner aussagt und was an Feng-Shui dran ist.

Die eigenen vier Wände – besonders während Corona haben viele sie zu schätzen gelernt. Doch die Pandemie und das Thema Home-Office hat verändert, wie wir wohnen. Professor Dr. Michael Heinrich (57), Studiendekan der Fakultät Design an der Hochschule Coburg, erklärt, warum bei der Wahl des Einrichtungsstils „wollen“ nicht gleich „brauchen“ ist, warum an Feng-Shui durchaus was dran ist und was Psychologie mit Inneneinrichtung zu tun hat.

Herr Professor Heinrich, was ist eigentlich dran an Feng-Shui?

Michael Heinrich: Einige Ratschläge des Feng-Shui kann man heute psychologisch unterfüttern. Zum Beispiel wird geraten, spitze Ecken und Kanten zu vermeiden. Das ist eine Ansicht, die man psychologisch zu 100 Prozent unterschreiben kann. Für die Navigation von Menschen ist es vorteilhaft, sich entlang eines kohärenten Linienflusses zu bewegen. Dazu gibt es auch gestaltpsychologische und neuroästhetiche Untersuchungen. Man hat festgestellt, dass Menschen im Schnitt Rundungen einfach lieber mögen.

Was verstehen Sie unter Wohnqualität?

Wohnen muss ganz allgemein dem Wohlbefinden dienen und natürlich auch allen wichtigen Bedürfnissen entsprechen. Jetzt ist natürlich die Frage: Wann tut es das? Da wird es komplizierter, weil Menschen ganz unterschiedliche Bedürfnisse haben. Und eine Wohnung muss ganz viele Bedürfnisse unter einen Hut bringen – auch solche, die sich widersprechen.

Dann reden wir über doch gleich mal über Bedürfnisse. Welche sollte ein Wohnraum erfüllen?

Manche Bedürfnisse sind ganz klar, und wir alle spüren sie in regelmäßigem Wechsel. Behaglichkeit, Schutz, Geborgenheit, Privatheit, Ruhe, oder auch Anregung und Abwechslung. Ein Bedürfnis kann uns aber manchmal etwas durcheinanderbringen: das Bedürfnis nach sozialer Zugehörigkeit. Das funktioniert auch über ästhetische Codes – nennen wir sie Lifestyles. Intuitiv machen viele das Richtige. Menschen, die zum Beispiel ein starkes Schutzbedürfnis haben, richten sich meist sehr gemütlich ein, höhlenartig, mit vielen Textilien, dicken Vorhängen. Andere Leute haben ein Bedürfnis nach Expansion, Weite, nach Luft. Die machen dann genau das Gegenteil. Hier sieht man oft glatte Oberflächen, keine Vorhänge, Deckenspots, kühlere Farben. Aber manchmal will man mit dem Wohnumfeld auch sich selbst und anderen beweisen, dass man zu einer bestimmten Gruppe dazugehört. Und es kann sein, dass man ureigenste Bedürfnisse unbeachtet lässt.

Also gibt es einen Unterschied zwischen „wollen “ und „brauchen“?

Das kann, muss aber nicht der Fall sein. Man sollte in sich gehen und sich fragen: Für wen richte ich mich eigentlich ein? Ist das für meine öffentliche Identität, für die Rolle, die ich in meiner wichtigsten Bezugsgruppe erfülle, oder habe ich auch noch andere Bedürfnisse, die ich berücksichtigen muss? Ein Beispiel: Sie sind Banker und in Ihrem Milieu haben alle große Autos, große minimalistische Lofts und Sie müssen und wollen da mitmachen, weil es der Ausweis der Zugehörigkeit ist. Eigentlich haben Sie aber ein Bedürfnis nach Gemütlichkeit und Wärme. Wo löst man das dann ein? Sich also zu fragen, welche Gefühle und Zustände mich resilient machen und mir Kraft geben, ist also vielleicht der beste Anfang für ein wirklich wohltuendes Wohnumfeld.

Professor Heinrich lehrt an der Hochschule in Coburg.
Professor Heinrich lehrt an der Hochschule in Coburg. // Julia Scholl

In der Pandemie haben wir viel Zeit zu Hause verbracht. Welche Auswirkungen hat das auf das Wohnen?

Man kann feststellen, dass sich das Bedürfnisprofil besonders nach Corona deutlich verändert hat. Das Zuhause hat einen größeren Stellenwert bekommen. Nicht nur, weil die Bewegung draußen eingeschränkt war, sondern auch, weil insgesamt das gesellschaftliche Klima nach wie vor einige Krisen bereithält. Dadurch ist das Bedürfnis nach Sicherheit und Geborgenheit stark gestiegen. Die Distanzierung in der Arbeitswelt, durch Dinge wie Home-Office, hat viele Menschen aus wichtigen sozialen Zusammenhängen herausgelöst und die psychosozialen Nachwirkungen spüren wir nach wie vor.

Sie haben das Thema Home-Office angesprochen. Es gibt viele Vorteile. Doch für viele Menschen bedeutete es auch: Arbeit und Privatleben im selben Raum. Was macht das mit uns?

Mit dem Home-Office hat ein ganzes Bündel von Funktionen, die vorher in andere topographische Räume ausgelagert waren, ins Zuhause Einzug gehalten. Das hat das Anforderungsprofil vergrößert. Und das beißt sich oft, weil es bei den Bedürfnissen zu Widersprüchen führt. Das ist gar nicht leicht zu handhaben. Welche Folgen eine Funktions-Überfrachtung haben kann, wird erst nach einer Weile klar. Häufig wird Home-Office auch unter falschen Prämissen betrachtet. Die Wohnsituation in Deutschland wird immer schwieriger, Menschen müssen Bedürfnisse bündeln. Viele haben nicht die Möglichkeit, zu Hause ein Büro einzurichten. Das ist psychosozial ein riesiges Problem, denn die Forschung zeigt, dass Multitasking Stress auslöst. Menschen brauchen eine Raumabgrenzung, um auch mental Dinge besser auseinanderzuhalten.

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Mit Wohnungen, in denen jeder Krümel nach einem ästhetischen Verbrechen aussieht, tut man sich selbst nichts Gutes.

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Michael Heinrich Professor

Wie geht man damit um, wenn man in einer Zweizimmerwohnung sitzt und dann daheim noch arbeiten muss?

Man kann innerhalb der Räume, die man multifunktional nutzen muss, einzelne Inseln schaffen, die für sich eine funktionale und atmosphärische Einheit bilden. Wandschirme sind zum Beispiel schon seit dem 18. Jahrhundert eine ganz simple, aber effektive Möglichkeit.

Reden wir über Trends. Was sehen wir aktuell?

Minimalismus kann man fast schon als Dauerbrenner bezeichnen. Da hat man meist einen Anspruch an Rationalität und Effizienz. Und zugegeben: Minimalismus kann ganz tolle, ästhetisierte Wohnungen erzeugen, aber der Style duldet wenig Interventionen und das kann ein Problem sein. Mit Wohnungen, in denen jeder Krümel nach einem ästhetischen Verbrechen aussieht, tut man sich selbst nichts Gutes. Auf der anderen Seite gibt es aktuell sehr florale, etwas träumerische Stile, wie zum Beispiel Landhaus. Hier wird eher Wärme und Geborgenheit gefeiert. Dann gibt es einen Stil, der versucht sich vom Bürgerlichen abzusetzen, obwohl er selbst längst bürgerlich ist: der Industrial-Style. Da kokettiert man mit Rohheit und der Grobheit von Stahl – es ist ein bisschen wie eine kleine Abenteuerwelt.

Abenteuerwelt?

Ja, man kann feststellen, dass Inneneinrichtung Leute oft im Grunde in andere Erlebniswelten beamt. Der Industrial-Style hat eine Art Abenteuerfaktor – denken wir an Dinge wie Lost Places. Stile wie Chabby Chic oder Landhaus, transportieren einen in eine Welt, die vermeintlich mehr in Ordnung ist, als die hier. Jeden dieser Stile kann man auf ein Bedürfnisprofil zurückverfolgen. Und im Grunde ist es gar nicht viel anders, als im 19. Jahrhundert, als es chinesische oder gotische Zimmer gab. Das Fliehen in andere örtliche oder zeitliche Welten scheint ein anthropologischer Dauerbrenner zu sein.

Ziehen Sie auch Schlüsse, wenn Sie jemanden zum ersten Mal besuchen?

Wenn man jemandes Zuhause sieht, kann man sehr viele Schlussfolgerungen ziehen. Aber wichtig ist, dass man das nicht sofort wertet, sondern als Ausdruck einer sehr komplexen Persönlichkeit sieht. Wenn Leute sich ihrer eigenen Gefühle und Bedürfnisse sehr bewusst sind und sie offen leben, dann sehen auch die Wohnungen so aus, wie die Leute sind. Wenn sie sich eher mit einer fremdbestimmten Rolle oder einem Idealbild identifizieren, dann sehen die Wohnungen so aus, wie die Leute sein wollen.

Was sagt Ihr Wohnstil über Sie aus?

Wenn Sie sich hier umschauen, dann sehen Sie eine starke Mischung aus eher zeitlos, modernen Formen und sehr vielen älteren Stücken. Das sagt natürlich viel über die Biografie aus, aber nicht nur von mir, sondern auch von meiner Frau. Ich liebe ältere Möbel. Wo andere viel Geld für Fernreisen ausgeben, investiere ich gerne in alte Möbel oder Bilder. Was das über mich aussagt, da zieht jeder seine eigene Schlussfolgerung.

 

Luftaufnahme der Coburger Veste

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3 Tipps vom Experten

  1.  „Wenn die Wohnung zu perfekt gestaltet ist, nach Katalogen von Einrichtungshäusern, weil ich mir einbilde, das ist gutes Wohnen, dann beraube ich mich vieler emotionaler Ressourcen. Es ist wichtig, offen zu sein für eigene Regungen und für Veränderung. Einrichten ist ein Prozess. Nicht alles muss am ersten Tag fertig sein, und es sollte immer Platz für Erinnerungen, Familienfotos und persönliche Gegenstände sein.“
  2. Akzente „Geschmack hat mit Geld erst einmal wenig zu tun. Man kann mit ganz wenig Mitteln ein geschmackvolles Zuhause einrichten. Wenn man sich zum Beispiel den Boho-Stil anschaut. Hier kann ich sehr leicht Kohärenz schaffen, indem ich farblich einheitliche Einrichtungsgegenstände oder Textilien wähle. Man kann auch Dinge verändern und zum Beispiel lackieren. In dem eher monochromen Kontext kann ich dann effektvoll einzelne Farben zulassen und so Akzente setzen.“ 
  3. Zonen „Einen Fehler, den viele machen, ist alle Möbel an die Wand zu stellen. So sieht der Raum aus wie ein Möbellager. Man sollte darauf achten, dass der Raum Zonen hat.“

Auszeichnung für „La Légende de Tristan“ 

Jedes Jahr kürt die „Opernwelt“ herausragende Leistungen der vergangenen Spielzeit. Diesmal wurde in der Kritiker-Umfrage die Ulmer Aufführung „La Légende de Tristan“ gewählt - und daran hat auch Prof. Dr. Michael Heinrich von der Fakultät Design der Hochschule Coburg einen Anteil.

Kay Metzgers Inszenierung von Charles Tournemires „La Légende de Tristan“ habe bereits bei der Premiere viel Beachtung gefunden und wurde von der „Opernwelt“ zur „Uraufführung des Jahres“ gewählt, teilt die Hochschule in einer Pressemitteilung mit. Als Bühnen- und Kostümbildner habe Michael Heinrich zur überzeugenden Produktion beigetragen. 

Unabhängig davon wurde die Ulmer Aufführung jetzt außerdem in der Kategorie „Wiederentdecktes Werk“ für den „International Opera Award 2023“ nominiert.

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