Sabine Bieberstein hat ihr aus der Seele gesprochen. Michaela Axtner kommt immer wieder zurück auf den Vortrag der emeritierten katholischen Theologin aus Waiblingen, den diese jüngst in Kulmbach gehalten hatte. Es ging dabei um die ersten christlichen Gemeinden; um Aufbruchstimmung in den kleinen Gemeinschaften, in denen Männer und Frauen gleichermaßen wirkten, auch Gemeindevorsteher sein konnten. Mit Betonung auf "gleichermaßen".
Für die Katholikin aus Kulmbach, die sich seit Jahrzehnten in St. Hedwig engagiert, vermitteln die Worte Perspektiven, auch angesichts der Wunden, die Frauen wie ihr in "ihrer" Kirche seit Jahrhunderten geschlagen wurden und werden. Die 67-Jährige leidet unter der Tatsache, dass es zweierlei Arten von Menschen gibt: Männer, die alles werden können in der Amtskirche – und eben Frauen.
Ein Grund, weswegen sich Michaela Axtner der Reformbestrebung namens "Maria 2.0" anschloss. Diese Graswurzelbewegung, entstanden 2019, fordert weitreichende Änderungen innerhalb der Kirche. Profan möchte man sagen: gleiches Recht für alle. "Alle Getauften sind gesendet und bringen ihre Fähigkeiten, die sogenannten ,Charismen‘, ein. Dies ist eine Kernbotschaft des Apostels Paulus, der immer wieder betont, dass es keine Unterschiede mehr gibt zwischen den Menschen. "Am Anfang gab es weder Weiheämter noch eine fest definierte Sakramentenlehre."
Michaela Axtner macht eine bittere Rechnung auf: „Die Kirche und die Gemeinden verlieren dramatisch Mitglieder. Der Priestermangel verschärft die Lage, weil alles auf den einen geweihten Mann hin orientiert ist, den es nicht mehr gibt. Wir Gläubigen werden immer mehr auf uns selbst gestellt sein.“
Fazit der 67-Jährigen: Die Möglichkeiten der Teilhabe müssten wieder wachsen – im besten Fall nach dem Vorbild der ersten Gemeinden. Was mit einer Rückbesinnung auf die Wurzeln einherginge. „Wir können taufen und beerdigen, predigen, lehren, miteinander beten, verschiedene Formen von gottesdienstlichen Feiern halten etc. Wir als Getaufte sind alle gesendet! Deswegen müssen wir uns emanzipieren von klerikaler Macht und Dominanz.“
In dem früheren Pfarrer Hans Roppelt fanden die "Maria 2.0"-Mitglieder einen Zuhörer und Fürsprecher. Wie es unter seinem Nachfolger um die Rezeption der weiblichen Anliegen bestellt ist? Holger Fiedler heißt er, seit knapp einem Jahr ist er leitender Pfarrer in Kulmbach.
Michaela Axtner lässt die ersten Monate Revue passieren. "Es braucht Neugierde, Zeit und Geduld auf beiden Seiten, Offenheit und die Bereitschaft zur Zusammenarbeit auf wertschätzender Augenhöhe." Das erste Jahr sei für einen neuen Pfarrer in der Regel eine Zeit Tausender neuer Eindrücke, um die Menschen und Gemeinden, die er vorfindet, kennenzulernen.
Ein solch großer Seelsorgebereich sei umfangreich und komplex. "Ich denke, mit der Zeit wächst Verständnis und das Gespür: Was sollten wir aufgreifen, was erhalten, was ausbauen, was verändern?" Entscheidend sei dabei das „Wir“! Durch Beteiligung wachse eine innere Bindung, ohne sie gehen die Menschen. Diesen Zusammenhang hatte Sabine Bieberstein als die „Überlebensfrage der Kirche“ aufgezeigt.
„Wir sind mündige Christen und Christinnen“, ergänzt Michaela Axtner. „Je freier und eigenverantwortlicher wir wirken können, umso besser kann auch die Aufgabe des Pfarrers gelingen. Wir, die Frauen und Männer unserer Gemeinden, reichen Pfarrer Fiedler die Hand zur Zusammenarbeit.“
Abbruchstimmung aus dem Vatikan? Fehlanzeige
Ob Papst Leo XIV. im Vatikan eine Aufbruchstimmung vom Zaun brechen könne? „Sagen wir so: Innerkirchlich ist er bemüht, als Brückenbauer zu wirken, der aber mitten im konservativen Lager verankert ist. Mir fehlen bei ihm bisher die Visionen vom Reich Gottes für alle Menschen. Als Frau erwarte ich nichts von ihm. In Rom sieht man das Unrecht nicht einmal, es wird weitergehen.“
Sie nimmt Bezug darauf, dass der Pontifex das kategorische Verbot der Laienpredigt in der Eucharistiefeier bekräftigt. „Dieses Verbot verrät fundamental den Auftrag, den jede und jeder in der Taufe empfangen hat.“ Alle Laien, das heißt ungeweihte Männer und alle Frauen, selbst Theologinnen, Nonnen, Pastoralreferentinnen, Religionslehrerinnen etc., seien somit ausgeschlossen von der Auslegung des Evangeliums. „Nur geweihte Männer? Das ist eine unerträgliche Verengung der Verkündigungsperspektiven."
Was das alles für die lokale "Niederlassung" von "Maria 2.0" bedeutet? „Wir haben im Frühjahr einen modernen Kreuzweg zur aktiven Mitgestaltung angeboten. Viele Gläubige haben in beeindruckender Weise daran mitgewirkt, mit berührenden persönlichen Beiträgen, die uns auch als Gemeinde zusammengeführt haben. Das zeigt mir, dass da ein Bedürfnis ist nach lebensnahen Glaubensangeboten in der Sprache unserer Zeit – eben als Ergänzung zu den traditionellen Formaten, die nicht mehr alle ansprechen.“
Michaela Axtner fühlt sich ermutigt, auf dieser Basis den Stein weiter zu höhlen. „Die Rückmeldungen legen nahe, dass wir als Gruppe – ungeachtet der Kritik weniger Einzelpersonen – doch inzwischen eine breite Akzeptanz erfahren. Da hat sich etwas verändert, was mich sehr froh stimmt.“ Die Vernetzung mit anderen „Marias“ der Diözese sende ebenfalls neue Impulse und gebe ein Gefühl der Vertrautheit und Stärkung.
Für die Kulmbacherin wachse das Problem, dass sie die Unwahrhaftigkeiten nicht mehr ertragen kann. „Wie ein Tinnitus klingen sie durch viele Predigten, Texte, Liedtexte. Ich wünschte mir, alle Geistlichen würden jedes Wort, das sie sagen, mit den Ohren von Menschen hören, denen von der Kirche tiefes Leid zugefügt wird wegen ihrer Sexualität oder ihres Geschlechts oder sonstiger Lebensumstände, die angeblich nicht ,normgerecht' sind.“ Da sei es gut zu wissen, dass es so viele Christen gebe, die sich tatsächlich an Jesus Christus orientierten und an seinem Gottesreich bauten. „Mit ihnen empfinde ich Gemeinschaft. Darum kann ich auch dabeibleiben.“














