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Projekt in Kulmbach
Aiwanger schaltet sich in Schlachthof-Diskussion ein
Aiwanger schaltet sich in Schlachthof-Diskussion ein
Rainer Ludwig (links) und Hubert Aiwanger beim Besuch des Ministers 2023 in Kulmbach. // Foto: Thilo Tiede
Kulmbach – Die „Bio-Regio-Fleischmanufaktur“ soll neue Maßstäbe in Sachen Nachhaltigkeit und Tierwohl setzen. Jetzt hat sich auch Hubert Aiwanger eingeschaltet. Doch sein Brief ist nicht in Kulmbach angekommen.

Der Bamberger Schlachthof soll geschlossen werden, der Kronacher ist bereits dicht. Die Stadt Kulmbach hat verdeutlicht, dass der Kulmbacher Schlachthof unter keinen Umständen gefährdet werden darf. Oberbürgermeister Ingo Lehmann setze sich mit Nachdruck dafür ein, dass Millioneninvestitionen in den Schlachthof getätigt werden. Er soll ausgebaut und zu einem Vorzeigeprojekt in Oberfranken und Bayern werden.

Kulmbachs OB wendet sich an Özdemir und Aiwanger

Lehmann bemühte sich vor einigen Wochen in einem Schreiben an den Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir (Grüne) und an den Bayerischen Wirtschaftsminister und stellvertretenden Ministerpräsidenten Hubert Aiwanger (FW) um die Bereitstellung von Fördergeldern. Es geht um viel Geld - für den Umbau gehe man von einer achtstelligen Summe aus. Für die Stadt wäre das nicht machbar, weswegen man versuche, die Bundes- und Landespolitik mit ins Boot zu holen, sagte Lehmann im April im Gespräch mit der Bayerischen Rundschau.

Wird die Finanzierungsfrage für den Schlachthof geklärt?

Jetzt nimmt die politische Debatte um den Kulmbacher Schlachthof Fahrt auf. Der bayerische Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger (FW) hat sich nach Lehmanns Brief und auf Bestreben des Landtagsabgeordneten Rainer Ludwig (FW) in die Diskussion eingeschaltet. Aiwanger sagte seine Unterstützung für die "Bio-Regio-Fleischmanufaktur" zu. Er wandte sich mit einem Schreiben an Lehmann und betont darin laut einer Pressemeldung: „Bei der flächendeckenden Lebensmittelversorgung Bayerns nehmen regionale Schlachtbetriebe eine zentrale Rolle ein.“

Aiwanger betont hohe Bedeutung des Kulmbacher Projekts

Die Kunden des Kulmbacher Schlachthofs kommen aus zwölf verschiedenen Landkreisen: Kulmbach, Coburg, Kronach, Lichtenfels, Hof, Wunsiedel, Bayreuth, Bamberg, Forchheim und sogar aus benachbarten Bundesländern, etwa aus dem Saale-Orla-Kreis, dem Weimarer Land oder aus Saalfeld-Rudolstadt. Zuständig für die Förderung von Schlachthöfen ist Landwirtschaftsministerin Michaela Kaniber (CSU).  Aiwanger habe sich mit einem Schreiben an sie gewandt, ihr die Problematik der Schließung zahlreicher regionaler Schlachthöfe aufgezeigt und konkret die hohe Bedeutung des Kulmbacher Projekts betont. 

Blick zur Kulmbacher Plassenburg

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„Es  gilt zu prüfen, welche Fördermöglichkeiten es für den Schlachthof Kulmbach gibt und welche Anpassungen vorgenommen werden können, um den Herausforderungen am Lebensmittelstandort Kulmbach zu begegnen“, schreibt Aiwanger, der seine Unterstützung zugesichert hat. Er „hoffe, dass nun eine Möglichkeit für die Realisierung der Pläne in Kulmbach gefunden werden kann.“

Schlachthof: Lehmann begrüßt Aiwangers Initiative

Lehmann begrüßt ausdrücklich die Initiative des Ministers: „Während meiner gesamten Amtszeit als Oberbürgermeister habe ich mich bei den unterschiedlichsten Stellen für die Realisierung einer Bio-Regio-Fleischmanufaktur in Kulmbach eingesetzt. Viele Mandatsträger aus Bundes- und Landespolitik konnten wir in unserem Schlachthof bereits begrüßen und sie von dieser Idee überzeugen – lediglich die Frage nach den Finanzierungsmöglichkeiten blieb immer wieder unbeantwortet", sagt der Oberbürgermeister auf Anfrage. Der Brief selbst, sagt Lehmann, sei allerdings noch nicht im Kulmbacher Rathaus eingegangen. Lediglich durch eine Pressemitteilung des Landtagsabgeordneten Rainer Ludwig habe man davon Kenntnis erhalten.

Wichtige Rolle Kulmbachs als Lebensmittelzentrum

Die Freude ist dennoch groß. "Dass sich jetzt der stellvertretende Ministerpräsident in die Diskussion einschaltet zeigt, wie wichtig eine solche Institution für die gesamte oberfränkische Region ist und verdeutlich die Rolle Kulmbachs als Lebensmittelzentrum. Unser Ziel muss es jetzt sein, parteiübergreifend nach Fördermöglichkeiten für unseren Schlachthof zu suchen und den Weg für eine zukunftsgewandte und zeitgemäße Weiterentwicklung zu ebnen“, so Lehmann weiter. 

Ludwig: "Baustein für Erhalt kleinteiliger Landwirtschaft"

Landtagsabgeordneter Rainer Ludwig betont, dass die Förderung kleinerer Schlachtbetriebe ein essenzieller Baustein für den Erhalt der kleinteiligen Landwirtschaft Bayerns sei. „Betriebe wie der Kulmbacher Schlachthof spielen eine entscheidende Rolle in der Daseinsvorsorge. Durch die Förderung kleiner Schlachtbetriebe werden lange Transportwege vermieden, was nicht nur zur Reduzierung des Stresses für die Tiere beiträgt, sondern auch einen positiven Einfluss auf die Qualität des Fleisches hat.“

Schlachthof Kulmbach
Ob auf Landes- oder Bundesebene - Oberbürgermeister Ingo Lehmann wirbt für das Zukunftskonzept für den Schlachthof. Hauptsache, die Stadt bekommt finanzielle Hilfe. // Stadt Kulmbach

Auch Özdemir hatte sich bei seinem Besuch Ende 2023 in Kulmbach für das Projekt Schlachthof starkgemacht. „Die Zahl der Schlachthöfe hat deutlich abgenommen, was zu längeren Transportwegen, Großbetrieben und weniger Regionalität führt. Dem müssen wir entgegenwirken und insbesondere die kleinen, regionalen Schlachthöfe, die es gibt, unterstützen und zeitgemäß fortentwickeln“, sagte der Grünen-Politiker damals. Der Kulmbacher Schlachthof habe mit seinem innovativen Weg hin zu neuen Betäubungsmethoden durchaus Priorität im Bundesministerium.

Betäubung: Helium statt Kohlenstoffdioxid?

Stichwort Betäubung: Seit einigen Jahren ist die Rede von einem bundesweiten Prototyp in Kulmbach, der nicht mehr die gängige CO2-Betäubung anwendet, sondern Helium. Eine Auswertung dazu stammt bereits aus dem Jahr 2012 und der Feder von Prof. Dr. Klaus Troeger vom Max-Rubner-Institut (MRI). Die Quintessenz: Für die Betäubung von Schweinen im Schlachthof  sei das gängige Gas Kohlendioxid nur suboptimal geeignet. Troegers Begründung: Tiere sind laut Verordnung der Schlachtung so zu betäuben, dass sie „keine vermeidbaren Schmerzen und Leiden empfinden“.

Doch mehrere Studien belegten, es gebe beim CO2 eine „unzureichende Betäubungstiefe“ und deutliche Abwehrreaktionen der Schweine. Bis zu 40 Sekunden hielten die lauten Panikattacken aufgrund von Atemnot an. Im Umkehrschluss wurde klar: Helium wäre als Betäubungsgas besser geeignet.

Betäubung von Schweinen durch die Elektromethode

Nun lässt die Umsetzung bislang auf sich warten. Die Helium-Anlage (in Kooperation mit der Tönnies-Stiftung) ist (noch) nicht da, das Edelgas als Betäubungsgas teuer und wegen der Energiekrise schwerer zu bekommen: Vor diesem Hintergrund hat die Stadt entschieden, bei der Betäubung der Schweine im Schlachthof zunächst allein auf die Elektromethode zu setzen.

Das wiederum rief die „Soko Tierschutz“ auf den Plan. Jene Tierrechtsorganisation hatte vor zwei Jahren Aufsehen erregt mit heimlich gedrehten Aufnahmen, die röchelnde und um Luft kämpfende Tiere in der sogenannten CO₂-Gondel zeigten. Die Bilder waren in der ARD-Sendung „Report Mainz“ zu sehen. Daraufhin entspann sich eine Diskussion, inwiefern die bisherige Betäubung noch mit ethischen Vorgaben und auch dem Tierschutzgesetz vereinbar sei.

Mülln: "Passiert ist praktisch nichts"

Der Gründer der "Soko Tierschutz", Friedrich Mülln, erinnerte an das Versprechen der Stadtverantwortlichen, das sanfte Wegdämmern in die Betäubung – und den folgenden Tod durch Ausbluten – ohne Bewusstsein durch Helium zu ermöglichen. „Schon damals hatten wir daran gezweifelt, denn Helium ist um ein Vielfaches teurer als Kohlendioxid – und selbst dieses ist inzwischen kaum noch bezahlbar.“ Das System müsste, so Mülln, längst im Einsatz sein. „Passiert ist praktisch nichts.“

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