Es sind grandiose Grüße von der Sonne. Sie leuchten grün, rot oder violett und bewegen sich wie kosmische Vorhänge oder fliegende Riesenschlangen über den Nachthimmel. In unseren Breiten sind sie leider nur ganz selten zu sehen. Polarlichter – wissenschaftlich Aurora borealis, das Nordlicht auf der Nordhalbkugel, und Aurora australis als Südlicht auf der Südhalbkugel – kommen vorwiegend jenseits des Polarkreises vor.
100 bis 200 Kilometer Höhe
Die Leuchterscheinungen heißen auch Elektro-Meteore. Sie entstehen in rund 100 bis 200 Kilometern Höhe über der Erde durch energiereiche geladene Stickstoff- und Sauerstoffatome, die mit dem Erdmagnetfeld in eine Wechselwirkung treten.
Wenn jene Teilchen in den Polarregionen auf die Erdatmosphäre treffen, entsteht das einzigartige Leuchten am Himmel. Dieses Leuchten fasziniert die beiden Franken Simon Manger und Florian Bleymann so sehr, dass sie sich schon mehrmals in die Polarregionen aufgemacht haben, um es zu erleben und zu fotografieren.
Der Schlosser und der Ingenieur sind Mitglieder der fränkischen Hobbyastronomen vom Forum Stellarum. Ihre Erfahrungen bei teils bis zu 25 Grad minus klingen schwer nach Abenteuerurlaub.
Auf dem Weg nach Finnland
An einem Wintertag im November machte sich Simon Manger mit zwei Gleichgesinnten auf nach Finnland. Zwei Wochen Zeit hatte das Trio eingeplant. Im Niemandsland kurz vor der russischen Grenze bezogen die drei ein großes Blockhaus am zugefrorenen Inarisee. „Zappenduster ist es im Winter da oben“, erinnert sich der 28-Jährige aus Heugrumbach (Kreis Main-Spessart). Und eisig kalt. Also kochten sich die Franken eine Kartoffel-Lachs-Suppe – „die wärmt echt gut“ – und Simon stellte seine neue Spiegelreflex-Kamera in Position.
„Ich hatte extra eine Taukappenheizung gekauft. Die sorgt dafür, dass die Linse nicht beschlägt und zufriert. Das funktioniert wie die Heckscheibenheizung im Auto.“ Die Extrabatterie steckte er zur besseren Isolation in den Ofenhandschuh. Und dann hieß es: warten.
Das erste Polarlicht seines Lebens kam mit Wucht. „Auf einmal ist es taghell geworden“, erzählt Simon Manger. „Und laut!“ Laut? „Ja, es hat sich fast angehört wie ein Doppelschlag Geschützfeuer.“ Alle schauten gebannt in den Himmel, der aussah, als würden „Riesen-Gasflammen da oben brennen“. Es sei so hell geworden, dass man die Landschaft um den Inarisee gut gesehen habe, „man hätte Zeitung lesen können“.
Über 2000 Bilder
Eine volle Woche lang hatten die Franken jede Nacht Glück mit dem Wetter und der Sonnenaktivität. „Wir haben ganz unterschiedliche Polarlichter beobachtet. Mal schwarz-weiß, mal farbig. Mal haben sie ausgesehen wie lodernde Feuer, dann wie zarte, aber riesige Vorhänge, die sanft über den Himmel glitten.“ Anfangs sei er so fasziniert von den Erscheinungen gewesen, dass er fast vergessen hätte zu fotografieren. Aber das holte der Franke rasch nach: 2000 Mal hat er die Aurora borealis abgelichtet, besonders gern mit einem 16-Millimeter-Weitwinkel-Objektiv.
„Wir haben nachts um 3 noch Bilder gemacht und die Kälte vor lauter Begeisterung gar nicht so wahrgenommen.“ Irgendwann krochen die eisigen Temperaturen dann aber doch durch die dicken Jacken. „Dann sind wir einfach direkt in die Sauna!“
Insgesamt bezeichnet Simon Manger den Lappland-Trip als „maximal beeindruckend“. Zwischendurch schneite es zwar immer einmal, aber dann war der Himmel wieder klar. „Wir hatten einfach perfektes Beobachtungs- und Fotografierwetter.“ Manger ist infiziert: Im kommenden Frühjahr soll es wieder ans „Ende der Welt“ gehen, diesmal mit einem zusätzlichen Fish-eye-Objektiv.
Auch Florian Bleymann zieht das unfassbare Licht magisch an. Er sagt: „Das Nordlicht ist unheimlich energiereich. So schön es ist, so gefährlich ist es deshalb auch.“ Der Würzburger ist stark wissenschaftlich orientiert. „Wenn man weiß, woher es kommt und wie viel Energie dafür nötig ist, fasziniert einen das Polarlicht noch mehr.“ Er erklärt: „Unser Magnetfeld ist nicht komplett geschlossen, Feldlinien reichen an den Polen bis in die Erde.
Wenn nun der Sonnenwind mit seinen Strahlungspartikeln von der Sonne in unsere Richtung fliegt, trifft er nach ein bis drei Tagen aufs Erdmagnetfeld. Ist der Sonnenwind besonders stark, müssen Flugzeuge niedriger fliegen und es kann zu Problemen für unsere Stromversorgung auf der Erde kommen.“
Wenig Luftverschmutzung
Je nach Schnelligkeit der Teilchen schimmert das Nordlicht grün, rot, blau-rot oder blau-lila. „Blau-lila hat die meiste Energie.“ Als Florian Bleymann im Jahr 2021 gut zwei Wochen lang auf Island war, hat er Polarlichter in verschiedenen Farben gesehen. Er hat seine Tour perfekt vorbereitet, sich gute Plätze gesucht mit wenig Lichtverschmutzung. Polarlicht-Touren für Touristen mied er: „Die fahren nur schnell raus aus der Stadt, halten – am besten noch in der Nähe einer beleuchteten Ortschaft – , lassen die Leute ein bisschen schauen, kassieren ihr Geld und schon geht es zurück.“
Das ist nichts für einen Strategen wie Florian Bleymann. „Die Reifen unseres Autos hatten Spikes, da kommt man gut auch an entlegenere Stellen.“ Mit drei Kameras und sehr weitwinkligen Objektiven hielt er die Himmelsschauspiele ebenso fest wie einen aktiven Vulkan auf der Reykjanes-Halbinsel, Geysire und Wasserfälle.
Auch ihn hat der erste Anblick auf das Himmelslicht völlig „weggebeamt“, erzählt er. „Ich war echt hingerissen und hab’ nur gestaunt. Der Himmel hat grün geleuchtet und auch ein bisschen rot. Ich hab’ nie erwartet, dass ich das so stark sehe!“ Schon die Sonnenfinsternis 2017, die er in den USA miterlebte, sei „ein absoluter Wow-Faktor“ gewesen. „Aber beim Polarlicht stehst du genauso ergriffen da und vergisst das Abdrücken. Du bist völlig fasziniert davon, wie schnell sich das Licht am Himmel bewegt und dass man Spiralen und Konturen sieht… einfach unglaublich!“
Gegen die Aurora seien die beheizten Gehsteige in Reykjavik – „Die Isländer haben ja fast nur regenerative Energie, die können sich das erlauben“ – nur noch ein ganz kleines Highlight gewesen. „Polarlichter zu sehen, kann süchtig machen“, warnt Florian Bleymann. Die Bilanz seines Island-Abenteuers: „Ich freue mich schon auf den nächsten Sonnensturm, den ich hoffentlich irgendwo im Norden erlebe.“
Simon Manger nickt. Er kann gut nachvollziehen, was sein Forum-Stellarum-Kollege fühlt. Angesichts von strammen Minusgraden, eisigem Wind und stundenlangem Warten betont er aber auch: „Ich glaube, so ein Trip muss auch ein bisschen hart sein, das gehört dazu. Wenn man dann endlich Polarlichter sieht, ist das die Belohnung für ein bisschen Leiden.“
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