Die Leichtathletik-Europameisterschaft vor zwei Jahren in München hatte Merlin Hummel haarscharf verpasst. Zu der vom Deutschen Leichtathletik-Verband geforderten Weite von 77 Metern fehlten ihm 1,32 Meter, in der 2020 eingeführten Punkte-Weltrangliste mickrige zwei Pünktchen. Diesmal hatte aber der Kulmbacher keine Mühe, die auf 76,50 Meter heruntergesetzte EM-Norm des DLV zu schaffen. So findet erstmals seit 2012 das Hammerwerfen bei einer EM wieder mit deutscher Beteiligung statt. Und das sogar in doppelter Besetzung, denn auch Sören Klose konnte sich qualifizieren.
Zu seiner ersten Einzel-EM reist der 22-Jährige Merlin Hummel sogar mit Außenseiterchancen auf eine Medaille in die italienische Hauptstadt. Doch davon will er kurz vor dem Abflug am Donnerstag von München nichts wissen. "Ich trete dort an, um mein Bestes zu geben und Spaß zu haben. Dann lasse ich mich überraschen, was dabei herauskommt. Ich weiß jedenfalls, dass ich in Top-Form bin", sagt der Weltklasse-Athlet des UAC Kulmbach. Besser gesagt - in der Form seines Lebens.
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Merlin Hummel hat nach zwei Jahren der Stagnation wieder einen Riesenschritt nach vorne gemacht. 2022 lag der Kulmbacher mit 76,28 Metern auf Rang 29, im Vorjahr konnte er sich gerade Mal um 0,66 Zentimeter steigern. Doch nun hat der Sportsoldat bei den Halleschen Werfertagen im Mai seine persönliche Bestweite um fast zwei Meter auf 78,11 Meter nach oben geschraubt. Damit rangiert er in der Weltrangliste, die vom Weltmeister Ethan Katzberg (Kanada) mit 84,34 Metern angeführt wird, aktuell auf Platz 9 und ist fünftbester Europäer.
Generationswechsel im Hammerwerfen
Mit seinen 22 Jahren steht Merlin Hummel aber noch ganz am Anfang seiner Karriere. Schließlich kann man Hammerwerfen auch mit Mitte 30 noch auf Weltklasse-Niveau betreiben, wie die beiden 35-jährigen Polen Wojciech Nowicki, Olympiasieger von 2021, Europameister 2022 und Weltjahresbester 2023 (81,92 Meter), und Pavel Fajdek (2023: 80,00 Meter), vierfacher Weltmeister, beweisen. Merlin Hummels Heimtrainer Martin Ständner sagt: "Sie haben jahrelang das Hammerwerfen geprägt und eine Riesenerfahrung. Aber dahinter kommen nun viele junge Athleten nach wie Weltmeister Ethan Katzberg, der wie Merlin erst 22 Jahre alt ist."
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Der Kanadier Katzberg fehlt selbstverständlich bei der EM - ebenso wie die von internationalen Wettkämpfen ausgeschlossenen Valerij Pronkin aus Russland, weltweit Zweitbester dieses Jahres mit 81,53 Metern, sowie Alexander Schimanovich (Belarus), mit 80,11 Metern Vierter der aktuellen Weltrangliste.
So sind unter den 30 Hammerwerfern in Rom nur vier Konkurrenten, die heuer schon weiter als Merlin Hummel geworfen haben: der Ukrainer Mykhaylo Kokhan (80,76), der Franzose Yann Chaussinand (79,88), der Pole Wojciech Nowicki (79,54) und der Niederländer Denzel Comenentia (79,09). Doch im aktuellen Leistungsbereich von Merlin Hummel ist die Konkurrenz in Europa groß. Selbst Deutschlands Nummer 2, Sören Klose (Eintracht Frankfurt), darf sich mit seiner heuer erzielten persönlichen Bestweite von 77,49 Metern Hoffnungen auf eine EM-Medaille machen.
Martin Ständners Top-Favorit ist der Ukrainer Kokhan. Doch auch der 26-jährige Ungar Bence Halasz, Bronzemedaillengewinner der WM 2023 in Budapest, der in der aktuellen Weltrangliste einen Rang hinter Merlin Hummel liegt, steht bei ihm hoch im Kurs. Insgesamt haben 23 der 30 Teilnehmer in diesem Jahr schon über 75 Meter geworfen. Deshalb dürfe man wegen Hummels Weltranglistenplatzierung nicht automatisch eine Medaille erwarten. "Ball flach halten", sagt Ständner.
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"Im vergangenen Jahr habe ich mich noch über jeden Wurf über 75 Meter gefreut", sagt Merlin Hummel. Doch seine Ansprüche sind inzwischen ebenso deutlich gestiegen wie sein Selbstvertrauen. "Ich bin topfit und so gut in Form wie nie. Die Weltspitze wirft um die 80 Meter, und mir fehlen nur noch zwei Meter dahin." Der Kulmbacher hat inzwischen auch die Ehrfurcht vor den Stars der Szene abgelegt. "Ich habe früher zu den großen Persönlichkeiten wie Nowicki oder Fajdek aufgeschaut. Natürlich ist der Respekt noch da, aber sie kochen auch nur mit Wasser", meint der 22-jährige Kulmbacher, der inzwischen bei Olympischen Jugendspielen, U23-Europameisterschaften, Europacup und EM mit dem deutschen Team und seiner ersten Weltmeisterschaft 2023 in Budapest reichlich internationale Luft geschnuppert hat.
"Die WM in Budapest hat mir unfassbar viel gebracht", sagt Merlin Hummel, auch wenn sie sportlich mit drei Fehlversuchen eine herbe Enttäuschung war. Allerdings trat Merlin Hummel mit Rückenproblemen in den Ring, die sich Wochen später als ein verschleppter Bandscheibenvorfall herausstellten. Dennoch war die Erfahrung von Budapest Gold wert für den Oberfranken. "Man ist nicht mehr so aufgeregt, wenn man in einem großen Stadion mit zigtausenden Zuschauern wirft, kann die Situation mehr genießen", sagt Hummel. Langsam werden für ihn große Titelkämpfe zur Routine.
Martin Ständner ist dabei
Für Martin Ständner sind sie es seit Jahrzehnten. Denn der 67-jährige Wurftrainer der Leichtathleten des UAC Kulmbach und der Rasenkraftsportler des TSV Stadtsteinach war einst Hammerwurf-Bundestrainer der Frauen und führte auch schon Simone Mathes zur Europameisterschaft. Merlin Hummel hat vor zwölf Jahren bei Martin Ständner die ersten Wurfversuche gemacht. Nun freut er sich, dass sein Heimtrainer und Förderer vom DLV für die EM akkreditiert wurde und ihn während des Wettkampfes betreuen darf.
Gemeinsam besteigen Hummel und Ständner am Donnerstag im Erdinger Moos bei München ein Flugzeug Richtung Rom. Der Hammerwurf-Wettkampf beginnt am Samstag um 10 Uhr im Olympiastadion mit der Qualifikation. Von 30 Athleten qualifizieren sich zwölf für das Finale am Sonntag ab 21 Uhr. Sie bekommen zunächst drei weitere Versuche, die besten acht Werfer dürfen weitere drei Mal in den Ring.
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Natürlich ist Hummels Minimalziel das Erreichen des Finales. "Das ist realistisch, denn Merlin ist aktuell sehr gut drauf, gesund und sehr spritzig", sagt Martin Ständner. Was Merlin Hummel bestätigt: "Ich weiß, dass ich in Top-Form bin. Zur Zeit läuft alles, das ist schon echt geil. Auch gesundheitlich gibt es keine Probleme, auch wenn es hie und da schon mal zwickt. Aber das ist eben so im Spitzensport."
Olympische Spiele im Hinterkopf
Trotzdem will sich der U23-Vize-Europameister von niemandem unter Druck setzen lassen. "Ich reise als Außenseiter nach Rom und will den Wettkampf genießen und Spaß haben", sagt Merlin Hummel, der im Ring auch den Gedanken an die Qualifikation für die Olympischen Spiele ausblenden möchte. Natürlich wäre es leichter für ihn, wenn er in Halle neun Zentimeter weiter geworfen hätte und das direkte Ticket nach Paris gelöst hätte. Doch aktuell würde sich der Kulmbacher dank seiner Weltranglistenpunkte für Olympia qualifizieren. Ein Finaleinzug bei der EM, für den es jede Menge Weltranglistenpunkte gibt, wäre wohl die zweite Hälfte der Miete.
Schon Montagmittag geht der Flieger von Rom zurück. Zeit, die Sehenswürdigkeiten der "ewigen Stadt" anzuschauen, bleibt Merlin Hummel also nur, wenn er im Vorkampf ausscheidet. "Ich hoffe natürlich, dass ich mir Rom ein anderes Mal anschauen muss", sagt der Kulmbacher.










