Wolfgang Maier arbeitet seit über 30 Jahren für den Deutschen Ski-Verband (DSV), zunächst im Nachwuchsbereich. Nach seiner Ausbildung zum Diplomsportlehrer wurde er 1989 Trainer des deutschen Slalom-Frauenteams. Nachdem er 1997 zum Cheftrainer der Damen aufgestiegen war, gestaltete er die bis heute erfolgreichste deutsche Ära im alpinen Wintersport mit, als Katja Seizinger, Hilde Gerg und Martina Ertl bei Olympia und Weltmeisterschaften Medaillen hamsterten. Seit 2007 ist der heute 63-jährige Berchtesgadener für den gesamten alpinen Wintersport beim DSV verantwortlich.
Am Aschermittwoch fliegt Maier dem deutschen Männer-Team hinterher, das mit dem gebürtigen Kulmbacher Jacob Schramm schon am Montag in Norwegen gelandet ist, wo in Kvitfjell die nächsten Rennen stattfinden. Nach zwei Trainingsläufen am Donnerstag und Freitag soll Schramm am Wochenende seine Weltcup-Rennen Nummer 2 und 3 bestreiten. Am Samstag steht ein Abfahrtsrennen auf dem Programm, ein Sonntag ein Super-G. Für Deutschland gehen ferner die drei Routiniers Romed Baumann (38), Dominik Schwaiger (34) und Andreas Sander (32) sowie Simon Jocher (27) und Linus Vogt (22) ins Rennen.
Der aus Eppenreuth bei Grafengehaig (Landkreis Kulmbach) stammende Schramm freut, sich endlich einmal wieder richtigen Winter in dieser Saison erleben zu dürfen. "Wir hatten zuletzt in Berchtesgaden um die 15 Grad plus, hier liegt ein halber Meter Schnee und es ist minus 15 Grad kalt." Für die Rennen am Wochenende will er sich keinen zu großen Druck auflasten, um nicht zu verkrampfen. "Mein Ziel muss es sein, locker zu bleiben und mich von Fahrt zu Fahrt zu steigern."
Ärgerlich nur für Jacob Schramm, dass die Weltcup-Rennen in Norwegen bereits die letzten für ihn in diesem Winter sind. Denn danach stehen in Abfahrt und Super-G nur noch die Rennen beim Weltcup-Finale in Saalbach-Hinterglemm auf dem Programm. Und dafür qualifizieren sich nur die besten 30 der Weltcup-Rangliste - keine Chance für den Oberfranken, dies noch zu schaffen. Deshalb muss er sich weitere Rennpraxis im Europacup holen. Im zweitklassigen Wettbewerb finden noch drei Rennen in Verbier Anfang März und vier Ende März erneut in Kvitfjell statt.
Im Interview spricht Wolfgang Maier über die Rücktritte der deutschen Ski-Stars Thomas Dreßen und Josef Ferstl, wie er die Kritik der Klimaaktivisten am Wintersport sieht und was er von Jacob Schramm erwartet.
Wolfgang Maier, nach Kreuzbandriss, Armbruch und zwei Knorpel-Operationen im Knie hat Jacob Schramm mit 25 Jahren endlich sein Weltcup-Debüt feiern dürfen. Und das ausgerechnet auf der Streif in Kitzbühel, einer der schwersten Strecken im Weltcup. Mit 3,5 Sekunden Rückstand und Platz 50 war Jacob Schramm sehr zufrieden, sein Vater Harald war heilfroh, dass der Junge gesund im Ziel war. Sie auch?
Wolfgang Maier: Nein, wir lassen niemanden in Kitzbühel auf der Streif starten, wenn wir nicht überzeugt sind, dass er das auch drauf hat. Bei den ersten Weltcup-Einsätzen geht es ohnehin nicht um die Platzierung. Jacob darf auf seine Leistung stolz sein, sollte sich damit aber nicht zufriedengeben. Er sollte darauf aufbauen und versuchen, beim nächsten Mal engagierter und mutiger zu fahren, um näher an die Spitze heranzukommen. Aber mit 25 Jahren steht er als Abfahrer noch am Anfang seiner Karriere. Abfahrer werden oft erst mit 30 Jahren so richtig gut, weil sie dann über die notwendige Routine verfügen und die Strecken kennen und einschätzen können.
Jacob Schramm ist nach Stefan Pistor erst der zweite Oberfranke, der es in den Weltcup geschafft hat. Hätten Sie ihm das zugetraut?
Ich habe Jacob Schramms Werdegang in den vergangenen Jahren verfolgt und ihn erstmals besser kennengelernt, als wir 2021 gemeinsam zum Weltcup nach Saalbach gefahren sind. Dass er es jetzt ins Weltcupteam geschafft hat, freut uns beim Deutschen Skiverband besonders, ist es doch ein Signal, dass man dafür nicht unbedingt aus Südbayern kommen muss. Das hat ja auch schon ein Andi Sander aus Westfalen gezeigt. Mit Stefan Pistor war ich gemeinsam bei der Bundeswehr in Bischofswiesen, ein guter Mann. Er war dann auch mit mir im Trainerteam der legendären Damen-Weltcupmannschaft um Martina Ertl, Katja Seizinger und Hilde Gerg.
Mit Thomas Dreßen und Josef Ferstl haben die beiden erfolgreichsten deutschen Abfahrer kürzlich mitten in der Saison überraschend ihre Karriere beendet. Können Simon Jocher (27), Jacob Schramm (25) und Luis Vogt (22) die Lücke schließen?
Alle von Ihnen genannten Aktiven haben das Potenzial dazu, aber eine sichere Prognose kann ich nicht abgeben. Simon Jocher ist am dichtesten an den Top-10 dran. Luis Vogt ist enorm talentiert. Jacob Schramm ist der, der sich alles am härtesten erarbeitet. Jacob Schramm kann richtig gut Skifahren. Letztlich hat man aber im Leistungssport immer eine Selbstverantwortung. Was ist man bereit, zu investieren? Wir schaffen optimale Rahmenbedingungen, der Athlet muss sie nutzen.
Jacob Schramm fährt im Training ganz gut mit, will aber im Rennen oft zu viel. So hat er im Europacup heuer nur wenig Punkte geholt. Holen Sie ihn nach den Rücktritten von Dreßen und Ferstl trotzdem fest ins Weltcup-Team?
Ja, er bekommt jetzt die Möglichkeit, sich fix fürs Weltcup-Team zu qualifizieren.
In den schnellen Disziplinen im Europacup tauchen nur vereinzelt deutsche Fahrer auf, und die auch nur auf den hinteren Rängen. Gibt es im DSV generell ein Nachwuchsproblem oder aktuell nur in Abfahrt und Super-G?
Aktuell sind wir hier etwas ausgedünnt. Doch das ändert sich mit den Jahrgängen 2005 bis 2007 wieder. Die Anzahl der Aktiven im Abfahrtsbereich ist aber bei uns immer relativ überschaubar, denn die Nachwuchsfahrer werden bei uns zunächst immer in den technischen Disziplinen ausgebildet und wechseln dann eher spät in den Speedbereich. In anderen Ländern, wo es mehr Nachwuchsathleten gibt, fängt die Spezialisierung früher an.
In Deutschland erwartet man wie selbstverständlich, dass unsere Skifahrer im Weltcup vorne mitfahren. Ist diese Anspruchshaltung berechtigt oder übertrieben?
Man muss die Konkurrenz im internationalen Vergleich schon richtig einordnen können. Wenn Italien, Österreich und die Schweiz über 20 gute Nachwuchs-Athleten in einem Jahrgang verfügen, dann haben wir vielleicht einen. In Deutschland gibt es zwar viele Menschen, die Skifahren, aber nur wenige, die den Sport wettkampfmäßig betreiben. Deshalb nimmt auch der DSV nicht für sich in Anspruch, die beste Nation im alpinen Skisport zu sein. Das waren wir übrigens noch nie, mit Ausnahme vielleicht in den neunziger Jahren zu Zeiten der Ausnahme-Mannschaft bei den Damen. Es freut einen natürlich, wenn sich die Fans mit uns identifizieren. Den Erfolgsdruck halten wir aus, man darf sich nicht davon erdrücken lassen.
Die Winter-Saison steht für die Alpinen unter keinem guten Stern, besonders bei den Männern fielen viele Rennen aus. Die Abfahrten in Zermatt, Beaver Creek und Chamonix mussten wegen Wetterkapriolen komplett gestrichen werden. Klimawandel oder Pech?
Da muss man differenzieren. Die ersten Rennen dieser Saison sind ausgefallen, weil es zu viel Schnee gab, dann welche wegen schlechter Sicht und zuletzt war der Schneemangel eine Ursache. Der Klimawandel ist Fakt. Allerdings nicht in Form einer linearen Veränderung. Wir werden in Zukunft Winter mit viel und Winter mit weniger Schnee erleben.
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Felix Neureuther hält den Aufwand, der etwa für das Gletscherrennen Ende Oktober in Sölden betrieben wird, für unverhältnismäßig und fordert, den Saisonstart drei Wochen nach hinten zu verlegen. Wie ist die Position des DSV dazu?
Das richtige Fenster für den Skirennsport ist von Anfang November bis Mitte März. In diesem Zeitraum ist Skisport für die Menschen nachvollziehbar. In diesem Zeitraum brauchen wir mehr Events wie Kitzbühel, Adelboden oder Schladming. Diese Veranstaltungen machen den Sport groß, interessant und attraktiv.
Nun machen Klimaaktivisten auch verstärkt gegen den alpinen Wintersport mobil, kritisieren den immensen Energieverbrauch durch Schneekanonen und die Umweltzerstörung.
Viele Menschen wissen nicht, wie Kunstschnee produziert wird und vor allem, warum in den Skigebieten eine Grundbeschneiung notwendig ist, um den Betrieb zu gewährleisten. Viele Menschen wissen auch nicht, dass sich der Energieverbrauch für Kunstschnee in den letzten zehn Jahren erheblich reduziert hat. Der Skisport spielt in unserer Gesellschaft eine wichtige Rolle. Zu Recht. Denn Sport trägt zur Volksgesundheit ebenso wie zur Charakterbildung junger Menschen bei. Sport basiert auf Regeln und Fairplay. Gerade im Wintersport bewegen sich die Menschen in einer einzigartigen Natur und können diese in der Folge entsprechend wertschätzen und damit auch für ihren Schutz eintreten. Und in den Vereinen fördert Sport das Miteinander und den Zusammenhalt über alle Generationen hinweg. Skisport ist Teil unserer Gesellschaft und muss es bleiben.
In zwei Jahren finden in Mailand und Cortina d´Ampezzo endlich wieder Olympische Winterspiele vor der Haustüre statt. Jacob Schramm ist dann 27 - trauen Sie ihm zu, dass er dann als deutscher Medaillenkandidat am Start stehen wird?
Wenn er seine Hausaufgaben in den nächsten zwei Jahren macht, dann kann er sich für die Spiele qualifizieren. Ob er dann auch um Medaillen mitfahren kann, liegt, wie gesagt, ganz alleine an ihm. Wir unterstützen ihn jedenfalls bestmöglich.












