Zwei Jahre ist es her, als wir Jacob Schramm auf dem Bänkchen sitzend vor seinem Elternhaus in Eppenreuth trafen. Neben ihm lehnten zwei Krücken an der Hauswand. Der damals 24-Jährige erholte sich im heimischen Frankenwald-Dörfchen nahe Grafengehaig (Landkreis Kulmbach) von einer Knorpel-Operation im Knie, die nach einem Sturz im Training zum Ende der Saison nötig geworden war. Es war bereits die zweite in der noch jungen Karriere des Ski-Rennfahrers aus Oberfranken. Doch es gab auch eine gute Nachricht im Mai 2024: Trotz seiner Verletzung wurde Schramm aufgrund guter Leistungen im Europacup Anfang Mai als festes Mitglied ins Weltcup-Team aufgenommen.
Fast genau zwei Jahre später sitzt Jacob Schramm wieder auf dem Bänkchen in Eppenreuth. Und schon wieder ist er schwer verletzt, diesmal hat es beide Knie böse erwischt. Bei der Weltcup-Abfahrt in Kitzbühel Anfang Januar stürzte er im Training so unglücklich, dass gleich in beiden Knien nahezu Totalschäden diagnostiziert wurden. Zwei Operationen durch den Arzt der Nationalmannschaft in München binnen weniger Wochen waren nötig. Deswegen brauchte er zwischenzeitlich sogar den Rollstuhl, um vorwärtszukommen. Nun kann er aber wieder ohne Krücken laufen und ist froh, "die schwerste Zeit mit steifem Bein überstanden" zu haben. Vor ihm liegt aber noch ein weiter Weg zurück auf Skier und in den Schnee. Wie steinig der ist, weiß kaum einer besser als er. Denn für Jacob Schramm ist die Reha inzwischen leider schon Routine.
Training im Frankenwald
Von der Bank sind es nur ein paar Meter zu einem Schuppen, wo sich Jacob Schramm einen kleinen Fitnessraum eingerichtet hat. Dort stemmt er Gewichte, trainiert die Rumpfmuskulatur und arbeitet vorsichtig daran, die beiden lädierten Beine wieder gangbar zu machen. Auch wenn er noch nicht wie erhofft Anfang Mai mit dem Fahrradtraining beginnen konnte ("Für die Kniebeugung fehlen noch ein paar Grad, wir wollen da nichts riskieren"), ist Schramm mit dem Heilungsverlauf sehr zufrieden - ebenso wie der behandelnde Arzt. Schramm sagt: "Die Operationen sind besser verlaufen als gedacht." Der gebürtige Kulmbacher musste sich gleich zwei Eingriffen binnen weniger Wochen durch den Arzt der Ski-Nationalmannschaft in München unterziehen.
Angesichts der multiplen Verletzungen (Knorpel, Meniskus, Kreuzband) in beiden Gelenken macht Schramm sehr gute Fortschritte: "Das rechte Bein funktioniert schon beachtlich gut. Und das linke, das über Wochen ziemlich lahmgelegt war, wird auch langsam wieder." Das Laufen funktioniert fast schon wieder normal, Joggen wird aber erst in ein paar Wochen wieder möglich sein. Den wenigsten Substanzverlust hat Schramm natürlich am beim Sturz unversehrten Oberkörper zu verzeichnen.
Einen Teil der Reha absolviert Jacob Schramm in Oberbayern, hat er doch seit Jahren einen Zweitwohnsitz in Bischofswiesen. Von dort fährt er regelmäßig nach Schönau am Königssee, um unter Anleitung von Physiotherapeut Marcus Hirschbiel, dem Ehemann von Ex-Skirennläuferin Hilde Gerg, zu trainieren.
Rote Farbe ist zum Glück kein Blut
Doch wie hat Jacob Schramm seinen Horror-Sturz von Kitzbühel mental verarbeitet? Wacht er nachts etwa schweißgebadet auf? "Nein, ich hatte eigentlich gar keine großen Probleme mit der Bewältigung. Das hat mich selbst etwas gewundert", sagt Jacob Schramm. "Aber ich bin ja leider inzwischen sehr erfahren im Stürzen..." Im ersten Moment nach seinem Einschlag in die Fangmatte bei annähernd 100 km/h sei er aber "schon schockiert" gewesen. Der 26-Jährige sagt: "Die ersten zwei Minuten waren am schlimmsten. Ich habe sofort gewusst, dass das rechte Kreuzband gerissen ist. Als ich dann sah, wie mein linkes Bein komisch wegstand und ich eine rote Farbe auf meinem Anzug bemerkte, dachte ich an Blut und einen offenen Bruch." Doch zum Glück entpuppte sich die rote Farbe nur als Abrieb der Fangmatte.
Dass der Sturz bei ihm kein Trauma ausgelöst hat, sei auch der "sehr guten Erstversorgung auf der Piste" zu verdanken gewesen, glaubt Jacob Schramm. Die Ärzte gaben ihm sofort so starke Schmerz- und Beruhigungsmittel, dass er den Abtransport im Hubschrauber in die Klinik nur noch in Trance erlebte. Dankbar ist der Oberfranke auch seiner Familie und Freunden. "Ich habe ganz viel Zuspruch bekommen. Das war schon stark." Unter anderem schickte Ski-Star Aleksander Aamodt Kilde ein aufmunterndes Video an Jacob Schramm.
aleksander aamodt kilde Jacob Schramm
Doch hat Jacob Schramm überhaupt einmal mit dem Gedanken gespielt, die Rennskier an den Nagel zu hängen? "Im ersten Moment nach dem Sturz habe ich schon gedacht, scheiße, das war's", gesteht der 26-Jährige. Denn früher hätten solche schweren Verletzungen das sichere Karriere-Ende bedeutet. Doch als Schramm im Krankenhaus wieder zu sich kam, kehrte sofort sein Kampfgeist zurück. "Ich habe zum Glück die Energie, positiv zu denken." Als dann auch noch die Operationen "so gut verlaufen sind, ist es von Woche zu Woche leichter geworden, positiv zu denken".
Schramm bleibt im Weltcup-Team
Ein paar Tage nach dem Besuch bei Jacob Schramm in Eppenreuth vermeldete der DSV, dass Schramm im Weltcupteam bleibt. Die gleiche gute Nachricht wie zwei Jahre zuvor, allerdings nicht mehr als ein üblicher und anständiger Umgang mit verletzten Sportlern. Deshalb sagt auch Jacob Schramm: "Ich wäre schon enttäuscht gewesen, wenn ich rausgeflogen wäre." Neben dem Frankenwälder gehören auch Romed Baumann, Simon Jocher, Andreas Sander, Luis Vogt und Maximilian Schwarz weiterhin der höchsten Leistungsgruppe (LG 1a) für die Speed-Disziplinen an. Neu ist allerdings der Cheftrainer: Nachdem der Österreicher Andreas Evers zum ÖSV zurückgekehrt ist, wurde er durch den bisherigen Co-Trainer Andreas Silberleithner ersetzt. Eine gute Wahl, findet Jacob Schramm. "Andi kennt mich gut und respektiert mich. Und er bringt sicher frischen Wind rein."
Schramm selbst wird aber wohl im kommenden Winter zunächst wieder im zweitklassigen Europacup starten, um Rennpraxis zu sammeln. "Die nächste Saison sehe ich als Übergang, da werde ich eh nicht viel gewinnen." Und will er seinen Verletztenstatus über die Saison hinaus behalten, darf Jacob Schramm sowieso nicht mehr als fünf Rennen bestreiten.
Druck macht er sich selbst nicht, auch die Trainer legen ihm keinen auf. "Ich wäre schon sehr zufrieden, wenn ich im Dezember wieder Rennen fahren könnte. Und vielleicht reicht es ja im Frühjahr sogar zu einem Weltcup-Start", meint der Eppenreuther, der aber die schwierigsten Pisten vorerst noch meiden will, um nichts zu riskieren. Dafür muss er sich erst die Sicherheit zurückholen. Dann traut er sich auch ein Comeback auf der Streif zu.
Olympia-Teilnahme wäre eine Sensation
Bitter nur, dass es ausgerechnet ein Olympia-Winter ist. Sich einmal für Winterspiele zu qualifizieren, ist ein Kindheitstraum von Jacob Schramm. Dass er bei den olympischen Rennen im Februar in Italien am Start stehen wird, hat der Frankenwälder so gut wie abgehakt. "Das wäre schon eine Sensation, wenn ich im nächsten Winter schon so weit wäre, dass ich mich für Olympia qualifizieren könnte." Dazu müsste er zwei Mal unter die Top 15 oder einmal unter die besten Acht im Weltcup fahren. Selbst ohne den Horror-Sturz wäre es eine Riesenaufgabe gewesen, hat doch Schramm in seinen bisherigen fünf Weltcup-Rennen als beste Platzierung einen 38. Rang eingefahren.
Deshalb wäre Schramm schon glücklich, wenn er es überhaupt zurück ins Weltcup-Starthäuschen schaffen würde. "Ich möchte allen zeigen, dass ich ein Kämpfer bin. Und ich möchte schon noch wissen, wie weit nach vorne ich es im Weltcup schaffen kann. Schließlich bin ich im vergangenen Winter ganz gut gefahren und war nahe an den Top 30 der Welt dran." Außerdem weiß Schramm, welche Privilegien er als Profi-Sportler und Angehöriger der Sportförderkompanie hat: "Ich möchte das Sportlerleben schon noch ein wenig auskosten."

















