Selbst für den „Kaiser“ Franz Beckenbauer war es immer „eine Auszeichnung“, in die berühmteste Sport-Sendung der Nation eingeladen zu werden, wie er sagte. Nun durfte Deutschlands bester Hammerwerfer die große TV-Bühne am Mainzer Lerchenberg betreten. Und Merlin Hummel meisterte die größte mediale Herausforderung seiner Karriere mit Bravour, auch wenn er „anfangs schon ein wenig aufgeregt war“, wie er gesteht. Schließlich war der 23-Jährige schon über die Einladung überrascht. "Schließlich werden doch selten Leichtathleten eingeladen, und dann auch nur die Top-Stars wie Malaika Mihambo ins Sportstudio eingeladen werden. „Und in diese Reihe würde ich mich noch nicht einreihen“, meint Hummel bescheiden.
Doch als er dann zu später Stunde Auge in Auge mit Moderator Jochen Breyer auf seinem Barhocker sitzt, gibt er sich ganz locker, redegewandt und vor allem selbstbewusst. „Im Deutschen Hammerwerfen war lange tote Hose. Ich bin schon stolz, da wieder Leben reinzubringen“, sagt Merlin Hummel.
1,1 Millionen Zuschauer
Den 1,1 Millionen Zuschauern vor den Bildschirmen wird der junge Kulmbacher in einem langen Film vorgestellt. Unter anderem ist zu sehen, wie Merlin Hummel im Frühjahr bei einem PR-Gag der Stadtwerke Bayreuth den Hammer gegen ein abbruchreifes Haus schleudert. Mit diesem Video hat Hummel auf seinen Social-Media-Kanälen über acht Millionen Menschen erreicht.
Im Einspieler kommt auch sein Entdecker, Förderer und Heimtrainer Martin Ständner zu Wort. Der 69-Jährige blickt dabei auf das Jahr 2013 zurück, als sich ihm „ein drahtiges Bürschchen voller Tatendrang, unheimlich agil, schnell und koordinativ sehr gut aufgestellt,“ beim Talentsichtungstag des UAC Kulmbach auf der Wurfanlage in Stadtsteinach vorstellte. Zwölf Jahre später wirft dieses Bürschchen 81,27 Meter und ist damit der erste deutsche Weltklasse-Werfer seit vielen Jahren. „Merlin ist im letzten Jahr in der erweiterten Weltspitze angekommen, heuer in der absoluten“, sagt Ständner.
Und der Heimtrainer wird auch nach Hummels Qualitäten gefragt: „Er hat über die Jahre eine sehr individuelle Wurf-Technik entwickelt und kann sich sehr gut reinbeißen“, erklärt Ständner. Damit meint er den Trainingsfleiß, den ZDF-Redakteur Andreas Kürten im Vorstellungs-Film auch mit Bildern vom Training in der Stadtsteinacher Au belegt. „Merlin Hummels Trainingsfleiß ist ein Grund, warum Deutschland endlich wieder einen richtig guten Hammerwerfer hat“, meint Kürten anerkennend. Damit liegt der Sohn von Sportstudio-Legende Dieter Kürten nicht falsch.
"Ein Hammerwerfer sollte athletisch sein"
Doch es gibt noch andere Geheimnisse hinter der Leistungsentwicklung des Kulmbachers, der mit seinen 112 Kilogramm verteilt auf 1,86 Metern Körpergröße „gar nicht die typische Figur eines Hammerwerfers hat“, wie Jochen Breyer meint. „Darauf bin ich auch stolz“, entgegnet Merlin Hummel. Und schickt schmunzelnd hinterher: „Ein Hammerwerfer sollte athletisch sein, weil es besser aussieht.“ Der ZDF-Moderator ergänzte unter Gelächter: „Auch im Freibad…“
Doch wie konnte sich Merlin Hummel in nur einem Jahr um rund zwei Meter steigern, wollte Jochen Breyer wissen. Ausgangspunkt sei das Finale der Olympischen Spiele von Paris im August 2024 gewesen, als er mit 76,03 Metern drei Meter unter seiner Bestweite blieb und Zehnter wurde. „Es lief nicht so, wie ich mir das vorgestellt hatte“, meint Hummel. Noch während des Wettkampf habe er sich Gedanken gemacht und sei zur Erkenntnis gekommen, „dass ich technisch die ein oder andere Sache ändern und dass mein unterer Rücken gestärkt werden muss“.
Beim Olympiasieger Katzberg abgeschaut
Dabei habe sich Hummel auch vieles vom Olympiasieger Ethan Katzberg abgeschaut, zu dem er seit einem gemeinsamen Trainingslager in Portugal vor zwei Jahren einen guten Draht hat. „Man muss von den Besten lernen“, meint der 23-jährige Kulmbacher. Gemeinsam mit seinem Trainer Martin Ständner habe er eine Möglichkeit gefunden, wie man die technischen Details von Katzberg, der Nummer 1 der Weltrangliste, „auf unsere Weise integrieren könne“. Vor allem „an der richtigen Position locker, aber im Oberkörper ruhig zu bleiben, mache viel aus“, verrät Hummel, der zu seinem 7,26 Kilogramm schweren Hammer inzwischen eine besondere Beziehung aufgebaut hat. „Es ist eine Art Meditation. Man muss hören, was dir das Gerät sagen will. Und das Gerät sagt mir, dass noch viel Potenzial drin steckt.“ Zumal er die Kapazitäten seines Körpers noch gar nicht vollends ausgereizt hat. „Mein Trainer und legen viel Wert darauf, dass wir die Leistung nachhaltig steigern und jedes Jahr ein bisschen was draufsetzen.“
Beim Bestreben, immer besser zu werden, setzt Merlin Hummel auf viele kleine Bausteine. Etwa das Mentaltraining seiner Mutter oder eine selbstentwickelte KI-unterstützte App, die seine Würfe auswertet und zur Trainingssteuerung dient. Damit macht sich Hummel sein Wissen aus einem Studium der angewandten Künstlichen Intelligenz zunutze. Die App will er aber auch anderen Werfern über den App-Store zur Verfügung stellen. Gefüttert hat Hummel das KI-Programm hauptsächlich mit Videos seiner Würfe, aber auch mit denen von Ethan Katzberg, wie Hummel im ZDF verriet.
Grußbotschaft vom Olympiasieger
Die Macher der Sendung hatten auch eine Überraschung für den Kulmbacher parat. Denn Ethan Katzberg hatte eine Videobotschaft geschickt, in der er seinen Respekt vor dem Konkurrenten und seine Vorfreude auf den Vergleich mit Hummel bei der WM im September in Tokio zum Ausdruck bringt. „Muss er Angst vor Ihnen haben?“, fragte Jochen Breyer provokant. Und Merlin Hummel antwortete mit breiter Brust: „Langfristig schon.“
Dass er die 80-Meter-Marke heuer erstmals geknackt und seitdem mehrmals überboten hat, hat Hummels Selbstbewusstsein immens gestärkt. Und so widersprach er Jochen Breyer nicht, als dieser Hummels Kaffeetasse, die ihm seine Mutter geschenkt hat, und auf der die Zahl 85 steht, ins Bild setzte und damit die 85-Meter-Marke ins Gespräch brachte: „Das wäre doch ein Meilenstein“, meinte der ZDF-Moderator. Und nebenbei mehr als eineinhalb Meter weiter als der 37 Jahre alte Deutsche Rekord (83,40), den DDR-Werfer Ralf Haber hält. Den Weltrekord des Russen Juri Sedych (86,74) ist sogar noch zwei Jahre älter. Beide Leistungen sind allerdings mit Vorsicht zu genießen, stammen sie doch aus den Hochzeiten des Ostblock-Dopings. So fand sich in den Unterlagen zum Staatsdoping in der DDR laut Doping-Jägerin Brigitte Berendonk auch der Name Haber…
Doch angesichts seines jungen Alters und seiner Leistungsentwicklung scheinen für Merlin Hummel, an dessen Tür in Kulmbach regelmäßig unangemeldet Doping-Kontrolle stehen, selbst 85 Meter keine Utopie zu sein. „Rein physisch ist es möglich, aber da muss alles passen“, meint der beste deutsche Hammerwerfer des neuen Jahrtausends.
Mit seinen bei der Team-EM in Madrid Anfang Juli erzieltem 81,27 Metern liegt Merlin Hummel in der Weltjahresbestenliste auf Rang 5. Als ihn Moderator Breyer fragt, ob er sich also für die WM Ende September in Tokio eine Medaille zum Ziel setzt, grinst Merlin Hummel und sagt nur: „Ich will mich gut verkaufen und eine Leistung wie zuletzt bringen.“
Torwandschießen entfällt
Wer bis zum Ende des "Aktuellen Sportstudios" wach blieb, um Merlin Hummel sowie die beiden anderen Studiogäste, Fußball-Nationalspielerin Lena Oberdorf und ihren Bruder Tim (Fortuna Düsseldorf), beim Torwandschießen zu sehen, wurde allerdings enttäuscht. Denn das musste wegen des Jahres-Finales der Publikumssieger ausfallen.
Merlin Hummels konnte es verschmerzen, genoss er doch seine Sportstudio-Premiere auch so in vollen Zügen. „Es hat Spaß gemacht. Alles lief super professionell. Es war erfrischend, dass auch auf andere Themengebiete wie das KI-Training gesprochen wurde.“ Hinter den Kulissen plauderte der Kulmbacher mit vielen Leuten, auch mit der „supernetten“ Fußball-Nationalspielerin Lena Oberdorf. Und auch Jochen Breyer sei ein "cooler Typ", meint Merlin Hummel: „Ich hätte noch eine Stunde sitzen können.“














