Passionsspiele
«Geschichte aller Geschichten»: Die Passion in Kriegszeiten
Premiere für die 42. Passionsspiele
Reinhard Kardinal Marx (vorne, l) und Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm leiten den Gottesdienst vor der Premiere.
Foto: Angelika Warmuth/dpa
Oberammergau – Gekreuzigt, gestorben, begraben: Die Geschichte von Tod und Auferstehung Jesu ist inzwischen rund 2000 Jahre alt. Wie aktuell sie trotzdem sein kann, zeigt jetzt wieder ein kleines Dorf in den bayerischen Alpen.

Normalerweise ist Oberammergau ein beschaulicher Urlaubsort. Doch alle zehn Jahre schaffen die Bewohner etwas so Einzigartiges, dass alle Welt auf dieses Alpendorf schaut: die Oberammergauer Passionsspiele. Am Samstag wurden sie eröffnet - mit größter aktueller Brisanz.

«Man kann die Passionsspiele in diesen Tagen jedenfalls nicht einfach nur als Historienspiel sehen. Viel zu sehr stehen die Passionen der Menschen heute direkt vor Augen», sagt der evangelische Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm im Eröffnungsgottesdienst vor der Premiere und verweist auf Krisen- und Kriegsgebiete wie die Ukraine oder den Jemen.

«Gewalt hat nicht das letzte Wort, Macht hat nicht das letzte Wort», findet auch der katholische Erzbischof von München und Freising, Kardinal Reinhard Marx. Die Leidensgeschichte Jesu beinhalte eine faszinierende Botschaft der Überwindung der Gewalt, der Heilung der Welt, der Hoffnung für die Menschen.

Passend zu einer aus den Fugen geratenen Welt zeigt Spielleiter Christian Stückl den 4400 Premierenzuschauern einen streitbaren und mitunter wütenden Jesus, der zum gewaltlosen Widerstand aufruft und zeitweise an der Menschheit verzweifelt. «Der Christian hat das Gefühl, die heutige Zeit braucht einen Jesus, der lauter ist, der die Botschaft in die Welt schreit. Der muss kämpferischer sein», sagt Jesus-Darsteller Frederik Mayet. «Da haben wir schon sehr dran gearbeitet, dass der Jesus eine andere Präsenz hat und eine andere Wut.»

Mayet spielt Jesus in diesem Jahr zum zweiten Mal nach 2010. Damals war es noch eine andere Welt, eine ohne Krieg in Europa. Und auch tödliche Seuchen spielten vor zwölf Jahren in den bayerischen Alpen nur eine Rolle im Zusammenhang mit dem Gelübde, das die Oberammergauer 1633 geleistet hatten, um ihren Ort vor der Pest zu schützen. Seitdem führen sie normalerweise alle zehn Jahre «das Spiel vom Leiden, Sterben und Auferstehen unseres Herrn Jesus Christus» auf - diesmal wegen der Corona-Pandemie zwei Jahre später als geplant.

Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) zeigt sich schon in der Pause beeindruckt von Stückls neuer Inszenierung. «Das ist die Geschichte aller Geschichten», sagte er. «In schwerer Zeit wird die Passion dieses Jahr besonders eindrücklich werden.»

Und noch etwas ist in diesem Jahr anders als im Sommer 2010: Die Debatte um den Missbrauchsskandal, der die katholische Kirche in Deutschland seitdem in ihren Grundfesten erschüttert, stand damals erst am Anfang. Kirchenaustrittszahlen in schwindelerregenden Höhen waren die Folge, seit diesem Frühjahr sind die Menschen, die der römisch-katholischen oder der evangelischen Kirche angehören, in Deutschland zum ersten Mal in der Unterzahl.

Dass die Passion in dem eigentlich zutiefst katholisch geprägten Oberammergau aber selbst vor diesem Hintergrund nicht fehl am Platz oder gar heuchlerisch wirkt, liegt nicht zuletzt an Stückl.

Der 60-Jährige, der auch Intendant des Münchner Volkstheaters ist, sagt von sich, er sei katholisch sozialisiert, sieht die Kirche aber auch kritisch - erst recht seit dem Aufsehen erregenden Missbrauchsgutachten des Erzbistums München und Freising, zu dem Oberammergau gehört. Zum Eröffnungsgottesdienst mit Marx und Bedford-Strohm habe er sich aber «durchgerungen, weil es Leute im Ort gibt, denen das wichtig ist», zitiert ihn der «Spiegel».

Kirchenkritik klingt auch in Stückls fast fünf Stunden langer Inszenierung an: Jesus ist darin nicht nur selbst streitbar, es wird auch heftig um ihn diskutiert. In Zeiten von zunehmendem Antisemitismus befreit der Spielleiter das Stück von christlichen Anti-Judaismen, zeigt eine diskursive Religion, stärkt Frauenfiguren und betont die kritische Rolle religiöser Würdenträger. Alles Themen, um die auch der Reformprozess in der katholischen Kirche, der Synodale Weg, derzeit ringt.

Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern (ikg), fand die diesjährige Passion großartig. «Stückl hat besonderen Wert auf das Wort gelegt, um die Vorfälle der damaligen Zeit allen verständlich darzustellen», sagte sie. Auch die Hinwendung zur jüngeren Generation sei definitiv gelungen.

2100 der rund 5200 Oberammergauer wirken mit. Voraussetzung: Sie müssen im Ort geboren worden sein oder seit mindestens 20 Jahren dort leben. 450 Kinder sind dieses Jahr dabei, unter ihnen Geflüchtete, zwei Hauptdarsteller sind muslimischen Glaubens.

Zu den Zuschauern gehörten wieder viele Prominente, unter ihnen Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) und sein Amtskollege aus Sachsen-Anhalt, Reiner Haseloff (CDU), die Schauspielerin Uschi Glas und Kollegen wie Dieter Hallervorden, Udo Wachtveitl oder Ben Becker. «Ich kann mitsprechen, so bibelfest bin ich», sagt dieser. «Schade ist nur, dass wir den Text zwar kennen, aber nicht verinnerlicht haben und nicht daraus lernen. Mehr Schönheit, Wahrheit und mehr Antwort kann man den Menschen nicht geben. Dass das nicht funktioniert, ist mir nach wie vor ein Rätsel.»