Eine Smartwatch mit sensationellen Eigenschaften. Sie kann nicht nur Schritte zählen oder einen Notruf senden, sondern auch den Puls, den Blutdruck und sogar den Blutzucker messen. Noch dazu wird sie Bamberg hergestellt. In Zusammenarbeit mit Ärzten wie einem erfahrenen Kardiologen namens „Dr. Tom Pechman“. Ein echtes Qualitätsprodukt mit über 80.000 zufriedenen Kunden. Und gar nicht viel teurer als die anderen Armbanduhren aus Fernost.
Im Online-Shop eines 22-jährigen Mannes aus dem Landkreis Bamberg hört sich alles ganz toll an. Auch die Geschichte zweier angeblicher Freunde, die hinter der „Mission“ stecken sollen. Dabei stimmt keine der Werbeaussagen, die persönlichen Bilder sind Agentur-Massenware, und der im Impressum erwähnte Firmensitz in New Mexico ein Briefkasten-Standort, den man für 35 Dollar im Jahr mieten kann.
Betrüger aus Landkreis Bamberg verkauft deutschlandweit Smartwatches
Dennoch bestellen viele hundert Kunden aus ganz Deutschland diese und weitere Gesundheitsuhren. Ein Exemplar kostet den Betrüger rund 30 Euro und bringt knapp 120 Euro ein. Der Umsatz schnellt nach Ermittlungen der Landpolizei Bamberg auf mehr als 500.000 Euro.
Das böse Erwachen für die Kunden kommt mit der Lieferung. Das Päckchen trägt einen Aufkleber aus Shenzhen. Im Inneren verbirgt sich „China-Schrott“, wie man am Amtsgericht Bamberg erfuhr. Mal ist der Akku defekt, dann funktioniert die Synchronisation mit dem Smartphone nicht, oder das Gerät gibt nach wenigen Monaten gleich ganz den Geist auf.
Und bei der Blutzuckermessung werden nicht die tatsächlich gemessenen, sondern zuvor einprogrammierte Werte angezeigt. Als sich einer der betrogenen Kunden über den Chat beim Verkäufer beschwert, erhält er nach einigen hinhaltenden Kommentaren die beleidigenden Worte „Fischkopf“ und „Hurensohn“ zur Antwort.
Ein Teil der Einnahmen läuft über ein Paypal-Konto der 20-jährigen Freundin des Uhrenhändlers. Von dort transferiert sie die rund 200.000 Euro auf ihr reguläres Girokonto und von dort weiter. Die Umsätze sind derart hoch, dass sich sogar ihre Bank bei der jungen Frau meldet. Um sie zu warnen. Die Freundin aber macht trotzdem weiter.
Staatsanwältin Tamara Strasser wird ihr das später als leichtfertige Geldwäsche ankreiden. Sie habe aus ihrer Tätigkeit im Kunden-Support des Online-Shops genau gewusst, dass es sich um gewerbsmäßigen Betrug gehandelt habe. Noch dazu, weil der junge Mann aufgrund mehrerer Ebay-Betrügereien vor fünf Jahren schon einmal vom Amtsgericht Bamberg verurteilt worden ist. Damals verschickt er die Ware nicht, nimmt aber das Geld.
Smartwatches aus Lagerraum entwendet
Um Nachschub für das florierende Uhrengeschäft zu haben, und um einem wichtigen Konkurrenten Marktanteile abzujagen, geht der junge Mann aber noch viel weiter. Mithilfe seiner Freundin entwendet er mindestens 40 Smartwatches aus dem Lagerraum des Mitbewerbers. Alles voll funktionsfähige Rückläufer, die darauf warten, erneut verkauft zu werden. Gesamtwert knapp 4800 Euro.
Dabei ist es von Vorteil, dass die Freundin zugleich die Schwester des Opfers ist. Sie weiß, wie man am besten an die Ware kommt.
Das Ganze wird aber noch dramatischer. Der junge Mann hat nämlich über die Freundin auch Zugriff auf den Online-Shop des besagten Bruders. Das nutzt der skrupellose Täter dazu, einen Klon herzustellen. Dadurch kann er sich viel Arbeit und Geld sparen. Er muss keine eigenen Produktbilder machen oder Beschreibungen erstellen. Einfach ein paar Kleinigkeiten austauschen – und fertig.
Der zweite Schritt ist, dass er fast 100 vom Konkurrenten bereits bearbeitete Bestellungen in dessen System storniert. Die Kunden bekommen dadurch nicht nur ihre hochwertigen Uhren, sondern zugleich auch ihr Geld zurück. Den Schaden und den anschließenden Ärger hat der Bruder seiner Freundin.
Auch, weil der junge Mann den Kunden des Konkurrenten schreibt, dessen Online-Shop schließe demnächst. Man könne aber natürlich zu ihm kommen. Jetzt muss nur noch das Angebot des lästigen Konkurrenten von der Bildfläche verschwinden. Dabei helfen Meldungen an die Online-Plattform. Der junge Mann behauptet dreist, der Original-Shop sei eine Kopie. Dabei ist es genau umgekehrt.
Allerdings reicht es, dass der Konkurrent offline genommen wird. Ein Schaden für das Image und den Kontostand von mindestens 8000 Euro.
Betrüger wird am Amtsgericht Bamberg verurteilt
Am Ende des Prozesses vor dem Jugendschöffengericht kam die Freundin mit einer Einstellung des Verfahrens davon. Auch, weil ihr Bruder auf einen Strafantrag wegen des Diebstahls verzichtete. Diebstahl innerhalb der Familie wird nämlich nicht von Amts wegen verfolgt. Und, weil der junge Mann als ihr Ex-Freund alle Schuld auf sich nahm. Sie muss 500 Euro Geldauflage an den Jugendhilfefond des Landkreises Haßberge zahlen.
Der junge Mann wurde wegen gewerbsmäßigen Betruges, Diebstahls, Beleidigung, Ausspähen von Daten und Computersabotage zu einer Jugendstrafe von eineinhalb Jahren mit Bewährung verurteilt. Als spürbare Auflage muss er 80 Stunden gemeinnütziger Arbeit über Lifeline Bamberg ableisten. Er konnte mit einem Geständnis und dem Verzicht auf einen 5000 Euro teuren Laptop Schlimmeres verhindern.
Allerdings steht noch ein weiteres Ermittlungsverfahren wegen Steuerhinterziehung im Raum. Von den zivilrechtlichen Ansprüchen ganz zu schweigen.












