Telefonaktion
Psychisch krank: Leserforum mit Expertentipps
Auch wenn die Seele leidet: Es gibt vielfältige therapeutische Optionen, wie bei unserer Telefonaktion deutlich wurde.
Auch wenn die Seele leidet: Es gibt vielfältige therapeutische Optionen, wie bei unserer Telefonaktion deutlich wurde.
Foto: CLARK/obs/Archiv
Bamberg – Betroffene und Angehörige nutzten das Angebot dieser Redaktion zum Gespräch über psychische Erkrankungen. Hier lesen Sie ein paar Expertentipps.

Jährlich erleiden etwa 28 Prozent der erwachsenen Bevölkerung in Deutschland eine psychische Erkrankung. Das kann sich in Angstzuständen äußern, Verzweiflung, Depressionen, Antriebslosigkeit, gar Selbstmordgedanken. Über ihre Beschwerden, die Diagnose und Behandlung von psychischen Erkrankungen konnten Betroffene bei einer Telefonaktion dieser Zeitung sprechen.

Dazu hatten wir zwei Fachärzte eingeladen: Dr. Nedal Al-Khatib, Chefarzt der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik am Bezirksklinikum Obermain, und Jaweed AboShawish, niedergelassener Facharzt für Nervenheilkunde (Neurologie und Psychiatrie) in Coburg. AboShawish konnte aufgrund einer technischen Panne während der Telefonaktion leider nicht erreicht werden. Wir bitten unsere Leser*innen, dies zu entschuldigen.

Umso stärker glühten bei Al-Khatib die Drähte. Er stellte fest, dass nicht nur Patienten, sondern auch Angehörige anriefen. „Psychische Erkrankungen sind wirklich eine große Belastung für alle. Viele haben die Gespräche dazu genutzt, um ihrer Seelenpein ein Stück weit Erleichterung zu verschaffen.“ Einige ihrer Fragen und die Antworten darauf greifen wir im Folgenden heraus.

Ich mache mir große Sorgen um meinen Sohn. Er ist Ende 20, antriebslos, schafft es kaum zur Arbeit oder kommt nach zwei Stunden zurück. Er macht nichts und liegt nur herum. Behandeln lässt er sich auch nicht. Ich komme nicht mehr an ihn heran. Was kann ich tun? Es ist wichtig in Kontakt zu bleiben. Drängen Sie ihn auf keinen Fall. Je mehr Druck Sie ausüben, desto weniger erreichen Sie das Gewünschte. Zeigen Sie Ihrem Sohn, dass Sie sich Sorgen machen, bieten Sie immer Gesprächsbereitschaft an. Manchmal hilft es auch, wenn Hilfe von außen kommt. Vielleicht können Sie Freunde Ihres Sohnes ansprechen, ob sie mal mit ihm reden. Das ist oft besser, als wenn nahe Angehörige mit dem Betroffenen sprechen.

Ich fühle mich antriebsarm, bin sehr erschöpft. Vor kurzem habe ich meine Arbeit gewechselt. Ich bin verwitwet, meine Söhne unterstützen mich aber nicht besonders. Was habe ich falsch gemacht? Was kann ich tun, damit es mir besser geht? Vermutlich haben Sie eine Depression. Um das abzuklären, sollten Sie sich einen Termin bei einem Facharzt geben lassen. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, eine Depression zu behandeln. In Frage kommt sowohl eine ambulante Psychotherapie als auch eine stationäre Therapie in einer Klinik. Medikamente können die akuten Beschwerden lindern.

Meine Mutter hat eine bipolare Störung und wurde deshalb im Krankenhaus behandelt. Nach ihrer Entlassung hat sie die Medikamente weggelassen und ist den ganzen Tag in der Stadt unterwegs. Wir erreichen sie nicht mehr und machen uns große Sorgen. Gibt es irgendeine Handhabe? Das ist eine extrem schwierige Situation für alle Beteiligten. Es gibt keine Handhabe, solange die Betroffene nicht über die Stränge schlägt, sich im Rechtsrahmen bewegt, nicht eigen- oder fremdgefährdet ist. Auch wenn Ihre Mutter keine Einsicht hat, dass sie behandelt werden müsste, können Sie rechtlich betrachtet nichts tun. Sie können aber dem Sozialpsychiatrischen Dienst in Ihrer Kommune einen Hinweis geben, damit man dort Bescheid weiß, dass es in Ihrer Familie Probleme gibt. Gegen ihren Willen kann Ihre Mutter nicht festgehalten werden. Sie müssten versuchen, in Kontakt mit ihr zu treten, vielleicht können Sie ihr doch noch Ihre Sorgen verdeutlichen.

Ich kann nicht schlafen und versuche das mit Alkohol hinzubekommen. Ich weiß, dass das nicht gut ist. Ich habe auch schon Medikamente ausprobiert, aber die haben mich ausgeknockt. Was raten Sie mir? Es wäre erstmal gut, wenn Sie ärztliche Hilfe suchten. Der Alkoholkonsum könnte möglicherweise ein größeres Problem sein, als Sie annehmen. Sie könnten in eine Abhängigkeit geraten sein.Das sollten Sie überprüfen lassen. Es gibt Möglichkeiten für eine stationäre qualifizierte Alkoholentgiftungsbehandlung. Gleichzeitig kann auch das Schlafproblem therapiert werden. Diesbezüglich ist es wichtig, auf Schlafhygiene zu achten. Das heißt: Zur möglichst selben Zeit ins Bett gehen, vorher kein Alkohol, kein schweres Essen, nicht zuviel Medienkonsum, kühle Temperaturen im Schlafzimmer, gute Matratze und anderes.

Ich leide unter Angststörung. Was kann ich da tun? Ob es sich um eine Angststörung handelt, muss nach den dafür notwendigen Kriterien fachärztlich abgeklärt werden. In Frage kommen eine medikamentöse und/oder psychotherapeutische Therapie.

Ich höre manchmal Stimmen und zweifle an meinen Stimmen. Kann eine Schizophrenie dahinterstecken? Bei einer Schizophrenie handelt es sich um eine äußerst komplexe psychische Störung, die unterschiedlich verlaufen kann. Typisch können sein Wahnideen, Stimmen hören und das Gefühl, beobachtet oder beeinflusst zu werden. Eine Psychose kann verschiedenartig verlaufen, jedoch auch dramatische Folgen haben. Stellen Sie sich möglichst schnell beim Haus- oder Nervenarzt vor, das muss abgeklärt werden. Möglicherweise kann ein stationärer Aufenthalt helfen.

Meiner Mutter geht es sehr schlecht, sie schafft es kaum mehr, ihrer Körperhygiene nachzukommen, isst kaum, legt sich nach jeder kleinen Arbeit wieder hin. Aber sie will sich nicht behandeln lassen. Mein Vater ist sehr ungehalten zu ihr, es gibt immer wieder Streit. Ich sitze zwischen den Stühlen und kann nicht wirklich helfen. Welche Möglichkeiten gibt es? Solange keine massive Eigengefährdung Ihrer Mutter vorliegt, kann man nur versuchen, sie verbal zu erreichen. Eine Möglichkeit wäre eine so genannte Stationsäquivalente Behandlung. Das ist eine psychiatrische Behandlung im häuslichen Umfeld durch mobile, ärztlich geleitete multiprofessionelle Behandlungsteams, die jedoch nur von bestimmten Kliniken angeboten werden. Eine der Voraussetzungen muss dabei sein, dass die Betroffenen dort vorher stationär behandelt worden sind.