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Ein Märchen an Weihnachten
Philine Bührer: So war ihr erstes Mal als Regisseurin
Philine Bührer hat das Kindermärchen im E.T.A.-Hoffmann-Theater in Bamberg inszeniert
Philine Bührer (r.) hat das Kindermärchen im E.T.A.-Hoffmann-Theater in Bamberg inszeniert. Neben ihr steht Regieassistent Bjarne Rauer. // Dominik Huß
Bamberg – Das Bamberger Theaterpublikum kennt Philine Bührer als famose Schauspielerin. Im Weihnachtsmärchen des E.T.A.-Hoffmann-Theaters führte sie jetzt erstmals Regie. Ausgerechnet.

In den Jahren 2022 und 2023 bereicherte Philine Bührer eine Spielzeit lang das Ensemble des Bamberger E.T.A.-Hoffmann-Theaters. In besonderer Erinnerung blieb ihre Rolle in "Kick & Kollaps". Darin spielte Bührer einen von seinen Neurosen und Zwängen beherrschten Tech-Visionär. Ähnlichkeiten mit Markus Braun, dem tief gefallenen ehemaligen Vorstandschef des Skandalunternehmens Wirecard, waren nicht zu übersehen.

Jetzt verlegt sich Philine Bührer stärker auf die Regie. Für ihre erste Arbeit am Bamberger E.T.A.-Hoffmann-Theater hat sie sich ein Stück mit einem schier unaussprechlichen Namen ausgesucht: "Der satanarchäolügenialkohöllische Wunschpunsch". Das Weihnachtsmärchen für Kinder ab sechs Jahren ist noch bis zum 10. Januar im Großen Haus zu sehen. 

Kann man bei einem Theaterstück für Kinder auch mal fünfe gerade sein lassen?

Philine Bührer: Nein, nein. Im Gegenteil. Genauigkeit ist in einem Theaterstück für Kinder sehr wichtig. Denn wir haben nur eine gute Stunde Zeit, eine Geschichte zu erzählen. Ein Stück für Kinder ist deshalb wie ein Extrakt. Alles muss verdichtet sein, auf den Punkt und hoch konzentriert.  

Oder man sagt sich: Es sind  ja eh nur Kinder. 

Den Kindern mögen noch die Fachbegriffe fehlen, um zu beschreiben, was sie auf der Bühne sehen. Kinder sind in diesem Sinne keine Theaterkritiker. Ganz sicher aber haben sie ein gutes Gespür dafür, ob ein Stück mit Energie, Liebe und mit Präzision gespielt wird. Oder eben nicht.  

Sind Kinder ein strenges Publikum?

Oh, ja. Kinder sind das strengste Publikum, das man sich vorstellen kann. Sie erleben eine Aufführung ganz anders als Erwachsene. Sie sind emotionaler. Sie jubeln und buhen. Und sie sind auch nicht bereit, etwas nur aus Gründen der sozialen Erwünschtheit auszuhalten. Wenn sie eine Aufführung langweilt, dann würden sie das zeigen.

Weihnachtsmärchen im E.T.A.-Hoffmann-Theater
Weihnachtsmärchen im E.T.A.-Hoffmann-Theater: Tyrannja Vamperl (Barbara Wurster) beim Tanz um den goldnen Topf mit dem Wunschpunsch. Beelzebub Irrwitzer (Jeremias Beckford) schaut zu. // Birgit Hupfeld

Es gibt diesen etwas plakativen Satz, dass Kinder das Publikum von morgen sind. Müssten Kinder nicht viel eher als das Publikum von heute anerkannt werden? 

Beides stimmt. Natürlich müssen Kinder in ihren Ansprüchen auf gute Unterhaltung ernstgenommen werden. Sie haben darauf das gleiche Recht wie Erwachsene.

Aber?

Gleichzeitig ist ein Kinderstück eine der wenigen Chancen, Menschen für das Theater zu begeistern. Auch wenn man sich das gar nicht vorstellen kann, wenn man in der Theaterblase lebt: Viele Erwachsene gehen überhaupt nicht ins Theater. Mit dem „Wunschpunsch“ erreichen wir etwa 10.000 Kinder. Ihnen allen können wir zeigen, was für ein fantastischer Ort das Theater ist. Dass es ein Ort ist, in dem Aufregendes passiert und alles möglich ist.

Ist es dann nicht umso unverständlicher, dass das Bamberger Stadttheater vergleichsweise selten Stücke für Kinder auf dem Spielplan hat? 

Es gibt in vielen Städten Theater, die sich ausschließlich auf Kindertheater verlegt haben. Auch in Bamberg ist dies der Fall, denken Sie etwa an Chapeau Claque.

Welche Rolle spielte bei Ihnen das Kindertheater? 

Ich bin München aufgewachsen und habe dort im Münchner Theater für Kinder das Stück „Aschenputtel“ gesehen. Ich war fünf oder sechs Jahre alt. Ich weiß noch, als im Saal das Licht ausging, sagte ich: „Mama, ich seh‘ ja gar nichts.“ Als das Stück zu Ende war, habe ich beeindruckt gesagt: „Mama, das will ich auch machen.“ Mit acht Jahren habe ich dann in genau diesem Theater bei „Peterchens Mondfahrt“ mitgespielt. Seitdem habe ich das Schauspielen immer weiter verfolgt.

Können Sie sich daran erinnern, was Sie als Kind derart stark für das Theater eingenommen hat?

Ich kann diese Gefühle nur schlecht in Worte fassen. Es war der Zauber des Theaters, der mich damals gepackt hat. Bis heute hat er mich nicht losgelassen.

Haben Sie eine Ahnung davon, für wen Sie heute inszenieren? Eine Ahnung davon, welche Erwartungen und Gewohnheiten die Kinder mit ins Theater bringen?

Mein Sohn ist sechs Jahre alt. Ich weiß also aus direkter Anschauung, was Kinder in seinem Alter so sehen und hören, welche Medien sie konsumieren.

Versuchen Sie es bitte zu beschreiben. 

Einige konsumieren in diesem Alter sehr viele Fernsehserien oder spielen am Tablet. Sie sind deshalb ein gewisses Maß an Action und an schnelle Schnitte gewohnt. Viele sind es in meiner Wahrnehmung auch nicht gewohnt, sich auf eine längere und inhaltlich komplexere Geschichte einzulassen. Mir war es in der Vorbereitung zum „Wunschpusch“ sehr wichtig, mich in Kinder hineinzuversetzen. Wir haben deshalb einige Male Szenen einer Bamberger Schulklasse vorgespielt. Wir wollten wissen, wie diese Szenen ankommen, wie die Schülerinnen und Schüler darauf reagieren.

Welche Schlüsse haben Sie aus den Reaktionen gezogen?

Es ist Kindern wichtig, dass die sogenannte vierte Wand im Theater aufgebrochen wird. Das heißt, dass sich die Schauspielerinnen und Schauspieler von der Bühne aus direkt an das Publikum wenden. Kinder wollen sich direkt angesprochen fühlen, mitgenommen werden. Auch ein gewisser körperlicher Humor kommt gut an. Unser etwas korpulenter Kater und sein manchmal tollpatschiges Verhalten hat die Kinder zum Beispiel sehr gut unterhalten. Da wurde viel gelacht.

Wie bekommt man es hin, dass Kinder das Theater nicht als etwas Pädagogisches und eine bloße Verlängerung des Schulunterrichts begreifen?

Diese Gefahr sehe ich gar nicht. Für mich ist Theater ein Ort der Freiheit und der Dinge, die ich nirgendwo sonst erleben kann. Ich hoffe natürlich, dass das viele Kinder genauso fühlen. Vielleicht sind sie aber auch froh, mal aus dem Klassenzimmer herauskommen. Auch das wäre in Ordnung.

Ein Größenwahnsinniger mit goldener Ohr von Breitling: Alexander (Philine Bührer)
Ein Größenwahnsinniger mit goldener Ohr von Breitling: Alexander (Philine Bührer) // Martin Kaufhold

Der „Wunschpunsch“ ist Ihre erste große Regiearbeit, oder? 

In kleinerem Rahmen habe ich schon in der Vergangenheit inszeniert. Aber das Große Haus im ETA-Hoffmann-Theater ist schon eine neue Herausforderung.

Wie fühlt es sich denn an, den alten Kolleginnen und Kollegen plötzlich als Regisseurin zu begegnen? 

In meiner Vorstellung war das schon seltsam. Eben stand man noch zusammen auf der Bühne und auf einen Schlag sitze ich draußen. Aber diese leichte Irritation hat sich, denke ich, schnell gelegt.

Haben Sie sich von Regisseurinnen und Regisseuren, mit denen Sie schon zu tun hatten, etwas abgeschaut?

Nicht bewusst. Es gab jetzt nicht das eine große Vorbild, dem ich nachgeeifert hätte. Eher habe ich versucht, die Regisseurin zu sein, die ich mir als Schauspielerin selbst wünschen würde.

Wie wäre diese Regisseurin? 

Eine, bei der man immer weiß, woran man ist. Eine, die klare Ansagen macht. Ich mag es nicht so gerne, ins Leere zu proben. Ich wünsche mir immer ein festes Gerüst. Dann kann ich innerhalb dieses Rahmens frei werden in meinem Spiel.  

Sehen Sie Ihre Zukunft als Regisseurin? 

Ich spüre, dass ich mich in der Position wohlfühle. Also ja, ich würde gerne weiter als Regisseurin arbeiten. Allerdings will ich mich nicht vom Schauspiel abwenden. Ich lasse die Dinge auf mich zukommen. Mit dieser Einstellung fährt man im Theater ohnehin am besten.

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