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Weltkulturerbelauf 2025
Die Lindner-Zwillinge sagen Bamberg Ade
Weltkulturerbelauf 2025 Kinderläufe
Die drei schnellsten bei der weiblichen Jugend 19 mit (von rechts) Emma und Jule Lindner sowie Theresa Andersch. // Christian Schuberth
Bamberg – Bamberg hat nicht nur Sprint-Ass Gina Lückenkemper, sondern zwei weitere ganz schnelle Frauen. Doch nun sagen die Lindner-Zwillinge, die den Schülerlauf über 4,1 Kilometer beim Weltkulturerbelauf dominierten, Bamberg Ade.

Dass Jule und Emma Lindner keine eineiigen, sondern zweieiige Zwillinge sind, merkt man nur an der Körpergröße. Denn Emma ist einen halben Kopf größer als ihre wie aus dem Gesicht geschnittene Schwester. Mit in die Wiege gelegt wurde ihnen ein außergewöhnliches läuferisches Talent. So gehören beide zu den größten deutschen Nachwuchshoffnungen über die Mittel- und Langstrecken.

Beim Weltkulturerbelauf gewann Emma Lindner wie vor zwei Jahren den Bambit-Schülerlauf über 4,1 Kilometer. Ihren damals aufgestellten Streckenrekord bei den Mädchen von 14:54 Minuten pulverisierte sie diesmal geradezu. Mit 13:45 Minuten war sie über eine Minute schneller.

Weltkulturerbelauf 2025:  4,1 Kilometer mussten die Jugendlichen beim Bambit-Schülerlauf zurücklegen.
Die Zwillinge Emma und Jule Lindner liefen die gesamte Strecke im Gleichschritt nebeneinander. Am Ende hatte Emma eine Sekunde Vorsprung. // Hagen Lehmann

Nur eine Sekunde nach ihr überquerte Jule die Ziellinie, die vor zwei Jahren in 16:10 Minuten klar langsamer als ihre Schwester gewesen war. „Früher war ich auf den längeren Strecken stärker, Jule auf den kürzeren. Doch jetzt ist es umgekehrt“, erklärt Emma Lindner. So war Jule sichtlich enttäuscht über ihre knappe Niederlage.

Aber wenn man schon verliert, dann doch sicher am liebsten gegen die Schwester? Jule schüttelt den Kopf, und Emma erklärt: „Jule ist richtig gut in Kraftausdauer und war eigentlich die Favoritin.“ Doch die Zwillinge liefen dem Feld von Anfang an gemeinsam vorneweg und distanzierten am Ende sogar den schnellsten Jungen, Dominik Prade, um deutliche 38 Sekunden. Das Bamberger Publikum, das gerade in der Fußgängerzone dichtgedrängt stand und die Läufer mit einer Samba-Gruppe lautstark anpeitschte, war aus dem Häuschen.

Weltkulturerbelauf 2025 Kinderläufe
Der schnellste Junge im Schülerlauf, Dominik Prade vom Dientzenhofer-Gymnasium. // Christian Schuberth

Gezogen von der Atmosphäre und der Motorrad-Eskorte

„Die Atmosphäre hat uns angetrieben und die Motorrad-Eskorte uns gezogen“, sagte Emma Lindner. So liefen die Zwillinge die gesamte Strecke nebeneinander. „Am Ende war ich den einen Schritt vorne, weil ich die Innenkurve hatte“, erklärt Emma, deren Angst vor dem Domberg sich als unbegründet herausstellte. Über ihre fantastische Zeit waren die Lindner-Zwillinge selbst überrascht. „Dass ich noch einmal eine Minute schneller bin als beim letzten Mal, hätte ich echt nicht gedacht“, sagte Emma Lindner. „Ich bin richtig zufrieden.“ Jule schickt hinterher: „Alleine läufst du die Zeit nicht.“

Der Weltkulturerbelauf war für die beiden Litzendorferinnen eine absolute Ausnahme.  „Denn normalerweise laufen wir in Wettkämpfen nicht gegeneinander“, erklärt Emma Lindner. Während sie sich auf die Mittelstrecken über 800 und 1500 Meter spezialisiert hat, konzentriert sich ihre Schwester auf die 3000 Meter Hindernis. Über diese Strecke wurde sie im vergangenen Jahr in der Altersklasse U20 Deutsche Vizemeisterin in der Halle und schaffte die Qualifikation für die U20-WM in Peru in Chile. Dort erreichte Jule sogar das Finale und lief in persönlicher Bestzeit von 10:09,73 Minuten auf den respektablen 12. Platz.

Mit dieser Leistung schaffte es die Litzendorferin auch in den Perspektivkader des Deutschen Leichtathletik-Verbandes, den zweithöchsten nach dem Olympia-Kader. Prominenteste und beste Deutsche über diese Strecke ist die ehemalige Europameisterin Gesa Felicitas Krause (Bestleistung 9:03 Minuten). Im Cross-Lauf ist Jule Lindner amtierende Deutsche Jugend-Meisterin.

Auch Emma Lindner hatte über 1500 Meter die WM-Norm unterboten. Sie verpasste aber knapp das Ticket nach Peru. „Ich wurde beim Ausscheidungsrennen leider nur Dritte.“ Aber allein die Norm geschafft zu haben, wertet Emma als großen Erfolg.

Über Finnland in die USA

Wenn die beiden Litzendorferinnen in ein paar Wochen ihre Reifeprüfung am E.T.A.-Hoffmann-Gymnasium abgelegt haben, packen sie ihre Siebensachen. Denn sie werden Bamberg Richtung USA verlassen. „Wir haben ein Leichtathletik-Stipendium bekommen“, sagt Jule Lindner. Beide studieren ab August an die Universität von Virginia und trainieren dort beim Virginia Tech Athletics Team unter Ben Thomas. Emma möchte gerne Marketing-Management studieren, Jule überlegt noch.

Weltkulturerbelauf 2025 Kinderläufe
Emma (rechts) und Jule Lindner (links) laufen durch die Fußgängerzone Richtung Ziel. // Christian Schuberth

Bevor sich die Lindners für ein paar Jahre über den großen Teich verabschieden, haben sie noch ein großes Ziel: die U20-Europameisterschaft Anfang August in Tampere (Finnland).

Emma Lindner will dort über 1500 Meter starten. Über diese Strecke wurde sie im Vorjahr in 4:23 Minuten Deutsche Vize-Meisterin.  Und auch Jule Lindner hat ambitionierte Ziele: „Ich möchte über 3000 Meter Deutsche Meisterin werden und auch bei der U20-EM vorne mitlaufen.“

„Die Unterstützung ist lächerlich“

Dass die LG Bamberg ihre beide Aushängeschilder verlieren wird, schmerzt natürlich Trainerin Helena Weiß, die die Zwillinge seit 2018 trainiert und ihnen eine Top-Karriere in der Leichtathletik zutraut: „Dass sie bald gehen, ist total komisch, weil man bislang täglich mehrmals Kontakt miteinander hat.“ Ob die Entscheidung für die USA der richtige Weg ist, möchte Weiß nicht beurteilen. „Das wird man sehen.“ Die Trainerin ist aber davon überzeugt, dass Emma und Jule „hier genauso gut trainieren könnten“.

Doch gebe es wohl vor allem finanziell einen großen Unterschied, glaubt Weiß, die das Fördersystem deutscher Spitzenathleten kritisiert:  „Die Unterstützung der Deutschen Sporthilfe ist lächerlich.“ So mussten die Lindner-Zwillinge kürzlich ein Trainingslager selbst bezahlen. „Die LG Bamberg als kleiner Verein unterstützt, wo es geht, kann aber nicht alle Kosten übernehmen“, sagt Helena Weiß. Und Trainingsmaßnahmen der Nationalmannschaft gibt es für die 3000-Meter-Hindernisläuferinnen derzeit nicht. „Der DLV hat begründet, dass es dafür keine Trainer gibt…“, sagt Weiß.

Immerhin bleibt der LG Bamberg noch eine nationale Spitzenläuferin erhalten. Theresa Andersch (18), die auf den 800- und 1500-Meter-Strecken zu Hause ist, gehörte bereits dem deutschen Nachwuchskader an, musste aber im vergangenen Jahr krankheitsbedingt pausieren. Dass sie auf dem Weg zu alter Form ist, bewies sie mit Platz 3 (16:25 Minuten) im Bambit-Lauf.

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