„Oh wie ist das schön“ schalltes nach 90 Minuten durch die Allianz-Arena. 4:1 führt die deutsche Mannschaft bereits gegen Schottland. Ein weiterer Treffer sollte noch hinzukommen. So etwas hatte man von der deutschen Nationalmannschaft wirklich lange nicht gesehen.
Ein dominanter Auftritt beim Eröffnungsspiel gegen Schottland war der Brustlöser für Deutschlands EM-Feeling. Die DFB-Elf könnte es wieder erschaffen: ein Sommermärchen. Doch hat sie dazu schon das Zeug? Ja, findet unser Reporter Max Danhauser – mahnt aber zur Demut.
FT-Check der DFB-Elf
Angriff und Mittelfeld: 94 Prozent Passquote sind für das deutsche Team ein hervorragender Wert. Toni Kroos hat nur einen einzigen Fehlpass gespielt, Jamal Musiala keinen.
Kroos überzeugt zudem mit seiner Erfahrung, bremst die jungen Spieler immer wieder ein und sorgt so für die nötige Ruhe im Spielaufbau. Er ist der Top-Mann, der titelrelevant sein kann.
Lesen sie auch:
Neben Musiala glänzte auch Florian Wirtz. Die beiden gelten als das neue Duo „Schweini und Poldi“. In Herzogenaurach betonten beide neulich, dass sie nicht deren Nachfolger werden wollen. „Wusiala“, wie sie mittlerweile genannt werden, machen das deutsche Spiel aber EM-reif.
Doch ihre Rollen könnten zum Problem werden. Bundestrainer Julian Nagelsmann lässt nur mit einer einzigen Sturmspitze spielen. Die weitere Offensivkraft muss über die eigentlich im Mittelfeld angesiedelten Flügelspieler kommen, die sich bei Ballbesitz der DFB-Elf nach vorne orientieren. Setzt der Gegner dem etwas entgegen, fehlt der Zug zum Tor.
Home Ground Herzogenaurach zeigt Wirkung
Der wiederum war deutlich besser als zuletzt. Daher hat Nagelsmanns Kleinfeld-Training für mehr Torraumszenen am Home Ground auch seine Wirkung gezeigt.
Der Bundestrainer lobte im Nachgang der Partie die Leistung von Kapitän İlkay Gündoğan. Von ihm könnte gerade am Ball noch mehr kommen.
Lesen Sie auch:
Zunehmen muss die Chancenverwertung. Oft brachten die Außenspieler Bälle in den Rücken der Abwehr. So manche Schüsse aus der zweiten Reihe segelten weit über das Tor. Mut macht dabei aber die Qualität, die von der Bank kommt. Niclas Füllkrug ist zwar die Nummer zwei hinter Kai Havertz, aber mindestens gleichwertig. Das kann für einen EM-Titel entscheidend sein. Beide haben den Torriecher!
Abwehr ist EM-reif, System birgt Gefahren
Abwehr: Jonathan Tah und Antonio Rüdiger zählen zu den Besten der Welt. Die beiden Innenverteidiger standen hinten solide und verteilen die Bälle nach vorne. Dass Rüdiger das schottische Tor selbst köpfte, ist ärgerlich, aber nicht weiter tragisch.
Dennoch birgt die Abwehrformation ein gewisses Risiko. Im Angriff rücken die Außenverteidiger Joshua Kimmich und Maxi Mittelstädt ins Mittelfeld. Tah und Rüdiger bilden dann gewissermaßen eine Zweierkette. Das birgt das Risiko von Kontern, wenn die deutsche Mannschaft nicht schnell genug umschaltet. Die beiden Innenverteidiger vereitelten zwar viele solcher schottischen Versuche, es werden aber noch bessere Gegner auf dem Weg zum Titel kommen, die das als Schwachstelle ausnutzen können.
DFB-Elf mit schwächelndem Torhüter
Tor: Die deutsche Nummer 1 arbeitet täglich hart für die Position: Manuel Neuer ist stets der erste auf dem Trainingsplatz. Er hatte im Prinzip das komplette Spiel über nichts zu tun.
Erst in Minute 87 war er gefragt – als der Ball unglücklich von Rüdigers Kopf auf das deutsche Tor flog. Neuer war nicht zur Stelle. Der Ball kam überraschend – für eine deutsche Nummer 1 ist er bei einer Heim-EM aber haltbar.
Lesen Sie auch:
Fazit: Ja, Deutschland ist EM-reif und hat das Zeug für ein zweites Sommermärchen! Der Auftritt am Freitagabend macht Lust auf mehr und war mit mehr als zwei Dritteln Ballbesitz absolut turnierreif.
Doch Schottland hat auch viel zugelassen. Andere Mannschaften werden nicht so überhastet hinten raus spielen. Andere werden zwischen den Ketten keine großen Räume für die Anspielstationen lassen. Andere Teams sind konterstärker.
In Herzogenaurach zu mehr Turnierreife
Die DFB-Elf darf sich nicht auf dem guten Ergebnis ausruhen, sondern muss weiter an sich arbeiten und Schwachstellen ausbügeln.
Das kann auch funktionieren. Nagelsmann betonte nach dem Spiel immer wieder den Zusammenhalt im Team. „Die Gemeinschaft soll die Massen emotionalisieren, die Gemeinschaft hat heute das Spiel gewonnen“, sagte er hinterher. „Die Mannschaft hat das Bewusstsein, dass es ein erster Schritt war.“
Dass diese Gemeinschaft auch in Herzogenaurach durch den Home Ground entsteht, hat der Bundestrainer jüngst auf FT-Nachfrage bestätigt.
Lesen Sie auch:













