Die deutsche Wirtschaft hält den Atem an: Das größte Unternehmen im Land plant Kahlschlag. Mindestens drei der zehn deutschen Werke will Volkswagen schließen, tausende Stellen streichen.
Stunden nach dieser Hiobsbotschaft aus dem VW-Betriebsrat schaltet sich am Montag der Bundeskanzler ein. Olaf Scholz fordert den Konzern auf, Jobs zu erhalten. „Falsche Managemententscheidungen aus der Vergangenheit“ dürften nicht zulasten der Arbeitnehmer gehen.
Was die VW-Krise für die Bamberger Autoindustrie bedeutet
Die VW-Krise ist am Montag auch das Gesprächsthema in den Kantinen der Bamberger Autoindustrie. Denn hier wird über Generationen die Weisheit tradiert: „Wenn VW Schnupfen hat, haben die Zulieferer eine Grippe.“
Gedrückte Stimmung auch bei der IG Metall Bamberg. Fragt man deren Ersten Bevollmächtigten Martin Feder, welche Bamberger Zulieferfirmen von der VW-Krise betroffen sind, poltert die Antwort aus ihm heraus: „Alle sind betroffen. Alle.“ Dennoch gibt sich die IG Metall kurz darauf kämpferisch.
Mehr als 40 Zulieferbetriebe der Autoindustrie rund um Bamberg
Die Lieferketten des Wolfsburger Riesenkonzerns reichen tief ins Bamberger Land. Bosch, Brose, Schaeffler, Valeo: Die vier größten Auto-Zulieferfirmen beschäftigen mehr als 10.000 Menschen in der Region und haben alle VW auf ihren Kundenlisten.
Hinzu kommen die vielen kleineren Betriebe. Sie haben zwar die Buchstaben VW nicht in den Auftragsbüchern stehen – doch sie sind die Zulieferer der Zulieferer. Ein zusammenhängender Mikrokosmos der Stanzteile, Bremsschläuche und Ventilzylinder mit enormen Ausmaßen am Standort Bamberg.
Die Zahl der Automobil-Zulieferbetriebe in Stadt und Landkreis Bamberg schätzt die Industrie- und Handelskammer auf gut 40, anhand der im Automobilnetzwerk Ofra-Car gemeldeten Firmen.
Die IG Metall geht davon aus, dass rund um Bamberg mehr als 20.000 Arbeitsplätze direkt an der Automobilindustrie hängen. Nicht mitgerechnet sind Autowerkstätten oder Handelshäuser.
Das Brose-Beben ist auch eine Folge der VW-Flaute
Die Ketten Bamberger Zulieferer sind so eng an die großen Autohersteller geknüpft, dass deren Auftragsbücher einen Blick in die Zukunft ermöglichen – zum Beispiel bei Volkswagen.
Das Bamberger Brose-Beben wurde dadurch beeinflusst. So hatte Michael Stoschek den Stellenabbau an Standorten wie Bamberg und Coburg vor einer Woche mit den „unglaublich massiven Einbrüchen in den Produktionszahlen unserer Kunden“ begründet. Kein Geheimnis, dass damit auch Großkunde Volkswagen gemeint ist.
Auch wenn man in der Brose-Presseabteilung bemüht ist, keine direkten Zusammenhänge zu ziehen: „Die derzeit laufenden Verhandlungen zum Haustarifvertrag bei Volkswagen haben keine direkte Auswirkung auf Brose“, schreibt der Leiter der Presseabteilung, Thorsten Vogt. „Wir können jedoch nachvollziehen, dass VW – ebenso wie Brose – unter den deutlich niedrigeren Produktionszahlen leidet. Daher ist es verständlich, dass nicht ausgelastete Werke auf den Prüfstand gestellt werden.“
VW ist bei Schaeffler ein Großkunde
Auch bei Schaeffler hat sich die Flaute bei Volkswagen schon seit längerer Zeit gezeigt, wie Insider berichten. In den Auftragsbüchern. Ein offizielles Statement zum Großkunden der Schaeffler AG kommt am Montag nicht. Das Werk Hirschaid im Landkreis Bamberg hat nur wenig mit Produkten für Volkswagen und seine zahlreichen Markentöchter zu tun.
Volkswagen setzt auf Bosch Bambergs Verbrennertechnik
Ebenfalls kein Kommentar zum Großkunden Volkswagen kommt am Montag vom Bosch-Konzern in Bamberg. Kein Blatt vor den Mund nimmt dagegen Mario Gutmann. Der Bamberger Betriebsratsvorsitzende warnt seit Monaten: „Der Standort Deutschland ist aus heutiger Sicht nicht wettbewerbsfähig.“
Welche Auswirkungen eine angekündigte Schließung von drei VW-Montagewerken auf Bamberger Zulieferer habe, könne aktuell nicht qualifiziert beantwortet werden. „Für Bosch Bamberg mache ich mir aus heutiger Sicht keinen großen Kopf, weil momentan der Verbrenner gut läuft, die Weichen für die Zukunft Wasserstoff gestellt sind und wir flexibel auf Herausforderungen reagieren“.
Gutmann ist froh, bei Bosch Bamberg schon vor Jahren „die Hausaufgaben“ gemacht zu haben. In anderen Firmen sei das verschlafen worden. Obwohl die Anzeichen doch da waren. „Was wir vor fünf Jahren vorausschauend und konsequent angegangen sind, mit Arbeitszeitabsenkung, Flexibilisierung und Investitionen für unsere Zukunft Wasserstoff, das müssen andere nun eilig nachholen. Und das tut richtig weh.“
Mario Gutmann: Schonungslose Problemanalyse
Gutmann ist bei der IG Metall im Bundesvorstand und überblickt einen weiten Horizont, was die wirtschaftliche Großwetterlage in Deutschland angeht. Er sieht vor allem die VW-Elektrosparte in Schwierigkeiten. „Rund 90 Prozent der Autos, die VW in Europa und Deutschland verkauft, sind Verbrenner. Zehn Prozent Elektroautos. Gerade die Elektromobilität zieht nicht, diese Unterauslastung trifft vor allem VW-Werke, die ausschließlich auf Elektromobilität gerüstet sind, zum Beispiel Zwickau, Dresden oder Emden.“
Die bestehenden VW-Montagewerke seien aktuell nur zu rund zwei Dritteln ausgelastet, daher werde die Konsequenz von Werkschließungen und Alternativen geprüft. Ungeachtet dessen sei ein erheblicher Einfluss auf die Zulieferer, speziell im Sektor der Elektromobilität zu erwarten. Auch BMW und Mercedes sieht Gutmann in Schwierigkeiten.
„Wir als Bosch Bamberger haben bezüglich der bestehenden Herausforderungen der E-Mobilität eine hohe Resilienz, da wir noch direkt am Verbrenner hängen, aber auch parallel in die Zukunft Wasserstoff investieren.“
Die IG Metall Bamberg mahnt
Seit Jahren mahnt auch Martin Feder von der IG Metall Bamberg, die großen deutschen Autobauer müssten zukunftsfähig gemacht werden. „Volkswagen ist einer der größten Automobilhersteller der Welt, insofern liefern nahezu alle namhaften Zulieferer unserer Region auch an VW“, sagt Feder. Was das konkret bedeutet, kann auch er noch nicht vorhersagen.
„Auf jeden Fall ist es kein gutes Signal für den Industriestandort Deutschland, wenn in der Automobilindustrie zehntausende Arbeitsplätze abgebaut werden.“
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