Was ist ein Held?
Der Duden würde sagen, eine „Person, die sich mit Unerschrockenheit und Mut einer schweren Aufgabe stellt, eine ungewöhnliche Tat vollbringt, die ihr Bewunderung einträgt“.
Wie Karlheinz Parzefall. Und für ihn, was ist für den 67-Jährigen ein Held?
„Auf jeden Fall nicht ich. Ich habe nur meine Menschenpflicht getan“, sagt der Mann, der sich am 17. Juli 2021 der mittlerweile zu lebenslänglicher Haft verurteilten Mörderin Cornelia S. entgegenstellte, sie entwaffnete, wahrscheinlich noch viel Schlimmeres verhinderte.
Medaille für Verdienste um die Innere Sicherheit von Innenminister Herrmann
Für seinen couragierten Einsatz an diesem Julisamstag vor zwei Jahren wird Karlheinz Parzefall am 11. September in München die „Medaille für Verdienste um die Innere Sicherheit“ verliehen.
Es wird ein großer Festakt in München werden, insgesamt 30 Menschen aus Bayern werden von Innenminister Joachim Herrmann und Landespolizeipräsident Michael Schwald mit der „Courage-Medaille“ ausgezeichnet.
Familie Parzefall fährt gemeinsam nach München zur Verleihung
Karlheinz Parzefall fährt gemeinsam mit seiner Frau und zwei seiner Kinder nach München, auch die waren am Tattag vor Ort, leisteten als Ersthelfer ebenso aufwühlende wie mutige Arbeit. „Sie hätten die Medaille viel mehr verdient als ich“, sagt Vater Karlheinz. Sofort fällt ihm seine Frau ins Wort: „Nein, nein. Du bist dazwischengegangen, du hast ihr das Messer abgenommen. Die Auszeichnung trifft den Richtigen!“
Karlheinz Parzefall fühlt sich dennoch nicht wohl in seiner Haut, zu Unrecht in die Heldenecke gedrängt. „Mein Vater hat mir beigebracht, zu helfen, wenn jemand Hilfe braucht. Das habe ich gemacht.“ Und das bereits sein Leben lang. 35 Jahre war er aktiv bei der Feuerwehr, auch brachte er viele Jahre lang Kindern und Jugendlichen das Kegeln bei. Erst eine Krebsdiagnose stoppte ihn 2008 in seinem Ehrenamtsdrang.
Aber langweilig wurde ihm nie mit seinen vier Kindern, auch Enkelzuwachs hat die Großfamilie bereits bekommen. Und sowieso, da sind sich die Parzefalls einig, kümmere man sich doch umeinander. Sie meinen nicht nur ihre große Familie. Sondern auch die vielen Freunde. Und Nachbarn. „Ein Geben und Nehmen“, sagen die Eheleute Parzefall fast aus einem Munde. Das gefällt ihnen so an ihrem Leben in Ebermannstadt.
Dann aber kommt der 17. Juli 2021.
Die Bluttat von Cornelia S.: Mit elf Messerstichen getötet
Kerzen stehen heute keine mehr an dem Stromkasten in der Breitenbacher Straße in Ebermannstadt. Die braucht es aber auch nicht, keiner wird das an diesem Ort Erlebte vergessen können.
Dort, direkt vor dem Haus der Parzefalls, ist der 32-jährige Hannes Z. damals zusammengebrochen, dort hatten die Parzefalls versucht, dem jungen Mann das Leben zu retten. Dort ist er schließlich gestorben.
Hannes Z. wurde ermordet. Die damals 53-jährige Cornelia S. hatte ihren Ex-Schwiegersohn mit elf Messerstichen getötet. Den Ermittlungen der Polizei sowie den Erkenntnissen aus der Gerichtsverhandlung nach wollte er an diesem Tag das gemeinsame Kind bei seiner Ex-Frau abholen, der Tochter von Cornelia S. Das Paar hatte sich schon länger getrennt, es gab Streit wegen des Umgangsrechts.
Cornelia S. wusste davon und wartete auf ihn. Sie öffnete die Haustür und stach unvermittelt zu. Hannes Z. floh. Sie verfolgte ihn etwa 100 Meter weit und versetzte ihm weitere Messerstiche. Nur Minuten später brach er auf dem Bürgersteig zusammen.
Parzefall fremdelt mit Heldenrolle: „Hätte mehr tun können“
Die Szenerie spielte sich genau vor den Augen Karlheinz Parzefalls und seiner Familie ab.
„Mein einziger Gedanke war, dass ich ihr das Messer abnehmen muss. Nicht, dass sie noch jemand anderen verletzt. Wir wussten ja nicht, um was es geht. Das habe ich dann auch irgendwie geschafft.“ Seine Familie kümmerte sich um das Opfer. Vergeblich.
Auch das ist für Karlheinz Parzefall ein Grund, warum er so sehr mit der ihm aufgedrückten Heldenrolle fremdelt. „Hätten wir anders reagiert, schneller, hätten wir ihm vielleicht noch helfen können?“
Solche Gedanken kreisen immer wieder durch seinen Kopf. Auch noch mehr als zwei Jahre danach. „Am schlimmsten war die Gerichtsverhandlung“, sagt er. „Als ich ihr gegenübersitzen musste. Und immer wieder dachte, vielleicht doch mehr hätte tun können.“
Dass er diesen schrecklichen Tag gemeinsam mit seinen zwei jüngeren Kindern, seiner Frau und seinem Schwiegersohn zusammen durchmachte, helfe zwar. Sie redeten viel über diesen Tag, auch jetzt noch ab und an. Loslassen, so sagt er, werde es ihn aber wohl nie.
Von Polizei und Feuerwehr Ebermannstadt für Ehrung vorgeschlagen
Schon Ebermannstadts Bürgermeisterin Christiane Meyer wollte ihm einst eine Ehrung zuteilwerden lassen. Er lehnte ab, wollte bloß keinen Trubel um seine Person.
Nun, da das Ministerium für eine Ehrung nach München ruft, wolle er aber nicht absagen. „Das gehört sich nicht.“ Vorgeschlagen hatten ihn sowohl die heimische Polizei als auch seine ehemaligen Feuerwehrkameraden.
Seine Krankheit lässt ihn mittlerweile körperlich zerbrechlich erscheinen, sein Wille, zu helfen, scheint indes unbändig. „Wenn so etwas wieder einmal passiert, würde ich wieder dazwischen gehen.“
Auch wenn Karlheinz Parzefall das nicht gerne hört: Aber genau das macht ihn zu einem wahren Helden.
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