Es hätte böse ausgehen können.
Damit versucht sich Heiko Nowack zu trösten, jetzt, da er endlich Hilfe für die Betreuung seines Sohnes erhalten hat.
Jetzt, da die tagelange Angst und Ungewissheit überwunden ist.
Jetzt, da seine Wut über die mangelnde Unterstützung bloßer Enttäuschung gewichen ist.
Enttäuschung über ein oft als beispielhaft gerühmtes Sozialsystem, das allenfalls in tragischen Einzelfällen versagen würde. Doch solche tragischen Einzelfälle geschehen tagtäglich.
Heiko Nowack aus Forchheim: Nur ein tragischer Einzelfall?
Heiko Nowacks tragischer Einzelfall beginnt am 12. August, einem sonnigen Samstag. Der 57-Jährige kümmert sich im Forchheimer Norden gerade wie immer um die Pflege seines mehrfach behinderten Sohnes Maximilian (28).
Dabei stürzt er im Badezimmer, bricht sich einen Wirbel, muss mit dem Rettungswagen ins Krankenhaus. Sofort kreisen alle Gedanken des seit der Geburt seines Sohnes alleinerziehenden Vaters nur um Maximilian und wer nun für ihn sorgen soll.
Zum ersten Mal Hilfe nach 28 Jahren
Die Geschichte ist kompliziert, genauso wie die Familienhistorie der Nowacks und die Biografie Maximilians.
Er hat das Down-Syndrom, ist Autist und wegen eines früheren Behandlungsfehlers traue sich der junge Mann laut Heiko Nowack nicht mehr in Krankenhäuser.
Deshalb habe er das Angebot des Forchheimer Klinikums ablehnen müssen, Vater und Sohn zusammen stationär aufzunehmen. So bleibt der 28-Jährige allein daheim.
Heiko Nowack, zugleich gesetzlicher Betreuer seines Sohnes, will schnellstmöglich wieder nach Hause, um sich wieder um ihn kümmern zu können.
Dank der Schmerzmittel klappt das auch, Heiko Nowack beißt auf die Zähne, wie schon so oft in den letzten Jahrzehnten. Und doch braucht er diesmal über die finanzielle Pflegeunterstützung hinaus Hilfe, wie er sagt, zum ersten Mal in 28 Jahren.
Odyssee durch die Behörden – ausgebremst vom Feiertag
Und damit beginnt eine wahre Odyssee.
Noch am Samstag tritt Nowack mit seiner Pflegekasse und verschiedenen Hilfsstellen in Kontakt, schließlich muss eine rasche Lösung her. Er telefoniert ununterbrochen, versucht es zumindest, hin und wieder bekommt er gar Menschen ans Telefon. Hilfsbereite Menschen.
Der 57-Jährige erntet Mitgefühl. Erfährt Zuspruch. Doch Hilfe bekommt er keine.
Auch Tage danach noch keine Hilfe in Sicht
Montag, 14. August, anderthalb Tage nach dem Unfall. Maximilian würde eigentlich seine Förderwerkstatt in Weilersbach aufsuchen, die hat aber zu allem Überfluss geschlossen in dieser Woche. Ferienzeit, ausgerechnet.
Vater Heiko Nowack wartet noch immer auf eine Hilfe für den Haushalt, eigentlich, so ist ihm versprochen worden, melde sich jemand bei ihm.
Er wartet.
Und pflegt.
Und wartet.
Und kümmert sich wieder allein um „seinen Maxi“.
Mit jeder Stunde spürt er die Schmerzen in seinem oberen Rücken mehr.
Nowack schaltet Politik, Behörden und Presse ein
Dann reicht es ihm. Er wendet sich an die Politik, schreibt Abgeordneten, schaltet alle möglichen Stellen ein und wendet sich unter anderem an den Fränkischen Tag.
Was er zu diesem Zeitpunkt noch nicht weiß, es wird ein Happy End geben. Allerdings wird das noch weitere 48 Stunden auf sich warten lassen.
Unglückliche Zufälle oder Systemfehler?
Was in Heiko Nowacks Fall schiefläuft, ist zweierlei.
Erstens hat er, so erklären es die beteiligten Behörden und Institutionen auf FT-Nachfrage, großes Pech gehabt: Sturz an einem Wochenende, kurz danach der Brückentag vor Mariä Himmelfahrt und der Feiertag selbst. Hinzu kommen individuelle Fehler Einzelner, wie die vergessene Weitergabe einer Telefonnummer oder angeblich nicht versendeter Mails mit Kontaktdaten.
Dies mag eine Verkettung unglücklicher Umstände sein, auch Absicht wagen weder Nowack noch externe Beobachter zu unterstellen. Die Leidtragenden aber bleiben Heiko Nowack und sein Sohn.
Dieser speziell anmutende Fall ist aber auch Ausdruck einer täglichen Realität, wie leicht Menschen in unserem Land durch das Hilfsnetz fallen können.
Ungedeckter Bedarf im Landkreis
Zweitens ist die Versorgung mit sogenannten haushaltsnahen Dienstleistungen – ähnlich dem eklatanten Fachkräftemangel im Pflegesektor – kaum noch zu gewährleisten.
Auf Nachfrage bestätigt das Landratsamt Forchheim, dass im Landkreis Forchheim „wie so gut wie in allen Regionen in Bayern ein ungedeckter Bedarf“ bestehe. Einen Notdienst für solche Fälle gebe es nicht; im Akutfall verweist der landkreiseigene Pflegestützpunkt etwa auf Nachbarn oder Vertraute, die einspringen können sollten.
Fünf Tage später hat es dann geklappt
Am Mittwoch, 16. August, hat es bei Heiko Nowack geklappt mit der Haushaltshilfe. Fünf Tage nach dem Unfall. Darüber ist er natürlich froh, die Ernüchterung ob des Erlebten der vergangenen Tage aber bleibt.
„Mit akuter Hilfe hat das nicht viel zu tun. Und man muss scheinbar erst einmal alle Behörden und die Presse einschalten, damit endlich etwas passiert“, sagt er.
Nowack will den einzelnen Figuren in diesem tragischen Schauspiel, in welchem er ungewollt den Hauptdarsteller mimt, keine Schuld antragen.
Aber: „Mein Maximilian ist doch mehr als nur ein Kostenfaktor für diese Gesellschaft. Er hat eine Würde, er ist ein Mensch.“
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