Nach der sommerlichen Volksfest-Saison ist vor den Bockbieranstichen und der Weihnachtszeit. Eine Parallele lässt sich stets ziehen: Veranstaltungen ohne Alkohol finden eher selten statt. Wider besseres Wissen ob der Gefahren der flüssigen Droge.
Weil es Spaß macht. Weil es erlaubt ist. Weil es dazugehört.
Irland druckt ab 2026 Warnhinweise auf Alkohol
Nachdem Irland beschlossen hat, ab 2026 Warnhinweise auf alkoholischen Getränken abzudrucken, entbrennt nun auch in Deutschland und der Europäischen Union die Debatte, ob dies auch hierzulande Sinn ergeben würde.
Dublin, Brüssel, Berlin – alles weit weg von hier. Und doch hätte eine mögliche Entscheidung über die irischen Grenzen hinaus große Auswirkungen auf die selbst ernannte Genussregion Oberfranken.
Und damit freilich auf die vielen Brauereien und Brennereien im Landkreis Forchheim.
Brauer und Brenner in Franken fordern Maß an Eigenverantwortlichkeit
In der Bierbranche kommt der irische Vorstoß nicht sonderlich gut an.
Georg Rittmayer, Brauer aus Hallerndorf und Präsident des Verbandes privater Brauereien in Bayern, äußert auf FT-Nachfrage eine klare Meinung: „Bier ist das niedrigste alkoholische Getränk, das es gibt. Es wäre absoluter Quatsch, darauf Warnhinweise abdrucken zu lassen“, sagt er. Zudem wäre der Aufwand viel zu groß, auch wüsste er gar nicht, wohin er die Aufkleber packen müsste.
Ähnlich sieht es sein Forchheimer Kollege Rafael Thiermeyer von der Brauerei Neder: „Jeder Konsument weiß doch, dass Bier Alkohol enthält.“ Unisono sprechen beide von einem Maß an Eigenverantwortlichkeit, mit dem sich die Konsumenten an den Gerstensaft wagen.
Drogen- und Suchtbeauftragte der Bundesregierung ist begeistert
Der Drogen- und Suchtbeauftragte der Bundesregierung Burkhard Blienert dränge laut Deutscher Presseagentur auf umfangreichere Einschränkungen bei der Alkoholwerbung und mehr Jugendschutz. Werbung bestimme maßgeblich mit, ob und wie viele Menschen auf Alkohol aufmerksam würden.
Das betreffe auch Menschen, die schon ein erhebliches Suchtproblem hätten und sich dadurch noch weniger schützen könnten. Alkoholwerbung müsse zuallererst dort unterbunden werden, wo sie vor allem Kinder und Jugendliche wahrnähmen. Warnhinweise auf Etiketten gingen in die richtige Richtung, es sei aber mehr nötig.
Suchtberatung des SkF in Forchheim: Aufklärung wichtig
Dem kann sich Marcel Heer anschließen. Er ist einer von vier Forchheimer Suchtberatern des Sozialdienstes katholischer Frauen (SkF), zusammen betreuen sie täglich Dutzende Menschen, deren Suchterkrankung sie an den Alkohol fesselt. „Ich bin der Meinung, dass ein sichtbarer Hinweis auf Risiken des Konsums zu einer frühen Aufklärung beitragen kann“, sagt er.
Das Argument, dass Bier nur relativ wenig Alkohol enthalte, findet er schwierig: „Oftmals trinken die Leute ja nicht nur ein Bier. Viele überschreiten dann schnell die Grenze, ab der Alkoholkonsum gefährlich werden kann.“
Alkoholatlas Deutschland 2022 zeichnet düsteres Bild
Gut 18 Prozent der Männer und fast 14 Prozent der Frauen in Bayern konsumieren wöchentlich riskante Mengen Alkohol, wie aus dem „Alkoholatlas Deutschland 2022“ hervorgeht.
Von riskantem Konsum sprechen die Experten ab einer Menge von 20 Gramm (Frauen: 10 Gramm) reinem Alkohol am Tag. Das entspricht einem Seidla mit 5,0 Prozent Alkoholgehalt (bei Frauen dementsprechend ein Viertelliter Bier).
Riskanter Alkoholgenuss wird als mitverursachend für mehr als 200 Krankheiten angesehen. Neben Lebererkrankungen können beispielsweise Entzündungen im Magen-Darmtrakt sowie Krebserkrankungen die Folge sein.
„In der Aufklärung gibt es Luft nach oben“, sagt Suchtberater Heer. Das liege auch daran, dass Alkohol von der Gesellschaft nicht nur verharmlost wird, sondern sogar einen großen Teil davon ausmache.
„Wer mal nicht trinkt, muss sich meistens schon rechtfertigen. Solche Warnhinweise, wie es sie bei Zigaretten seit 2016 gibt, können dazu beitragen, ein anderes Mindset zu entwickeln.“
Bayerischer Brauerbund: 24 Millionen Hektoliter Bier im Jahr 2022
Laut Zahlen des Bayerischen Brauerbundes sind im Jahr 2022 circa 24 Millionen Hektoliter umgesetzt worden. Zwar ist zudem der Ausstoß von alkoholfreiem Bier auf 2,11 Millionen Hektoliter angewachsen. Auch lassen sich bundesweit Trends ablesen, nach denen die Menschen insgesamt weniger trinken wollen. Fragt man aber die Brauer in der Region, scheint dies im Landkreis Forchheim noch nicht angekommen zu sein.
Das sagen Frankens Obstbrenner zur irischen Idee
Rund um Forchheim wird aber nicht nur Bier erzeugt, zahlreiche Brennereien tummeln sich in der Region. Angaben der Tourismuszentrale gemäß stellen in der Fränkischen Schweiz etwa 300 Destillerien Geiste, Schnäpse und Liköre her. Für sie gälte im Fall der Fälle: Der Warnhinweis müsste auf die Flasche.
Hubert Fröhlich, Vorsitzender des Fränkischen Klein- und Obstbrennerverbandes, sieht das skeptisch. „Das wäre natürlich keine Werbung für unsere Genussprodukte“, sagt er.
Angesprochen auf die große Suchtproblematik kontert er: „Für unsere Produkte interessieren sich Alkoholabhängige in der Regel nicht.“ Sie kauften eher Billigsorten aus dem Discounter. Tatsächlich war Wodka im Jahr 2020 laut Alkoholatlas Nummer eins der meistverkauften Spirituosen, Obstbrände landeten auf Platz zwölf.
Im Koalitionsvertrag der Ampel-Regierung heißt es unter anderem: „Wir verschärfen die Regelungen für Marketing und Sponsoring bei Alkohol, Nikotin und Cannabis.“ Ob und wie genau sich dieses Vorhaben in den kommenden Jahren in der Praxis ausgestalten wird, auch nach dem Vormarsch Irlands, bleibt jedoch abzuwarten.
Eine diskussionsarme Veränderung in der Haltung zum Alkohol ist indes nicht zu erwarten. Zu tief verankert sind Bier und Bocksbeutel in der deutschen Seele.
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