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68.000 Fehlermeldungen
Künstliche Intelligenz gängelt Bayerns Bauern
Auf dieser Fläche vermutet die KI ein Kleefeld – tatsächlich steht her Streuobst.Forchheim & Fränkische Schweiz
Auf dieser Fläche vermutet die KI ein Kleefeld – tatsächlich steht her Streuobst. // Andreas Wolfger
Für die App muss Kreisbauer Hermann Greif auch Detailaufnahmen der falsch bestimmten Pflanzen machen.Forchheim & Fränkische Schweiz
Für die App muss Kreisbauer Hermann Greif auch Detailaufnahmen der falsch bestimmten Pflanzen machen. // Andreas Wolfger
Pinzberg – Mehr Arbeit statt Entlastung bringt eine Kontroll-App für Bauern. Denn sie ist alles andere als ausgereift. Darum müssen Landwirte nun für die KI Überstunden machen - auch in Forchheim.

Die Digitalisierung hält inzwischen überall Einzug – sei es in der Schule oder auf dem Amt. Mittlerweile dringt sie auch auf die Äcker von Forchheims Landwirten vor.

Dort unterstützt sie die Menschen aber nicht, sie gängelt sie vielmehr. Schuld ist die sogenannte FAL BY-App, die den Landwirten eigentlich bei der Verwaltung ihrer Flächenförderanträge helfen soll.

Eigentlich. Denn in Wirklichkeit deckt sie die Bauern mit jeder Menge Hausaufgaben ein. Die Landwirte sind entsprechend sauer.

Jedes Frühjahr verbringt Hermann Greif rund zwei bis drei Tage damit, Förderanträge für seine landwirtschaftlichen Flächen korrekt zu stellen. Wie viele seiner Kollegen nimmt er diesen Aufwand auf sich, da die damit verbundenen Fördergelder wichtig für den Erhalt seines Betriebes sind.

Seit diesem Jahr beschäftigt ihn das Thema jedoch auch im restlichen Jahr durchgehend. Denn mit besagter App muss er seine Anträge infolge einer Änderung im europäischen Recht nun pflegen.

Bauern eigentlich offen für Technologie

„Prinzipiell habe ich nichts gegen diese App“, berichtet der Kreisbauer. Tatsächlich seien er und seine Kollegen technischen Neuerungen gegenüber grundsätzlich aufgeschlossen. Die Software, die hinter FAL BY stecke, sei jedoch noch nicht ausgereift. Ausbaden müssten das nun er und seine Kollegen.

Eigentlich soll die App kontrollieren, ob Bauern beantragte Flächen tatsächlich korrekt bewirtschaften. So prüft die Software, ob auf einem Acker tatsächlich auch Mais und nicht etwa Weizen wächst. Hierfür untersucht eine Künstliche Intelligenz aktuelle Satellitenbilder der Flächen auf Ungereimtheiten.

Künstliche Unintelligenz

Fällt ihr etwas Ungewöhnliches auf, fordert sie den Landwirt auf, anhand von Bildern nachzuweisen, dass seine Angaben auch korrekt waren. Hierbei kommt es jedoch immer wieder zu Falschmeldungen.

„Man kann gewissermaßen aber auch von einer Künstlichen Unintelligenz sprechen“, sagt Greif. Die Fehler des Programms seien mitunter nämlich kurios. So habe die App ihm etwa gemeldet, dass er angeblich Klee auf einer Fläche anbaue, auf der seit mehr als drei Jahrzehnten eine Streuobstwiese stehe.

Knapp 16 solche Meldungen habe er bereits erhalten, die er nun nach und nach aus der Welt schaffen müsse. Dafür muss Greif zu der betroffenen Fläche fahren, gemäß der Anweisungen der App Beweisbilder machen und in der App hochladen. Das koste Zeit. Pro Meldung mindestens eine halbe Stunde – meistens länger. Unterlasse er dies, erhalte er keine Förderung.

Beweislastumkehr dank App

„Insgesamt rund 68.000 solche Fehlermeldungen wurden von der App heuer bayernweit ausgegeben“, berichtet Greif. Das sei zwar weniger als im vergangenen Jahr, in dem die App 120.000 Mal Alarm geschlagen habe – 2022 hätten die Behörden sich jedoch noch selbst um die Kontrollen gekümmert.

Dass die Bauern nun gezwungen wären, ihre Unschuld gegenüber einem digitalen Ankläger zu beweisen, missfällt dem Kreisbauern. Üblicherweise sei es Aufgabe eines Anklägers, stichhaltig zu beweisen, dass ein Fehlverhalten vorliege. Die App kehre diese Beweislast einfach um.

Auch sei es mitunter nicht so leicht wie im Falle seiner Streuobstwiese, seine Unschuld zu beweisen. „Leider kommt die Meldung mitunter erst einige Wochen, nachdem die Satellitenbilder gemacht wurden“, erklärt er. Habe der Landwirt seine Fläche in der Zwischenzeit gemäht, sei es deutlich aufwendiger nachzuweisen, was dort einst gewachsen sei.

Behörde ist sich des Problems bewusst

„Uns sind diese Probleme bekannt“, antwortet Gerhart Hartmann, Bereichsleiter für das Fachgebiet Landwirtschaft im Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten in Bamberg. Es handle sich um Kinderkrankheiten der KI. Jahr für Jahr werde sie jedoch immer besser. „Ich bin mir sicher, dass die Fehlerquote in zwei bis drei Jahren so gering sein wird, dass es kaum noch zu Beschwerden kommt“, sagt er.

Einer der aktuellen Fallstricke sei, dass die Satellitenbilder, die von der App verwendet würden, eine vergleichsweise grobe Auflösung hätten. So würde ein Pixel etwa einer realen Fläche von rund zehn mal zehn Metern entsprechen. Da würden Details verloren gehen und Bäume könnten wohl auch mal mit Klee verwechselt werden.

Amt auf Mithilfe angewiesen

Im vergangenen Jahr habe der Prüfdienst des Amtes selbst die Fehler ausgeräumt. Das habe sich jedoch nicht als praktikabel erwiesen. Aus diesem Grund sei man jetzt auf die Mithilfe der Landwirte angewiesen.

„Dass Bürger solche Aufgaben selbst übernehmen müssen, ist auch an anderen Stellen nicht unüblich“, betont er. Dafür könnten die Bauern dank der App jetzt auch ihre Anträge korrigieren, wenn tatsächlich Fehler ihrerseits vorlegen. Früher sei das im Rahmen von Kontrollen nicht denkbar gewesen.

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