Der Verdienstorden ist die höchste Anerkennung, die die Bundesrepublik Deutschland für außerordentliches gesellschaftliches Engagement und Verdienste um das Gemeinwohl aussprechen kann. Durch Bayerns Umwelt- und Verbraucherschutzminister Thorsten Glauber wurden vier engagierte Persönlichkeiten aus dem Landkreis Forchheim mit dem Verdienstkreuz 1. Klasse sowie Verdienstkreuzen am Bande ausgezeichnet.
Die Geehrten sind, wie Glauber beim Ehrungsakt im Kulturraum Gereonskapelle ausführte, in der schulischen und außerschulischen Bildung aktiv, fördern Teilhabe, engagieren sich bei der Aufarbeitung und Vermittlung der jüdischen Vergangenheit, ermöglichen kranken und behinderten Menschen ein würdevolles Leben oder fördern das Zusammenleben vor Ort, indem sie sich kirchlich oder in Vereinen in herausragendem Maß engagieren.
Früherer Forchheimer Schulamtsdirektor: Verdienstkreuz 1. Klasse
Das Verdienstkreuz 1. Klasse wurde dem früheren Forchheimer Schulamtsdirektor Gerhard Koller verliehen.
Verdienstkreuze am Bande bekamen die Kuratorin der Synagoge Ermreuth, Dr. Rajaa Nadler, Gerlinde Reichel, die in Obertrubach seit Jahrzehnten Familienmitglieder pflegt, und Ernst Wölfl, der in Neunkirchen am Brand seit 50 Jahren Beispielhaftes für die Gemeinschaft leistet. Landrat Hermann Ulm zeigte sich stolz, dass „ganz besondere Menschen“ ausgezeichnet werden, die „Region und Gesellschaft reicher machen“.
Das Trennende der Zeit überwinden
Wir leben in einer Zeit, so Thorsten Glauber in seiner Ansprache, in der das Trennende dominiert. Gefordert sei aber das Verbindende, das den Fliehkräften in der Gesellschaft etwas entgegensetzt. Zusammenhalt, Mut und Kraft, die in die Familien und Freundeskreise hineinwirken mit dem Bekenntnis für Menschlichkeit, Aufmerksamkeit und Achtsamkeit – das seien die Tugenden, die mit diesen „Helden des Alltags“ verkörpert würden und zu Recht die Anerkennung des Staates mit dem Bundesverdienstkreuz erfahren.
Gerhard Kollers Lebenswerk, so begann Glauber den Ehrungsreigen, stehe für Bildung, Gemeinschaft und Engagement. Als Lehrer, Schulamtsdirektor und Mitglied der Lehrplankommission habe er Meilensteine in der Bildungslandschaft gesetzt.
Glauber zählte die Gründung der Bildungsregion Forchheim, mit der Bildung auf breiter Ebene etabliert wurde, die Mitarbeit im Verein „FOrsprung e.V.“, das Projekt „JeKi“, mit dem jedes Kind musikalische Bildung erhalten kann, und die Einführung der Bayerischen Ganztagsschulkongresse, deren Ideen viele Bildungsakteure umgesetzt hätten, auf. Auch die Jugendherbergsbewegung verdanke Gerhard Koller viel. Als Präsident des Europäischen Jugendherbergsverbands habe er sich für die Förderung internationaler Zusammenarbeit und Bildung eingesetzt.
Sport, Kultur und Heimat
Ernst Wölfl engagiere sich seit über 50 Jahren „mit Herzblut und Weitsicht“ für die Heimat und das Gemeinwohl, stellte der Minister heraus. Seit 1983 präge er als Vorsitzender und aktives Mitglied den Tennisclub Neunkirchen am Brand. Dank seines herausragenden Fachwissens als Architekt konnten zahlreiche zukunftsweisende Bauprojekte realisiert werden. In der Sportgemeinschaft „SG Siemens Erlangen“ habe er sich als Mitglied und Vorsitzender mit großem Erfolg in der Jugendarbeit engagiert.
Die Marktgemeinde schätze seine Arbeit als Ortsheimatpfleger, den Einsatz im Felix-Müller-Museum, im Freundeskreis für Kunst und Kultur und bei der Organisation von Festen. Das Engagement in der Evangelisch-Lutherischen Kirchengemeinde, im Gemeinderat und im Bauausschuss rundeten sein breites Wirken ab.
Der Aufarbeitung und Vermittlung der jüdischen Vergangenheit widmet sich Rajaa Nadler seit über 30 Jahren beruflich und ehrenamtlich. „Als Kuratorin der Synagoge Ermreuth haben Sie die bewegte Geschichte dieses Ortes mit all ihren Facetten erforscht, dokumentiert und lebendig gehalten“, hob der Minister hervor. Besonders beeindruckend sei ihre Arbeit an der Genisa, einem einzigartigen Fund an religiösen Schriften und Textilien und „unschätzbaren Beitrag zur Erinnerungskultur“. Die Wiedereinweihung der Synagoge 1994 sei ein kraftvolles Zeichen gegen das Vergessen gewesen.
Menschen aller Altersgruppen begeistert
Seitdem habe Dr. Nadler diesen Platz nicht nur zu einem Museum, sondern zu einem lebendigen Haus der Begegnung gemacht und es gelinge ihr, Menschen aller Altersgruppen für die jüdische Geschichte, Religion und Kultur zu begeistern. Durch die Zusammenarbeit mit der Liberalen Jüdischen Gemeinde Bamberg sei es ihr gelungen, „Brücken zu bauen zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen Kulturen und Religionen“.
Als Minister habe er häufig die Freude, Menschen für besondere Leistungen auszuzeichnen. Wenige davon hätten ihn aber so stark beeindruckt und berührt wie Gerlinde Reichel in Obertrubach. Ihr Leben sei geprägt von Nächstenliebe und einem beispiellosen Einsatz für ihre Familie. In mehr als 30 Jahren zeige sie allen, wie viel Kraft und Liebe eine einzelne Person aufbringen kann, um anderen ein würdevolles Leben zu ermöglichen.
So kümmere sie sich rund um die Uhr um ihren Sohn Alexander, der seit seiner Geburt schwer körperlich und geistig behindert ist. Sie pflege außerdem mit derselben Hingabe ihre Schwiegereltern, holte ihre Mutter zu sich nach Hause, um ihre die bestmögliche Betreuung zu bieten. Seit 2022 sei auch ihr Ehemann nach einem schweren Schlaganfall auf ihre Hilfe angewiesen. „Liebe Frau Reichel, was Sie leisten, ist mehr als nur Pflege“, resümierte der Minister.













