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Moskitos-Abschied
Forchheimer Bands: Die Musikbranche verändert sich
Der angekündigte Bühnen-Abschied der Band Moskitos hat viele Fans und andere Forchheimer Bands überrascht. So wie „Die Gerchli“ (im Foto).Forchheim & Fränkische Schweiz
Der angekündigte Bühnen-Abschied der Band Moskitos hat viele Fans und andere Forchheimer Bands überrascht. So wie „Die Gerchli“ (im Foto). // Karin Hühnlein
Signet des Fränkischen Tags von Karin Hühnlein
Forchheim – Strengere Auflagen, geringere Wertschätzung: Die bekannten Musikbands aus der Region berichten von allerlei Widrigkeiten auf den Volksfesten.

Am Annafest in Forchheim kündigte Bandleader Harald „Harry“ Neubauer den Abschied der Kultband Moskitos von der Bühne an. Im Herbst soll nach 35 Jahren endgültig Schluss sein.

Kritik: Branche hat sich verändert

Das nahende Aus hat nicht nur die Fans überrascht, in einer Erklärung Neubauers schwangen zudem harte Vorwürfe mit: Die Branche habe sich im Laufe der Jahre durch strengere und ständig anwachsende Auflagen und Regeln einerseits, sowie andererseits geringerer Wertschätzung der Veranstalter – und letztlich auch der Fans – stark verändert.

Der Fränkische Tag hörte sich in der Szene um und fragte bei vier anderen bekannten Bands zu deren Erfahrungen und den Blick in die Zukunft nach.

1. „Sheila likes Tequila“

„Sheila likes Tequila“ sind Dieter „Schalke“ Zimmerer, Eva Knorr, Martin „Filter“ Scherl, Eddie Sari und  Daniel Saffer.Forchheim & Fränkische Schweiz
„Sheila likes Tequila“ sind Dieter „Schalke“ Zimmerer, Eva Knorr, Martin „Filter“ Scherl, Eddie Sari und Daniel Saffer. // Paula Zimmerer

Dieter „Schalke“ Zimmerer, Gründungsmitglied und Chef der seit 1991 tourenden Coverband (kurz „Sheila“), blickt wehmütig auf viele Jahre als Wegbegleiter der Moskitos zurück: „Es ist sehr, sehr schade, dass Harry und seine fantastische Band aufhören. Wir gaben uns über Jahre die Klinke auf diversen Kerwas in die Hand und haben uns nach Auftritten oft auf ein Bier danach getroffen.“

Er könne viele Aussagen Neubauers „absolut nachvollziehen“, aus genau diesen Gründen habe sich „Sheila“ schon vor Jahren von der Erlanger Bergkirchweih verabschiedet.

„Beim Programm lassen wir uns nicht mehr leiten“

„Als großteils Forchheimer Kinder spielen wir den Annafest-Montag natürlich trotz aller Widrigkeiten immer noch sehr gerne. Beim Programm lassen wir uns nicht mehr von Strömungen leiten und machen seit einigen Jahren unser eigenes Ding.“ Bei Auftragsannahmen sind „Sheila“ deutlich wählerischer geworden: weniger Kerwa, mehr Konzertcharakter.

Man müsse nicht groß über fehlende Eigenverantwortung, Wertschätzung, oder Zäune fabulieren, aber gerade auf Volksfesten sei die Musik zur Dienstleistung geworden. Ist das Kunst oder kann das weg? Tendenz: Das kann weg. „Es wird gern vergessen, dass Menschen, auch bei ,Sheila’, mit Musik ihren Lebensunterhalt verdienen. Idealismus ist jedoch fehl am Platz.“

2. „Rock of Fame“

„Rock of Fame“ sind Bernard LeBrun, Kalle Reger, Kathrin Ritter-    Hickmann, Chris Bayer und Tobias Konrad.Forchheim & Fränkische Schweiz
„Rock of Fame“ sind Bernard LeBrun, Kalle Reger, Kathrin Ritter-    Hickmann, Chris Bayer und Tobias Konrad. // Grafikbüro RoF

Gründer, Band-Manager und Leadgitarrist „Kalle“ Reger suchte sich 2006 in einem ausgeschriebenen Casting seine Musiker und Musikerinnen aus. Seitdem sind „RoF“ zu einer festen Größe im oberfränkischen Raum und darüber hinaus geworden.

Als Clubfan ehrte es Reger insbesondere, dass er mit Band bereits mehrfache Stadionauftritte vor Spielen des 1. FC Nürnberg im Max-Morlock-Stadion geben durfte: „Neben all den schönen Erlebnissen gibt es jedoch auch ähnliche, wie es Harry schilderte. Unschön war das Annafest 2019. Die Bühne war dreckig, niemand fühlte sich verantwortlich.“

Wertschätzung habe es nie gegeben

Wertschätzung vom Kellerchef habe es nie gegeben, er habe nicht mal eine Bank für Pausen zur Verfügung gestellt. „Der Abschuss war, dass ich zum ersten Mal meine Gage vor Gericht einklagen musste. Musiker so schlecht zu behandeln und dann nicht zu zahlen – ein No-Go.“

Durch solche Erfahrungen gelten bei „RoF“ drei Regeln: „Wir spielen nur noch, wenn das Publikum passt, die Veranstalter sich um die Bands und deren Bedürfnisse ernsthaft kümmern und Gage plus Umstände angemessen sind. Dass dies noch möglich ist, zeigten uns heuer beim Annafest am Nederkeller Brauerei-Chef Raphael Thiermeyer und sein Team. Wir wurden so toll angenommen, und oft wurde nachgefragt, ob alles passt.“

3. „Blechhulza“

„Blechhulza“-Sänger Patrick Grellner (Mitte) heizt im vollen Festzelt beim Heimatfest in Heideck kräftig ein.Forchheim & Fränkische Schweiz
„Blechhulza“-Sänger Patrick Grellner (Mitte) heizt im vollen Festzelt beim Heimatfest in Heideck kräftig ein. // Sebastian Herlitz

Mit Blechhulza wirbelt seit 2008 eine junge Partyband die Volksfestszene im hiesigen Raum durcheinander. Das neunköpfige Ensemble besticht vor allem durch Bläsersatz und Arrangements, die für diesen Bereich der Partyszene einzigartig sind.

„Es ist traurig“

Julian Vogel bedauert die Entscheidung der Moskitos: „Wenn solch etablierte Größen der lokalen Musikszene durch genannte Gründe die Instrumente an den Nagel hängen, ist es traurig. Die Entscheidung nach jener langen Zeit verstehen wir und wünschen das Beste bei weiteren Projekten oder im musikalischen Ruhestand.“

Schwerpunkte seit Gründung haben sich verschoben

Dass sich die Schwerpunkte seit Gründung auch bei ihnen verschoben, ist klar. Angefangen, dass Auftritte oft mit zwei Jahren Vorlauf verhandelt und die jeweilige Technik organisiert werden müssen:

„Verträge mit Veranstaltern schließen, Programm regelmäßig aktualisieren, Aushilfen organisieren, Buchhaltung und Steuern machen, Social-Media-Auftritte pflegen und unvorhersehbare Ereignisse meistern: Beim Achsbruch unseres Technikanhängers schafften wir es erst in letzter Sekunde zum Auftritt, und als Band mussten wir auch schon vertraglich zugesicherten, ausstehenden Gagen hinterherlaufen, obwohl es zuletzt mit den Veranstaltern durch Corona und die zweijährige Zwangspause wieder besser ist, weil klar wurde, dass es ohne Musik bei den Festen eben nicht geht.“

4. „Die Gerchli“

„Die Gerchli“: Sänger Johannes Reinhardt und Schlagzeuger Stefan Fabian rahmen den Bassisten Max Hofmann ein.Forchheim & Fränkische Schweiz
„Die Gerchli“: Sänger Johannes Reinhardt und Schlagzeuger Stefan Fabian rahmen den Bassisten Max Hofmann ein. // Karin Hühnlein

Stefan Fabian und seine vier Kollegen Johannes Reinhardt, Marco und Sandro Bögler sowie Max Hofmann haben mit ihrer Idee vor zehn Jahren als Spaß-Band mit Schwerpunkt „Malle-Musik“ ins Schwarze getroffen, wie der Schlagzeuger nicht ohne Stolz zugibt: „Musikgeschmack ist individuell. Gerade zuletzt setzte sich diese Art unbeschwerter Musik immer mehr durch, und unsere Besucher wissen, dass wir diesen Trend auch mitgehen. Nicht alle spielen das gleiche Repertoire, und genau das macht es doch aus am Annafest.“

„Die Gerchli“ zollen den Moskitos Respekt

Zum angekündigten Abschied der Moskitos und deren Gründe könnten sie sich nicht wirklich groß äußern, sagt Fabian, zollen Neubauer und dessen Band aber höchsten Respekt für 35 erfolgreiche Jahre auf der Bühne:

„Wir geben unser Bestes, dies auch zu schaffen. In vielen Aspekten pflichten wir den Worten von Harry bei. Am letzten Annafest-Tag hatten auch wir unser spezielles Erlebnis. Unser Vorhaben, um 0.15 Uhr nach dem Abbau mit dem Transporter zur Bühne am Hofmanns-Keller zu fahren, scheiterte, da sich tatsächlich einer der Sicherheitsleute auf die Motorhaube setzte und die Zufahrt zur Bühne verweigerte.“ Das sture Festhalten an 1 Uhr als Zufahrtszeit könnte man auch den Umständen anpassen, meint Fabian: „Denn die Bands sind ja auch ein sehr wichtiger Teil von unserem schönen Annafest.“

 

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