Dieter Erhards „Hexe“ ist seit kurzem auf dem Skulpturenweg am Walberla zu bestaunen. Es ist ein besonderes Kunstwerk von einem besonderen Menschen, dessen Werdegang einige ungeahnte Abzweigungen nahm. Das Leben hat Erhard so lange gepiesackt und geschubst, bis er es sehen musste: Dass er kein Metzger, kein Informationselektroniker und auch kein Industriekaufmann ist, sondern ein Künstler.
Und das nicht, weil er es gelernt hat, wie die meisten anderen Sachen auch, sondern weil ihn das ausmacht. Man sollte meinen, dass der Weg zu dieser Erkenntnis vor allem steinig war, wie so oft, wenn Menschen herauszufinden versuchen, wer sie eigentlich sind. Den Eindruck vermitteln die Geschichten Erhards aber nicht. Sie zeichnen in erster Linie einen jungen Mann, der vor allem neugierig auf die Suche ging und dabei manches so nahm, wie es eben kam.
Keine kerzengerade Vita
Erhards schulische Laufbahn ist gekennzeichnet von Abbrüchen. Nicht weil er es nicht kann, ganz im Gegenteil; der Junge langweilt sich. Also bricht er ab und wird Metzger. Ein Unfall zwingt den Gesellen dann dazu, den Beruf aufzugeben. Kein Grund zur Verzweiflung für ihn, irgendwie kommt es auch nicht ungelegen. Also, eine Umschulung – zum Informationselektroniker.
In der Zwischenzeit reist er durch die Welt. Kurz nach Ausbildungsbeginn erkranken seine Augen, die Arbeit am Oszilloskop wird unmöglich, Erhard muss die Ausbildung abbrechen. Irgendwie passt auch das; wohl Schicksal. Also, Umschulung – zum Industriekaufmann. Bis es losgeht, reist er wieder: Mexiko, Portugal, die Welt. Die neue Ausbildung passt, sie bietet Herausforderungen. Erhard klemmt sich dahinter und wird richtig gut, arbeitet erfolgreich – bis sich die Bundeswehr meldet. Um nicht eingezogen zu werden – „Ich bin Pazifist“ –, kündigt er und geht für einige Jahre nach Mexiko. Seit er mit einem Freund dort war, lässt ihn das Land nicht mehr los.
Kunst wird zur Berufung
Eine Konstante während dieser Zeit der Anfänge, Abbrüche und Reisen, des Nachdenkens und Erspürens ist für Dieter Erhard die Kunst. War sie bislang eine geliebte Nebenbeschäftigung, wird sie in Mexiko zur Berufung.
Dort lernt der junge Künstler zuerst eine wichtige Lektion – die entstandenen Werke zu verkaufen, denn: „Man darf nicht auf seinen Arbeiten sitzenbleiben. Wenn man nämlich meint, man hat etwas Schönes geschaffen, setzt man sich gedanklich drauf, fühlt sich wohl und produziert nichts mehr.“ Also verkauft er, und das erfolgreich.
Ein Freund legt ihm nahe, eine Kunstschule zu besuchen. „Und so habe ich endlich getan, wonach ich mich eigentlich gefühlt habe“, resümiert Erhard. Als er nach Deutschland zurückkommt, tut er es in dem Bewusstsein, ein Künstler zu sein. Wann aber ist ein Künstler ein Künstler?
„Wenn das Ich im Werk sichtbar ist. Wenn man sich inhaltlich stimmig an sich selbst orientiert und nicht an anderen. Wenn man sich dabei ständig weiterentwickelt. Künstler muss man erst werden, im Verlauf seines Lebens.“
Man sei kein Künstler, betont Erhard wiederholt, nur weil ein Diplom das besagt. Man müsse sich sozusagen beweisen, und sich finden. Wie ist Dieter Erhard in seinem Werk sichtbar? „Unter anderem durch die Musik“, sagt er. Die Frage, wie innere Musik in einem Werk transportiert werden kann, treibt den Künstler schon seit seinen Anfängen um.
Bei seinem „Kirschbaum“ kann man die Bewegung der Äste nach einer inneren Melodie erkennen, wie die tanzenden Arme eines Dirigenten. Für Erhard muss jedes Werk „seine Melodie haben, seinen Schwung“. Bewegung, Tanz, Leben, Natur – das alles steckt in Erhards Werken. Und ebenso das Unvollkommene, denn „Perfektion wäre langweilig“.
Liebe zu einem texanische Örtchen
Seit mehr als dreißig Jahren ist Erhard inzwischen freischaffender Künstler, in Deutschland, Mexiko und den USA. Wie kam er nach Texas? „Ich war verlobt mit einer hübschen Blondine, einer Texanerin“, erzählt er und schmunzelt.
Die Beziehung hat nicht gehalten, seine Zuneigung zu dem kleinen Örtchen, das er damals kennengelernt hatte, schon. Sonne, Wasser, Ruhe, eine Kaimauer zum Angeln und freundliche Menschen. „Ich hab so viel Freundlichkeit als Künstler in den USA und in Mexiko erlebt. Ganz anders als in Deutschland.“
Ein weiteres großes Thema für Dieter Erhard: „In Deutschland brauchen Künstler eine besonders dicke Haut“, sagt er. Deren Ansehen bei uns, der Umgang mit ihnen sei nicht zu vergleichen mit Mexiko und den USA. Dort seien die Künstler angesehen. Dass überhaupt der Kunstbetrieb, hier wie dort, unglaublich anstrengend sein kann, macht es nicht leichter. Ebenso die Tatsache, dass ein Künstler mit jeder Arbeit auch ein Stück seines Selbst preisgibt – in dem Bewusstsein, dass ihn die Kritik emotional vernichten kann.
Nun ist Dieter Erhard aber keiner, der still leidet. Er sagt, was er denkt, setzt sich kritisch mit Problemen auseinander und kämpft für seine Ideen. Der streitbare Künstler hat vieles, was ihn antreibt, ohne jedoch ein Getriebener zu sein. Im Gegenteil, Dieter Erhard ist einer, der in sich ruht – womit er nicht nur im Kunstbetrieb wohl eher eine Ausnahme ist.
Lesen Sie auch:












