Markus Söder hat ein Machtwort gesprochen: Es bleibt bei drei Stunden Religionsunterricht an den bayerischen Grundschulen. Was halten Sie von der Entscheidung?
Doris Olschner: Was Herr Söder da macht, finde ich fast schon antidemokratisch. Er ist nicht derjenige, der jetzt auch noch für die Schulen alleine entscheiden muss. Dafür haben wir ein Kultusministerium, wir haben Elternverbände und den Bayerischen Lehrerinnen- und Lehrerverband. Die wurden dann mit seinem Machtwort übergangen, denn Herr Söder hat das mit einem Basta so entschieden. Kultusministerin Stolz hatte ja in ihrer Pisa-Offensive etwas ganz anderes vorgestellt.
Der Bayerische Elternverband fordert mehr Handlungsspielraum, da jede Schule in ihren Möglichkeiten und Bedarfen unterschiedlich sei. Was bedeutet das konkret?
Der Unterricht sollte viel flexibler gestaltet werden, je nachdem, welchen Bedarf eine Schule hat. So hat es auch das Kultusministerium vorgesehen. Wenn sie zum Beispiel in eine Brennpunktschule gehen, in der viele Kinder mit Migrationshintergrund sind, dann macht so viel Religionsunterricht gar keinen Sinn. Es geht um Werteerziehung und Persönlichkeitsbildung. Das hat ja auch Herr Söder betont.
Da müssen aber Schüler mitgenommen werden in die Gemeinschaft. Sie müssen mehr zusammen machen, zusammen lernen, die Zusammengehörigkeit muss also gefördert werden. Es geht um Sprachentwicklung. Da bietet die Konzentration auf den Religionsunterricht keinen Vorteil. Mit Musik und Kunst und beispielsweise Theaterprojekten würde man da viel mehr Kinder erreichen. Und da wollte die bayerische Kultusministerin eben mit einer flexiblen Stundentafel viel mehr auf die Bedarfe der einzelnen Schulen eingehen.
Ist es nicht kontraproduktiv für ein Bildungssystem, wenn jede Schule machen kann, was sie will? Ein Bildungssystem braucht doch eine gewisse Einheitlichkeit, auch um schulische Leistungen vergleichbar zu halten.
Es ist ja nicht so, dass am Ende jede Schule ihr eigenes System hätte. Was eben auch das Kultusministerium jetzt vorschlägt, ist, dass die Schulen selbst entscheiden können, wie sie die vorgegebenen Stunden in den jeweiligen Fächern ausgestalten. Aber es geht doch genau darum, die Schüler zum Lesen, Rechnen und Schreiben zu befähigen. Da hat das Kultusministerium mit der Erhöhung der Stundenzahl in Deutsch und Mathe die richtigen Vorschläge gemacht.
Aber die Inhalte dieser Stunden müssen abgeglichen werden mit dem, was die Schüler brauchen. Und was wichtig ist, wird dann im Unterricht nach vorne gezogen. Der Vorschlag aus dem Kultusministerium, dass die dritte Stunde Religion unter Umständen entfallen könnte, hat dann zum Machtwort von Söder geführt. Ich denke, dass da die katholische Kirche ein Wörtchen mitgeredet hat. Aber ob das sinnvoll ist, ist eine andere Frage.
Sie als Elternverband sagen also klar: Wenn man schon über Reformen als Reaktion auf das schlechte Abschneiden bei der Pisa-Studie nachdenkt, dann darf auch Religionsunterricht nicht zur heiligen Kuh erklärt werden.
Das sehe ich so. Und da schließe ich mich Kultusministerin Stolz an, die ein gutes Konzept vorgestellt hat. Sie will verbindliche Lese-Screenings, eine zielgerichtete Fortbildung der Lehrer und eine Stärkung der frühkindlichen Sprachförderung. Das ist gerade für Kinder mit Migrationshintergrund wichtig. Diese Kinder müssen mehr gefördert werden, damit sie den Anschluss nicht verlieren. Und da hilft ihnen Religionsunterricht nichts.
Zugunsten von Deutsch und Mathe möchte der Ministerpräsident lieber beim Englischunterricht in den Grundschulen kürzen statt bei Religion. Was ist daran falsch, wenn die Kinder erstmal Deutsch lernen sollen, statt einer Fremdsprache?
Es gibt unterschiedliche Möglichkeiten, wie Kinder in der Schule eine Sprache lernen können. Die klassische ist instruktiv. Der Lehrer vermittelt den Schülern eine Sprache über Vokabeln und Grammatik. Da müssen die Schüler die Sprache lesen und schreiben können. Das ist aber in der Grundschule nicht gegeben. Da muss es über das Hörverstehen und einfaches Sprechen laufen. Oder über interkulturelles Lernen, bei dem man sich anschaut, wie es in den Ländern aussieht, in denen Englisch gesprochen wird.
Übrigens ergab sich in einer neuen großen Studie, dass Schüler, die schon in der Grundschule mit Englisch angefangen hatten, später viel bessere Englisch-Leistungen zeigten. Außerdem: Wenn Kinder mit und ohne Migrationshintergrund gemeinsam Englisch lernen, dann ist das eine Sprache, die für beide fremd ist. In diesem Moment begegnen sich die Schüler auf Augenhöhe. Da lernen sie auch, wie sich die Kinder aus anderen Ländern fühlen, die hier auch erst Deutsch lernen müssen. Das würde den Zusammenhalt in der Klasse fördern.
Zur Person: Doris Olschner, Mitglied im BEV-Landesvorstand
Doris Olschner (60) ist Mitglied im Landesvorstand des Bayerischen Elternverbandes. Die Diplom-Psychologin lebt in Dormitz und engagiert sich seit 2015 im Bayerischen Elternverband für die Belange von Kindern und Jugendlichen in den Bildungseinrichtungen des Freistaates.
Der Bayerische Elternverband setzt sich seit seiner Gründung 1968 nach eigenen Angaben "für die individuelle Förderung aller Kinder und Jugendlichen in Bayern ein, unabhängig davon, welche Bildungseinrichtung sie besuchen und aus welchem Elternhaus sie kommen". Alle jungen Menschen haben einen Anspruch auf gleiche Bildungschancen. Der BEV unterstützt die Eltern dabei, ihren Kindern diese Chancen zu bieten.
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