In der Bürgerversammlung im Gasthof „Zur Fränkischen Schweiz“ in Gößweinstein geht es hoch her. Sie droht, völlig aus dem Ruder zu laufen, und eskaliert mehrmals. Bürgermeister Hanngörg Zimmermann (FW) muss immer wieder einschreiten, um sogar drohende Handgreiflichkeiten zu verhindern.
Es fallen Beleidigungen, die Fronten sind völlig verhärtet zwischen den Befürwortern und Gegnern eines Umzugs des Rathauses ins Pfarrhaus. Insgesamt sind 62 Teilnehmerinnen und Teilnehmer gekommen, darunter 48 aus dem Hauptort Gößweinstein.
Durch Gößweinstein geht ein Riss, besonders beim Thema Rathaus. Dies wird überdeutlich. Melden sich Befürworter des Umzugs ins Pfarrhaus, klatschen die einen, von den anderen kommen Buhrufe – und umgekehrt. Die meisten jedoch wollen ein neues Rathaus neben dem Friedhof nicht. Dies hatte der Gemeinderat im Februar beschlossen, und daran will Bürgermeister Zimmermann nun festhalten.
Ferdinand Haselmeier kündigt an, dass er gegen den Ratsbeschluss vom 28. Februar mit seiner Interessensgemeinschaft (IG) „Zukunft Rathaus“ nächste Woche vor das Verwaltungsgericht ziehe. Dieser Ratsbeschluss sei rechtswidrig erfolgt.
Vorwurf: „Totengräber“
Alexander Polster von der gegnerischen IG „Stärkung und Erhalt der historischen Ortsmitte von Gößweinstein“ ruft ihm zu: „Setz’ dich hin. Du bist der Totengräber.“ „Ich möchte mich nicht als Totengräber und krank bezeichnen lassen“, wehrt sich Haselmeier. So geht das mehrmals hin und her, Zimmermann geht immer wieder dazwischen.
Polster wirft Haselmeier vor, ihn im Arztwartezimmer nicht gegrüßt zu haben. Aufschrei bei der Gegenseite, Zimmermann untersagt Polster weiterzureden. „Das ist eine unverschämte Lüge“, schäumt Haselmeiers Frau Brigitte, die auch beim Arzt dabei war. Polster verlässt erzürnt den Saal. Später auch Haselmeier, weil Zimmermann seine Wortmeldung nicht zulässt, nachdem Manfred Wiedow den Antrag gestellt hatte, die Bürger noch einmal zu befragen, wo sie ihr Rathaus haben wollen.
Bürgermeister lässt abstimmen
Wiedow will das Rathaus nicht neben dem Friedhof. Polster und Haselmeier kommen später wieder zurück. Zimmermann lässt über Wiedows Antrag abstimmen. Patt: 25:25, Antrag somit abgelehnt. Die anderen enthalten sich. Wiedow war fürs Pfarrhaus. „Das ist der größte Witz, ein Rathaus hinter dem Friedhof“, sagt Rosi Heinlein. Sie will es nach wie vor im Pfarrhaus. Harald Bogner auch.
Das geht nach dem letzten Bürgerentscheid aber nicht mehr. Dieser Zug ist endgültig abgefahren. Viele wollen das aber noch nicht wahrhaben. Bogner ist nun für den Standort altes Rathaus. 4,5 Millionen Euro aufwärts werde das kosten, schätzt er.
Streiten wie die Bürstenbinder
Ex-Gemeinderat Roland Müller ist entsetzt. „Wer kontrolliert denn bei einer Abstimmung, ob das alles Bürger von Gößweinstein sind? Wo gibt’s denn so was?“, fragt Müller. Auch dass einer, der sich melde, nicht zu Wort komme, ärgere ihn: „Das hat doch mit Demokratie nichts mehr zu tun.“ Früher sei er stolz auf den Zusammenhalt der Gößweinsteiner gewesen. Nun streite man sich wie die Bürstenbinder. „Wir geben in der Öffentlichkeit ein Bild ab, dass man sich nur noch schämen kann“, so Müller.
Auch Hermine Haas ist entsetzt. „Ich könnte heulen“, sagt Haas, weil man so ein historisches Gebäude wie das Pfarrhaus nun dem Verfall preisgebe. Sie sei nun gespannt, wie Haselmeiers IG es schaffen wolle, den Pfarrgarten für Veranstaltungen zu öffnen.
„Was machen wir jetzt mit dem Pfarrhaus, das wir noch 57 Jahre an der Backe haben?“, will Aline Lückgems wissen. „Eine Begegnungs- und Kulturstätte“, gibt ihr Brigitte Haselmeier zurück. „Brigitte, dann mach das“, antwortet darauf Haas. Klatschen im Saal. „Wenn ständig über das Rathaus abgestimmt werden soll, müssen wir uns dann nicht auch die Frage stellen, ob wir überhaupt noch einen Gemeinderat brauchen?“, meint Markus Poser. Dafür bekommt er Applaus. So geht das noch lange hin und her.
Hohn und Spott für Friedensappell
„Es wäre an der Zeit für einen Friedensappell und dass wir alle menschlich miteinander klarkommen, sachlich bleiben und uns anständig begegnen“, sagt Norbert Prasch. Er erntet Hohn und Spott von der Gegenseite. „Wir müssen die Gräben zuschaufeln, anstatt dauernd Angriffe zu fahren“, mahnt FW-Rätin Daniela Drummer. „Das machst du am allermeisten“, gibt ihr Brigitte Haselmeier zurück.
Bürgermeister Zimmermann resigniert. „Es ist teilweise schon sehr anstrengend, hier vorne zu stehen“, sagt er.
Ein weiterer Antrag des Abends kommt von den Anliegern der Doline an der Martinswand. Diesen formuliert Irene Donaubauer: „Die Gemeinde soll prüfen, ob sie das hintere Dolinengrundstück – auf dem zwei Doppelhaushälften genehmigt sind – käuflich erwirbt, um es zu renaturieren und den Zugang zur Doline wiederherzustellen, um dadurch die Hochwassergefahr für die Anlieger zu verringern.“ Dieser Antrag wird mit 26:22 Stimmen angenommen und wird nun dem Gemeinderat zur Entscheidung vorgelegt.
Käufer will zurücktreten
Auch wegen der bereits erfolgten Teilbebauung der Doline kam es vorher zu heftigen Auseinandersetzungen und Anschuldigungen. Bekannt wurde dabei auch, dass der Erwerber dieses Grundstücks damit schon an die Gemeinde herangetreten sei und vom Kauf zurücktreten wolle, weil er sich getäuscht fühle. Denn ihm sei die Problematik mit der Doline verschwiegen worden. Inzwischen streiten sich die Rechtsanwälte der Parteien.
Nachbar René Weichel hat Angst um Leib und Leben, vor allem für seine Kinder, wenn noch mal so ein Hochwasser wie am 17. August kommt. „Hat die Gemeinde einen Plan und gibt es Wege, das zu sichern?“, fragt Weichel. Im Nachgang zum Starkregen habe man die Kanäle überprüft und festgestellt, dass diese ausreichend seien. So eine Flutwelle packe aber kein Kanal. „Ich kenne das nur von der Mosel und vom Rhein“, sagt Zimmermann. Er erntet Gelächter.
Als die Gößweinsteiner nach diesem hitzigen Abend nach drei Stunden auseinandergehen, sind die Gräben noch größer geworden.
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