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Nach Fall Katina K.
Wie sicher sind Sexarbeitende in der Region?
In Franken sind mehr als 1000 Menschen in der Prostitution tätig. Sie wollen endlich nicht mehr als Opfer gesehen werden. Sondern als echte Selbstständige. Eine Nürnbergerin berichtet.
In Franken sind mehr als 1000 Menschen in der Prostitution tätig. Sie wollen endlich nicht mehr als Opfer gesehen werden. Sondern als echte Selbstständige. Eine Nürnbergerin berichtet. // llustration: jv, adobe stock; Franziska Schäfer
Der Fall Katina K.
LKR Forchheim – Eine Frau aus dem Landkreis Forchheim wird vermisst, die im Rotlichtmilieu arbeitete. Nach dem dramatischen Fall stellt sich die Frage: Wie sicher sind Sexarbeitende in der Region? Eine Spurensuche.

Es klingelt. „Warte mal kurz, da kommt Kundschaft.“ Anita legt das Handy ab. Schritte sind zu hören, eine Tür öffnet sich, eine Männerstimme sagt durch die Leitung nur dumpf hörbar „Hallo“. Dann Anitas Stimme, ebenfalls nur gedämpft zu erkennen: „Nimm gerne Platz, ich komme gleich“. Wieder Schritte, es raschelt, Anita greift zum Telefon. „Können wir das Interview später weiterführen?“ Klar, denke ich, kein Problem. Und sage es auch. „Geschäft geht vor“, versuche ich noch zu witzeln. Da hat Anita schon aufgelegt.

Sexarbeiterinnen zeigen sich selbstbewusst

Geschäft. Genau so sieht es Anita. Einen Tag darauf telefonieren wir wieder, diesmal klingelt es nicht an der Tür. Die 59-Jährige ist seit 37 Jahren als Prostituierte tätig, seit Jahren arbeitet sie von einer eigenen Wohnung aus. „Ich bin eine erwachsene, bodenständige Frau. Sex muss nichts mit Liebe zu tun haben. Es ist mein Beruf.“

Ihr stoße seit Jahren das Schmuddel-Image auf, das ihr und ihren zumeist weiblichen Kolleginnen aufgedrückt wird. Und: die Opferrolle möchte sie nicht ständig übergestülpt bekommen. „Klar gibt es in unserer Branche schwarze Schafe, klar passieren tragische Geschichten“, sagt sie. „Nicht alle sind in diesem Beruf richtig aufgehoben, einige werden auch gezwungen. Das ist schlimm.“

Prostitution
Die Zahl der Prostituierten ist gestiegen, nicht nur bundesweit, sondern auch in Bayern. Das zeigt eine neue Statistik zu angemeldeten Sexarbeitenden. (Symbolbild) // Hauke-Christian Dittrich/dpa

Katina K. aus Eggolsheim: Tragischer Einzelfall?

Das Bild ihres Berufsstandes sei vielfältiger als die medienwirksamen Missstände, auf welche es die Öffentlichkeit so oft reduziert. „Es werden zu viele Schauergeschichten erzählt.“ Diese Schauergeschichten reichen von Drogenmissbrauch über Gewalt, Zwangsprostitution und Menschenhandel bis hin zu Vergewaltigung und Mord. Spätestens seit dem aktuellen Fall der noch immer vermissten 33-jährigen Katina K. aus Bammersdorf, die laut Polizei im Rotlichtmilieu gearbeitet hat und unter Umständen Opfer eines Verbrechens geworden ist, diskutiert die Öffentlichkeit wieder vermehrt über das Thema Prostitution und Sicherheit.

Prostitution in Franken - so ist die aktuelle Lage

Insgesamt spielt das Thema Sexarbeit – zumindest was die offizielle Statistik betrifft – in der Region eher eine untergeordnete Rolle. Zwar gab es laut Zahlen des Landesamtes für Statistik Ende 2023 bayernweit 4968 in der Prostitution tätige Personen, das sind zehn Prozent mehr als noch im Jahr zuvor. Gerade einmal jede achte besitzt eine deutsche Staatsangehörigkeit (12,9 Prozent). So ist beispielsweise auch Katina K. bulgarische Staatsangehörige.

Insgesamt verteilen sie sich eher auf die Ballungsräume, was auch an den gesetzlichen Rahmenbedingungen liegt. Zwar ist Prostitution seit 2002 bundesweit nicht mehr „sittenwidrig“, in Bayern ist es aber beispielsweise generell verboten, in Gemeinden mit weniger als 30.000 Einwohnern der Prostitution nachzugehen.

In Forchheim wäre es zwar so gesehen also theoretisch erlaubt. Wie die Stadt auf Nachfrage mitteilt, verbiete eine aus den 1970er Jahren stammende Verordnung den Städten Forchheim und Kulmbach jedoch, „Gewerbsunzucht“ zu erlauben. Dies wurde 1987 sogar vom Bayerischen Verfassungsgerichtshof noch einmal in einer Entscheidung bestätigt. Drum finden sich in den einschlägigen Portalen in diesen Städten auch keine oder kaum Anzeigen. Ob und wie hoch die unangemeldete Dunkelziffer ist, lässt sich hingegen nicht sagen.

Die meisten Prostituierten sind in München registriert, Platz zwei nimmt die Stadt Nürnberg ein. In der Region verteilen sie sich hauptsächlich auf die Städte Erlangen, Fürth, Bamberg und Bayreuth.

Wie die Polizei auf Nachfrage erklärt, hat es im vergangenen Jahr einige Einsätze im sogenannten Rotlichtmilieu gegeben. So ermittelten die mittelfränkischen Beamten neunmal wegen Zwangsprostitution und Menschenhandel zum Zwecke der sexuellen Ausbeutung (Oberfranken: fünfmal), gegen 13 Personen wurde wegen verbotener Prostitution strafrechtlich ermittelt (Oberfranken: vier). Eine „sicherheitskritische Lageentwicklung“ könne das Polizeipräsidium Oberfranken aber nicht erkennen.

Verein Kassandra: Seit Corona schlechter geworden

„Seit der Corona-Pandemie ist die Sicherheitslage etwas schlechter geworden“, sagt Jana Seiler. Sie ist Sozialarbeiterin beim Verein Kassandra, der Nürnberger Fachberatungsstelle für Prostituierte. Während dieser Zeit sei es verboten gewesen, doch wenige konnten sich an das Berufsverbot halten, viele hätten sich damals in den Untergrund geflüchtet, manche seien da geblieben. Aber tätliche Angriffe seien selten, insgesamt sehe sie eher wenig Probleme.

Mit eher negativen Auswirkungen beschreiben Vertreterinnen der Branche das Prostituiertenschutzgesetz aus dem Jahr 2017. Es macht vor allem gewerberechtliche Vorgaben: Bordelle benötigen seitdem eine Betriebserlaubnis, Prostituierte müssen ihre Tätigkeit anmelden und zur Gesundheitsberatung gehen. Seither sei es für die Unternehmerinnen schwieriger geworden, bürokratischer. „Aber nicht sicherer“, sagt Seiler.

„Wir sind für die Prostituierten da, helfen bei Ausstiegswünschen, beraten bei Problemen oder geben Tipps. Etwa, dass vor allem die Frauen sich gegenseitig Sicherheit geben, indem sie sich nach einem Freier zu einer bestimmten Zeit melden. Tue sie es nicht, ruft die andere die Polizei. „Das wirkt“, sagt Seiler. „Aber erst einmal gehen wir davon aus, dass die Menschen freiwillig in der Branche arbeiten“, sagt Seiler. Zwar gebe es in der Regel wirtschaftliche Zwänge, auch weil die Menschen oft aus ärmeren Ländern stammten. „Aber nur aus Spaß arbeitet man eigentlich in keinem Beruf oder?“, sagt Seiler.

CSU/CSU-Fraktion will generelles Sexkauf-Verbot

Wenig Spaß bei dem Thema versteht die CDU/CSU-Fraktion im Deutschen Bundestag. Sie fordert ein generelles Sexkauf-Verbot, wie es einige skandinavische Länder und beispielsweise Frankreich bereits praktizieren. Hierbei würden vor allem die Kunden kriminalisiert. Am 23. September wird es hierzu in Berlin eine Anhörung geben.

Dorothee Bär bezieht Stellung zur Prostitutionspolitik.
Dorothee Bär bezieht Stellung zur Prostitutionspolitik. // Bernd von Jutrczenka/dpa

Kritik gegen den Vorstoß kommt von vielen Seiten, so etwa vom Berufsverband erotische und sexuelle Dienstleistungen sowie dem Verein Kassandra. „Alles, was illegalisiert wird, bleibt da. Nur werden den Akteuren die Rechte genommen“, sagt Seiler. Ablehnung auch aus Reihen anderer Parteien. Auf Anfrage erklären sich die SPD-Politiker Martina Stamm-Fibich („Prostitution oder Sexkauf wird sich allein durch ein Verbot nicht beenden lassen.“) sowie Andreas Schwarz („Frauen würden in noch größere Abhängigkeiten zu Freiern geraten und wären zum Teil völlig schutzlos ausgeliefert.“) und Grünen-Abgeordnete Lisa Badum („Das Thema taugt nicht für parteipolitische Instrumentalisierung, insbesondere von Parteien, die sich bisher wenig für die Gleichstellung von Frauen interessieren.“).

Thomas Silberhorn (CSU) hingegen verteidigt den Antrag: „Die bevorstehende Anhörung soll zeigen, welche Erfahrungen andere Länder gemacht haben und welchen Rat Hilfsorganisationen und Polizeiexperten geben können. Danach wird man sehen, ob und wie man die bestehende Strafbarkeit von Freiern erweitern kann“, schreibt er auf Anfrage.

Anita aus Nürnberg: „Nordisches Modell wäre Katastrophe"

Auch Anita blickt gespannt nach Berlin. „Das nordische Modell wäre eine Katastrophe“, sagt sie. Das schütze niemanden, es gehe nur um eine moralische Keule. Auch ob es etwas an dem Fall Katina K. aus Eggolsheim geändert hätte, ist absolut unklar.

Anita werde nun langsam kürzertreten, bald gingen sie die neuesten Entwicklungen dann nicht mehr viel an. Aber nicht aus Angst oder weil die Zeiten zu unsicher geworden seien. „Altersteilzeit“, sagt sie und lacht. Dann legt sie auf. Sicher klingelt es gleich wieder.

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