0
Selbsthilfegruppe bei Gewalt
Toxische Beziehung: „Wie einer Gehirnwäsche unterzogen“
Bettina Gronow  ForchheimForchheim & Fränkische Schweiz
Bettina Gronow will durch ihre Arbeit mehr Menschen für das Thema häusliche Gewalt senisbilisieren. // Detlef Postler
Forchheim – Bettina Gronow hat selbst zwei toxische Beziehungen erlebt. Mit ihrer Selbsthilfegruppe will sie anderen Frauen auf dem Weg aus der häuslichen Gewalt helfen.

Die Frauen, die sich bei Bettina Gronow melden, wollen raus. Raus aus ihrer toxischen Beziehung, aus Manipulation, Kontrolle, Gewalt. Wie schwer das ist, weiß die Forchheimerin aus eigener Erfahrung. Sie hat selbst zwei toxische Beziehungen erlebt. Vergangenes Jahr hat Bettina Gronow im FT ihre Geschichte geteilt. Seitdem ist viel passiert.

„Durch den Zeitungsartikel haben sich sehr viele gemeldet“, erzählt Gronow. Rund zwölf Frauen treffen sich seit April regelmäßig, um sich während der Trennung und darüber hinaus zu unterstützen. Männer gibt es aktuell keine in der Gruppe. Zu unterschiedlich seien meist die Erfahrungen, zu geschützt der Raum, erklärt Gronow.

Wer teilnehmen möchte, sollte schon fortgeschritten in einer Trennung sein oder bereits getrennt. Wer sich noch entscheide, brauche eine andere Art der Begleitung. Zu groß sei das Risiko für andere, in Versuchung zu kommen, zu ihrem Partner zurückzugehen. Im ersten Moment schwer vorstellbar. Warum sollte jemand in eine Partnerschaft zurück, die von Gewalt geprägt war?

Toxische Beziehung: Wenn mit Wahrheit gespielt wird

„Ein Merkmal von so einer Beziehung ist, dass man innerhalb der Beziehung wie einer Gehirnwäsche unterzogen wurde“, erklärt Gronow. Man treffe Entscheidungen, die man sonst nicht treffen würde. Frauen, die vorher taff waren, einen guten Job hatten, seien durch die toxische Beziehung wie ausgewechselt.

„Ein klassisches Merkmal ist: Heute sage ich A, morgen sage ich B. Wenn man es anspricht, heißt es, ich habe doch A gesagt“, versucht Gronow die Mechanismen hinter toxischem Verhalten zu erklären: „Wenn man dieses Spielchen oft genug treibt, dann weiß man ab einem gewissen Zeitpunkt nicht mehr, was eigentlich wahr ist – egal, welchen akademischen Titel man hat.“

Betroffene leiden unter Isolation und Kontrolle

Oft würden die Probleme schleichend beginnen, sodass Betroffene nicht oder viel zu spät merken, wo sie hineinrutschen. Seien starke Gefühle oder Kinder im Spiel, greife man schnell zu Rechtfertigungen: „Er hat es nicht so gemeint, es war ja nur einmal, die Kinder sollen den Vater behalten“.

Die Beziehung sei zunehmend geprägt durch Isolation und Kontrolle, der Respekt gegenüber den Betroffenen gehe immer mehr verloren. Teilweise werde Opfern untersagt, das Haus zu verlassen, erklärt Gronow. Die Frauen dürften nichts mehr selbst bestimmen: „Das Spektrum reicht von normaler Beleidigung bis klinikreif – psychisch oder körperlich“.

Für die Täter sei es in der Regel eine Einbahnstraße. „Ich weiß nicht, wie viele Blumensträuße ich in der Beziehung bekommen habe. Ich konnte sie nicht mehr sehen, denn sie ändern nichts“, sagt Gronow. „Um solche Verhaltensweisen zu ändern, braucht es eine Therapie, braucht es eine Einsicht“, erklärt sie. Doch das sei selten. 

Finanzielle Abhängigkeit zwingt Frauen zum Bleiben

In den meisten Fällen sorgt auch die finanzielle Abhängigkeit dafür, dass Frauen nicht einfach ihre Tasche packen und gehen. Viele hätten – wenn überhaupt – einen Minijob. Das reiche nicht, um eine Wohnung und Kinder zu finanzieren. 

Wer verheiratet sei oder Kinder habe, müsse sich zudem durch ein Wirrwarr an Anträgen kämpfen. „Die greifen ineinander. Wenn man verheiratet ist, braucht man Unterlagen von dem Mann, wenn der die nicht herausrücken will, ist das schon mal das erste Stopp“, erklärt Gronow. Das ganze Hin und Her, vielleicht eine Unterhaltsklage, koste extrem viel Kraft. Kraft, die die Betroffenen nicht mehr haben. 

Frauen unterstützen sich gegenseitig

Umso wichtiger ist die Unterstützung durch die Selbsthilfegruppe. Die scheint Wirkung zu zeigen, denn Bettina Gronow kann erste Erfolge beobachten. Vier Frauen hätten in den vergangenen Monaten eine Kur gemacht, andere lernten „Nein“ zu sagen, den Kontakt abzubrechen. 

All das aufzunehmen, was die Frauen teilen, sei nicht immer einfach, gibt Gronow zu. Doch sie habe gelernt, damit umzugehen und versucht, so viel wie möglich zu informieren. Wie wichtig das ist, hat sie selbst erlebt, als sie sich vor Jahren selbst bei den Merkmalen häuslicher Gewalt auf einer Webseite wiedererkannte: „Man braucht wirklich diesen Spiegel“. Deshalb will sich Gronow weiterhin für Betroffene einsetzen. Außerdem wünscht sie sich, dass endlich auch Angebote geschaffen werden, die bei den Tätern ansetzen. 

Hilfe für Betroffene

Die Selbsthilfegruppe trifft sich einmal im Monat im Wechsel vor Ort und online. Weitere Infos gibt es unter: bettina@gronow.de oder Tel. 01525/ 875 65 18 und auf www.tobe-verein.de.

Am 16. April hält Bettina Gronow einen Vortrag an der VHS in Forchheim.

Das Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ ist kostenfrei unter der Tel. 116 016 rund um die Uhr erreichbar. Weitere Anlaufstellen sind der Weiße Ring oder INSEL Sozialpsychiatrischer Dienst.

Das können Betroffene /Angehörige tun

  • Abstand gewinnen: eine Woche das übliche Umfeld verlassen und die Lage betrachten.
  • Sich einer Freundin oder einem Familienmitglied anvertrauen.
  • Schon beim Kennenlernen auf Warnzeichen achten: Spricht er schlecht über Ex-Partnerinnen oder die Mutter? Sind immer die anderen an allem schuld?
  • Sich nicht scheuen, sich an die Polizei zu wenden, auch wenn es schwerfällt. Spätestens bei körperlicher Gewalt sollten die Alarmglocken losgehen. 
  • Eine Freundin verschwindet vom Radar oder verändert sich sehr stark? Nicht einfach durch ein „alles ok“ abspeisen lassen.

Lesen Sie auch:

Inhalt teilen
  • kopiert!