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Expertin im Interview
Hier erhalten Opfer sexualisierter Gewalt Hilfe
Für Opfer sexueller Belästigung gibt es Hilfe - auch in Erlangen.
Für Opfer sexueller Belästigung gibt es Hilfe - auch in Erlangen. // FT-Archiv
Signet des Fränkischen Tags von Ailyn Lange
Erlangen – Opfer sexualisierter Gewalt wissen oft nicht, wie sie mit dem Erlebten umgehen sollen. Deshalb gibt es in Erlangen eine Einrichtung, bei der sie Hilfe bekommen.

Vor zwei Wochen ist ein Mann wegen sexueller Belästigung vom Amtsgericht Erlangen zu einer Bewährungsstrafe verurteilt worden. Immer wieder werden Frauen und Mädchen Opfer sexualisierter Gewalt. Friederike Hahm vom Frauennotruf Erlangen unterstützt Betroffene.

Was ist der Frauennotruf und wer kann sich an Sie wenden?

Friederike Hahm: Der Frauennotruf ist eine Beratungsstelle für Frauen und Mädchen − und alle Menschen, die sich dem weiblichen Geschlecht zugehörig fühlen − , die sexualisierte Gewalt erfahren haben. Ebenso beraten wir auch Angehörige, Partner, Freunde sowie Fachpersonal. Unsere Beratung ist vertraulich, auf Wunsch anonym und kostenlos. Man kann uns telefonisch, persönlich oder über Onlineberatung erreichen. Wir sind ein Team aus drei Sozialpädagoginnen und einer Pädagogin, mit verschiedenen Zusatzausbildungen.

Was kann man unter dem Begriff „sexualisierte Gewalt“ verstehen?

Wir verstehen darunter unterschiedliche Formen von sexuellem Missbrauch, sexueller Belästigung, Vergewaltigung und sexueller Nötigung – verbal, nonverbal oder körperlich. Aber auch Menschen, die nicht wissen, ob das jetzt schon ein Übergriff war, dürfen und sollen sich gerne an uns wenden.

In dem Gerichtsverfahren am vergangenen Dienstag wurde der Täter von der Polizei ermittelt und letztendlich auch verurteilt. Ist das die Regel, oder eher ein Ausnahmefall?

Tatsächlich fehlen mir dafür die Einblicke in Statistiken von Polizei oder von Gerichten. Aus unserer Erfahrung, erleben natürlich sehr viele weibliche Menschen sexuelle Belästigung und nur ein minimaler Bruchteil bringt das überhaupt zur Anzeige. Nur noch ein kleiner Bruchteil davon kommt überhaupt zur Anklage und dann auch zu einer Verurteilung.

Mit welchen Hürden sehen sich Betroffene konfrontiert, wenn sie sexualisierte Gewalt zur Anzeige bringen wollen?

Die größte Hürde ist oft, dass Betroffene erstmal eine starke Scham verspüren. Nicht für jede Betroffene ist die Anzeigeerstattung der richtige Weg. Für diejenigen, die sich dazu entscheiden, ist es dann trotzdem ein großer Schritt, das vor fremden Personen geltend zu machen. Viele Betroffene wissen oft auch nicht, was bei einer Anzeigeerstattung alles auf sie zukommt. Dafür bieten wir psychosoziale Prozessbegleitung an, in der wir die Betroffenen dann bei all diesen Schritten unterstützen und informieren und sie in diesem Prozess begleiten können.

Wie können Außenstehende oder Angehörige angemessen mit Betroffenen sexualisierter Gewalt umgehen?

Zuhören, da sein und den Betroffenen glauben. Oft hat man das Gefühl ganz viel tun zu müssen, aber es ist ganz wichtig nichts über den Kopf der betroffenen Personen zu entscheiden oder zu handeln. Ansonsten können sich Unterstützer und Angehörige natürlich auch professionelle Hilfe suchen, weil auch diese Rolle enorm belastend sein kann.

Beraterin Friederike Hahm
Beraterin Friederike Hahm // Aylin Lange

Welchen Einfluss hat der Umgang, beziehungsweise die Ausdrucksweise beim Thema sexualisierte Gewalt?

Natürlich haben Ausdrucksweisen Auswirkungen auf die Betroffenen. Gerade wenn man als Zeugin vor Gericht aussagen muss, ist es ein enorm beschwerlicher Gang, enorm intime und übergriffige Situationen schildern zu müssen − vor Menschen, die einem fremd sind. Oft haben Betroffene Angst, dass ihnen nicht geglaubt wird oder dass es heruntergespielt wird: ,man solle sich nicht so anstellen.‘ Genau solche Aussagen untermauern die Befürchtungen, dass die Betroffenen eben nicht ernst genommen werden. Und das führt eventuell dazu, dass sich Betroffene weniger trauen, sexuelle Belästigung zur Anzeige zu bringen.

Weshalb wird gerade sexualisierte Gewalt häufig heruntergespielt?

Gerade im Zusammenhang von Catcalling (Hinterherrufen anzüglicher Worte; Anm. d. Red.) oder nonverbaler sexualisierter Gewalt erleben wir oft, dass das vor allem von männlichen Personen heruntergespielt wird. Ich glaube da fehlt es einfach an der Erfahrung, dass das weibliche Personen sehr häufig passiert. Ich kenne keine weibliche Person, die nicht einmal in irgendeiner Form sexualisierte Gewalt erfahren hat. Und bei schwereren Formen von sexualisierter Gewalt, glaube ich, dass sich das einfach viele nicht vorstellen können. Diese Realität ist so schmerzhaft und erschreckend, gerade wenn Betroffene den Übergriff durchs Nahfeld erlebt haben, dass man das einfach nicht wahrhaben möchte.

Was können wir zuletzt vielleicht in unserer Gesellschaft tun, um sexualisierter Gewalt entgegenzuwirken?

Wir müssen einfach immer wieder darüber reden. Wir müssen bei den Kindern anfangen, dass sie ein gutes Körperwissen haben, dass sie wissen, was Grenzen bedeuten. Und das müssen wir immer wiederholen, so dass die Menschen für das Thema sensibilisiert werden. Sie müssen wissen, was alles sexualisierte Gewalt sein kann, was ihre Rechte sind, wo sie Unterstützung bekommen und wie sie für die laut sein können, die gerade nicht laut sein können. Da können wir ganz viel schulen, Informationen verbreiten, Schutzkonzepte etablieren und das nicht nur einmal, sondern immer und immer wieder.

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