Vieles in Bettina Gronows Wohnung ist weiß.
Die Wände, der Esstisch, die Stühle, die Küche.
Nicht nur, weil es ihr gefällt. Sondern ganz bewusst, um das Vergangene zu vergessen. „Bei ihm war alles schwarz.“ Bei ihm, das ist bei ihrem ehemaligen Partner. Dem Menschen, der ihr das Leben zur Hölle machte.
Als sie ihn 2017 kennenlernte, fühlte sie eigentlich schon beim ersten Treffen, dass sie lieber hätte gehen sollen. Doch sie tat es nicht. Sie blieb. Geriet in eine Abhängigkeit, die sie bisher nicht kannte. Machte Dinge, die sie gar nicht wollte. Führte mit ihm eine Beziehung ohne Liebe, die sich anfühlte wie ein ständiger Kampf, in dem sie erniedrigt und beleidigt wurde.
Im aktuellen „Focus“
Gronow (42) redet offen über ihre Erlebnisse. In der aktuellen Zeitschrift „Focus“ ist sie gemeinsam mit 44 anderen betroffenen Frauen auf dem Titel und schildert offen die psychische Gewalt, die sie durchstehen musste. Diese Gewalt war es auch, die sie und ihre zwei Kinder vor knapp einem Jahr nach Forchheim geführt hat.
Auch jetzt, im Gespräch in ihrer weißen Altstadtwohnung, will sie ihre Geschichte erzählen. Auch wenn es sie noch heute Tränen kostet. Um anderen betroffenen Frauen zu helfen und ihnen Mut zu machen.
„Ich hatte bei ihm gleich so ein Bauchgefühl. Aber man rafft es einfach nicht. Auch nicht beim zweiten Mal.“ Für Gronow war es bereits die zweite toxische Beziehung, die sie erlebte. Als die Verbindung begann, baute sie sich gerade ein neues Leben auf, denn ein paar Monate zuvor floh sie mit ihrer Tochter in ein Frauenhaus, wo sie Zuflucht von ihrem ehemaligen Ehemann gefunden hatte. Ihre große Liebe, durch die sie zum ersten Mal psychische und körperliche Gewalt erfuhr.
Nach drei Jahren die Trennung
Und nun, innerlich noch völlig leer von diesen Verletzungen, geriet sie wieder an einen Mann, der ihr seelischen Schmerz zufügte. Der keine Gelegenheit ausließ, sie oder ihre Tochter, heute 15, schlecht zu behandeln.
„Psychische Gewalt ist wie ein Nebel. Es ist subtil: Manchmal war es auch einfach nur ein Lächeln, das mir zeigen sollte, dass ich Nichts bin. Man wird isoliert und isoliert sich selbst. Man wird zum Schatten seiner selbst. Leblos, grau, völlig entmutigt.“
Drei Jahre dauerte es, bis sie die Trennung nach diesem narzisstischen Missbrauch wagte. Körperliche Gewalt gab es nicht, dazu wusste er als Polizist zu gut über die Konsequenzen Bescheid, aber psychisch terrorisierte er sie bei jeder Gelegenheit. Schon viel früher wollte sie ihn eigentlich verlassen, doch die studierte Ernährungswissenschaftlerin wurde schwanger von ihrem Partner, geriet auch in finanzielle Abhängigkeit.
Und jetzt, trotz getrennter Wege, ist er nach wie vor in ihrem Leben. Ihr Sohn Leopold ist inzwischen vier Jahre alt. Sein Vater darf ihn regelmäßig sehen. Ständig stehen neue Termine beim Jugendamt in Forchheim an. Mehrere Male ging es vors Gericht. Ein Kampf, der Gronow zermürbt und viel Kraft kostet.
Letztes Jahr versuchte er ihr sogar ihr den Sohn zu entziehen. „Er wird keine Ruhe geben. Schreibt hunderte beleidigende E-Mails. Alles, was ich tue, verwendet er gegen mich.“
Betroffenen wieder Mut machen
Die Angst, dass er seine psychische Gewalt auch bei ihrem vierjährigen Sohn ausleben könnte, ist für Gronow das Schlimmste. Sie hält inne, als die Frage im Raum steht. „Die Angst lasse ich nicht zu. Sie wäre nicht zu ertragen.“ Und dann kann sie doch ihre Tränen nicht zurückhalten.
Bis heute fragt sich die gebürtige Brandenburgerin, wie sie solch einen Menschen in ihr Leben lassen konnte. Warum sie sich von ihm so klein machen ließ. Warum sie solch einen Mann ihren Kindern antat. Doch die Wunden beginnen zu heilen. Auch Dank einer neuen Liebe. „Es gibt sie, die guten Männer.“ Gronow strahlt.
Sich gegenseitig unterstützen
Und genau das will die Coachin allen betroffenen Frauen vermitteln, die sich in einer toxischen Beziehung und häuslichen Gewalt befanden oder noch mittendrin sind. Seit April leitet sie eine Selbsthilfegruppe in Forchheim, angegliedert an die AWO Forchheim.
„Jeder darf seine Geschichte erzählen. Es geht vor allem darum, dass wir uns gegenseitig unterstützen, um wieder stark und glücklich zu sein“, sagt Gronow, die derzeit auch eine Ausbildung zur Seelsorgerin absolviert.
Gronow hat viele Pläne. Viele Ziele. Sie weiß nun wieder, wer sie ist. Erfährt wieder echte Liebe. Und schenkt sie vor allem ihren beiden Kindern, die über alles stehen.
Platz für die Farbe Schwarz ist hier nicht mehr. Weder in ihrer Wohnung noch in ihrem Innersten.
Hier finden Betroffene Hilfe
Die Selbsthilfegruppe trifft sich immer am ersten Montag im Monat. Interessierte können sich jederzeit melden bei Bettina Gronow, Tel. 01525/8756518 oder per E-Mail: bettina@gronow.de.
Bettina Gronow hat inzwischen ihren eigenen Verlag „Seelenverlag“ gegründet. Darin erschienen ist unter anderem das Buch „Tabu! Wenn aus Liebe Gewalt wird“, in dem Gronow und andere betroffene Frauen von der häuslichen Gewalt berichten, die sie erlebt haben. Das Buch ist online erhältlich.
Betroffene finden außerdem viele Informationen und Hilfsangebote auf der Seite des Vereins „T.o.B.e - Toxische Beziehungen überwinden“: tobe-verein.de.
Am 8. November hält Bettina Gronow in der Volkshochschule einen Vortrag über toxische Beziehungen.
Das kann man als Betroffene oder/und als Angehörige machen:
- Mit einer neutralen Person sprechen, die das Ganze von außen sieht. Auch das Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ ist eine gute Anlaufstelle.
- Abstand suchen: In den Urlaub fahren, zur Ruhe kommen, nachdenken, seine Situation reflektieren. Man muss es begreifen und verstehen, denn dann klappt es auch mit dem Absprung.
- Absprung planen und sich Unterstützung holen, denn meist wird der Terror danach noch schlimmer, beispielsweise durch Stalking.
- Das Umfeld informieren, auch wenn es schwerfällt. Damit sie Bescheid wissen und ggf. die Polizei rufen können.
- Den Ex - soweit es geht - blockieren, Null-Kontakt pflegen, alles dafür tun, damit man der Person so lange es geht nicht begegnet. Denn das innere System muss sich erst einmal wieder beruhigen und man braucht die Zeit für sich und für die Kinder (wenn vorhanden).
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