Braucht es heute noch einen Weltfrauentag?
Man könnte sagen „jeder Tag ist ein Frauentag“, aber ich finde es wichtig, dass sich die ganze Welt an diesem Tag auf die Probleme konzentriert, mit denen Frauen konfrontiert sind. Die vielen Veranstaltungen überall machen darauf aufmerksam, dass Frauen heutzutage trotz vieler Fortschritte noch nicht alles erreicht haben.
Wo liegen die größten Herausforderungen?
Weltweit gesehen ist die größte Herausforderung die Gewalt. Ich sage bewusst „weltweit“, denn es geht nicht darum, mit dem Zeigefinger auf bestimmte Länder zu zeigen. Es geht darum, dass klar wird: Gewalt darf nicht sein.
Jedes Land oder jede Region hat ihre spezifischen Probleme mit Gewalt. In bestimmten afrikanischen Ländern ist das die Genitalverstümmelung, in der Karibik ist es ein Problem, dass viele Männer trinken und dann gewalttätig werden.
Eine Ohrfeige von einem Mann wird in bestimmten Kreisen als normal angesehen. Das gilt auch für uns hier in Europa. Wir wissen, dass jede dritte Frau mit Gewalt konfrontiert wird. Wir wissen, dass es Femizide bei uns in Deutschland gibt (Anm. d. Red.: Als Femizid bezeichnet man die Tötung von weiblichen Personen durch männliche Personen, weil sie weiblich sind).
Im EU-Parlament arbeite ich deshalb aktiv an Projekten, die das Thema Gewalt gegen Frauen angehen. Ich hoffe, dass meine Nachfolgerin diese Arbeit fortsetzen wird.
Wenn wir den Blick auf Deutschland richten: Wo hakt es bei der Gleichberechtigung am meisten?
Beim Gender-Pay-Gap, also der Lohnlücke zwischen Männern und Frauen, und bei der gleichberechtigten Besetzung von Führungspositionen. Selbst im EU-Parlament ist die Verteilung der Sitze bisher nicht ausgeglichen. Wir sind nur 39 Prozent Frauen.
Aktuell sind wir sechs Frauen afrikanischer Abstammung im Parlament. Nach der Wahl im Juni könnte es nur noch eine einzige sein. Meine Partei ist gegen eine Quote auf diesem Gebiet. Dabei hat der Erfolg der Frauenquote dem Ansatz recht gegeben. Warum führen wir also für Frauen mit Migrationsgeschichte nicht auch eine Quote ein?
Warum ist es wichtig, beim Kampf für Frauenrechte auch unterschiedliche Erfahrungen aufgrund des kulturellen Hintergrundes oder des Alters zu berücksichtigen?
Wir haben eine neue Generation junger Frauen mit verschiedenen kulturellen Hintergründen, die bereit sind, sich politisch zu engagieren. Das weiß ich durch meine Arbeit als Mentorin. Diese Frauen sind hoch qualifiziert, aber zögern, weil sie glauben, keine Chance zu haben.
Genauso sollten auch ältere Frauen nicht übersehen werden. Vor 30 Jahren war eine Frau über 60 die Oma, die nur noch Marmelade für ihre Enkelkinder zubereitet hat. Auf Französisch nannte man sie „Mémé confiture“ (Oma-Marmelade). Heute sind viele Frauen auch im Alter sehr aktiv. Diese Frauen haben Lebenserfahrung und das ist wichtig, gerade in der Politik.
Alle Gruppierungen der Gesellschaft müssen berücksichtigt werden. Dazu zählen Frauen mit Migrationsgeschichte, Frauen, die etwas älter sind, Frauen mit Handicap und Frauen aus der LGBT-Community.
Was hat sich für Frauen in den vergangenen 20 Jahren verbessert?
Es hat sich ziemlich viel verbessert, zum Beispiel der Mutterschutz und die Elternzeit. Wenn ich an meine Zeit zurückdenke, da waren es sechs Wochen vor der Entbindung und acht Wochen danach. Dann habe ich wieder gearbeitet. Auch die Mentalität gegenüber Frauen mit Kindern hat sich verbessert. Als meine Kinder damals klein waren, war es nicht gern gesehen, ein Kind mit zu einer Sitzung zu bringen. Schnell hieß es, man sei eine Rabenmutter.
Heute ist das anders. Ich kann mich erinnern im Stadtrat in Erlangen, da gab es Kolleginnen, die hatten das Baby dabei und wenn es geschrien hat, haben wir eine Pause gemacht. Sogar im EU-Parlament können Väter oder Mütter in die Plenarsitzung mit einem Kind kommen. Das haben wir kürzlich beschlossen. Außerdem ist es gut, dass nicht nur Frauen die Verantwortung tragen, sondern auch Männer die Elternzeit mehr wahrnehmen.
Inwieweit können und sollten Männer auf dem Weg zur Gleichberechtigung unterstützen?
Viele Männer werden noch so erzogen, dass sie das zukünftige Oberhaupt der Familie werden. Die Erwartung ist, dass sie mehr leisten müssen. Dadurch können sie sich mit Dingen wie der Kindererziehung weniger beschäftigen. Wenn es uns gelingt, dass die Männer Verantwortung nicht nur in finanzieller Hinsicht, sondern auch bei der Erziehung übernehmen, dann würden wir einen Schritt nach vorne machen.
Was macht Ihnen Hoffnung, trotz der Herausforderungen vor denen Frauen noch immer stehen?
Wenn ich Anfragen als Mentorin bekomme, bin ich manchmal überrascht von der Anzahl der Frauen mit Migrationsgeschichte, die hoch qualifiziert und engagiert sind. Es wäre wichtig, dass man sie mehr einbezieht und Angebote macht.
Ich ermutige sie immer, sich bei den demokratischen Parteien zu erkundigen, was die machen und wie man sich einbringen kann. Eine Frau aus Brüssel habe ich so sehr ermutigt, dass sie jetzt für die Grünen in Belgien kandidiert. Schon am Anfang meines Mandats habe ich gesagt: Ich bin zwar die erste schwarze Frau für Deutschland im EU-Parlament, aber ich hoffe, nicht die letzte zu sein.
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