Es ist relativ ruhig an diesem Mittwochmorgen. Hier und da ist eine kleine Familie im Wildpark Hundshaupten unterwegs. Eine Gruppe schlängelt sich den Berg hinauf, vorbei am Esel-Gehege, weiter zu Dammhirsch, Mufflon und Rothirsch. Man hat die Straße beinahe für sich, kann in Ruhe dem Zwitschern der Vögel lauschen und der Fütterung der beiden Luchse zusehen.
Erst beim Aussichtspunkt Breitenstein wird es plötzlich voller – und lauter. An einem Zaun drängen sich Erwachsene und Kinder, die Hände gefüllt mit dem Futter, das der Wildpark zur Fütterung anbietet. Auf der anderen Seite drängen sich dich an dicht zottelige Schafe. Immer wieder blitzt dazwischen ein kleines schneeweißes Köpfchen auf.
Nachwuchs bei den Waldschafen: Rasse ist stark gefährdet
13 Waldschaf-Lämmer drängen sich zwischen ihre älteren Artgenossen, suchen den Schutz der Herde. Ende Januar bis Anfang Februar sind die Schäfchen geboren, seit einigen Wochen sind sie nun mit dem Rest der Herde auf der Weide unterwegs und entzücken die Besucher. Doch der Nachwuchs ist nicht nur gut für den Wildpark, weil er unbestreitbar süß ist. Bei den Waldschafen handelt es sich um eine stark gefährdete Rasse, der Nachwuchs ist also mehr als willkommen.
Lämmer Hundshaupten
„Das Waldschaf ist ein Zweinutzungsschaf“, erklärt Lisa Winzer, die stellvertretende Leiterin des Wildparks. „Das heißt, es ist gut in der Milchleistung und gut als Wolllieferant.“ Ein Allrounder also, den man brauchen kann? Ganz im Gegenteil, sagt Winzer „Früher hat das ausgereicht, aber heutzutage hat man andere Bedürfnisse. Man braucht heute Hochleistungstiere, die entweder besonders viel Milch geben oder aber besonders viel Wolle“, führt sie aus.
130 Nutztierrassen sind in Deutschland gefährdet
Dass es im Wildpark in diesem Jahr 13 Lämmer gibt, zeigt vor allem eins: „Wenn ein Tier gefährdet ist, liegt das nicht daran, dass die Rasse nicht fruchtbar ist“, sagt Winzer. Im Gegenteil: Die Waldschafe gelten als sehr fruchtbar, ein bis zwei Lämmer pro Schaf sind hier an der Tagesordnung. „Wenn ein Tier gefährdet ist, liegt das oft einfach daran, dass der Mensch sagt: ‚Dich brauche ich nicht mehr, deswegen züchte ich dich nicht mehr‘.“
Generell denke man bei vom Aussterben bedrohten Tieren oft nur an Eisbär und Co. „Aber es gibt eine ganze Liste von Nutztier- und alten Haustierrassen, die gefährdet sind“, so Winzer. Beim Schwein zum Beispiel sei früher besonders fettiges Fleisch beliebt gewesen, vor allem nach dem Krieg. Heutzutage legen die meisten mehr Wert auf besonders mageres Fleisch. „Das Wollschwein hat sehr fettiges Fleisch und ist super geeignet für die Außenhaltung. In Sibirien steht es das ganze Jahr über draußen. Bei uns aber braucht man es einfach nicht mehr.“
Lämmer ziehen nach Entwöhnung in andere Parks um
Neben dem Waldschaf und dem Wollschwein finden sich auf der sogenannten Roten Liste der Gesellschaft zur Erhaltung alter und gefährdeter Haustierrassen (GEH) auch das Murnau-Werdenfelser Rind, die Thüringer Waldziege und der Altdeutsche Hütehund. Jedes Jahr wird die Liste aktualisiert. „In Deutschland allein stehen über 130 Nutztierrassen auf der Roten Liste“, heißt es auf der Website der GEH. „Und gleichzeitig stirbt alle zwei Wochen eine Nutztierrasse aus, das heißt, eine an Klima und Standort angepasste Rasse, ein genetisches Erbe und ein Kulturgut zugleich.“
Lämmer Hundshaupten
Und das, obwohl die alten Haustierrassen als sehr robust und genügsam gelten. „Ein Hochleistungstier muss man entsprechend füttern“, gibt Winzer zu bedenken. „Aber diese alten Rassen kommen mit sehr wenig zurecht. Für sie ist zum Beispiel karge Kost kein Problem, wie das halt früher so war.“
Ungefähr fünf Monate sind die Jungtiere bei ihren Müttern. Danach geht es für die Lämmer in ein neues Zuhause. „Dadurch, dass es eine gefährdete Rasse ist, werden sie zur Blutauffrischung in andere Parks abgegeben“, erklärt Winzer. Das sei eine gängige Praxis bei Wildparks und Zoos. Wohin die Lämmer dann kommen, ist noch nicht klar. Bis es so weit ist, können Groß und Klein sie aber noch in Hundshaupten füttern, streicheln und bewundern.
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