Kaum sind die Hundstage als Platzhalter für prophetische Kräfte aus dem Kalender verschwunden, schon taucht eine hochgewachsene Pflanze als optischer Blickfang auf und übernimmt: Verbascum, aus der Familie der Braunwurzgewächse – gemein hin als Königskerze bekannt. Just in diesen Tagen seit Mariä Himmelfahrt, also dem 15. August, war es seit alters her Brauch der früher viel enger mit der Natur und den Wetterverhältnissen verbundenen Menschen, Zeichen in der Natur für Zukunftsprognosen zu nutzen. Vor allem beim Wetter gab es schließlich bis in die Moderne mitsamt ihren Messtechniken keinerlei Möglichkeiten, die Wetterentwicklung über mehr als ein paar Stunden vorherzusagen. Erst recht existenziell bedeutsam waren Prognosen über den künftigen Sommer oder Winter.
Vor allem Menschen in raueren Gegenden mit viel Wald in der Umgebung, also Bergbauern und Waldarbeiter, waren stark in ihren Tagesabläufen vom aktuell bevorstehenden Wetter, aber auch längerfristiger Witterung abhängig. Und da drängte sich die sogenannte Königskerze als deutlich sichtbarer Weiser in unseren Breiten regelrecht auf. Imposant und teilweise mehr als mannshoch senkrecht in den Himmel gewachsen mit leuchtend gelben Blütenständen, ist sie so oder so in freier Natur schon immer ein Hingucker gewesen. Dass sie sich durch die eifrige Beobachtung über Jahrhunderte hinweg zu einer Art Pflanzen-Barometer entwickelt hat, wundert daher nicht.
Wetter-Mythos: Blüten der Königskerze
Um beim Vergleich mit dem Wettermesser zu bleiben: Offensichtlich schlossen die Pflanzenbeobachter über die Jahre und Jahrzehnte aus bestimmten optischen Kennzeichen – heute würde man eher „phänologische Merkmale“ sagen – auf die voraussichtliche Wetterentwicklung. So gibt es laut Volksmund folgende Zusammenhänge: Neigt sich der gelb leuchtende Blütenstängel in seiner Blühphase nach Westen, soll bald Regen kommen – neigt er sich dagegen nach Osten, soll schönes Wetter angesagt sein. Spannend wird es bei der Deutung des Blütenstängels im späteren Sommer für den kommenden Winter und dessen Wahrscheinlichkeit für Schnee. Hierzu gilt es, den gesamten Blütenstängel von unten nach oben quasi als Kalender zu betrachten. Der untere Bereich liefert Aussagen für den Spätherbst, der mittlere für den Hochwinter selbst und die obersten Bereiche für die Phase des Spätwinters, also maximal bis Ende März.
Die Formel ist denkbar einfach: Viele Blüten sollen auf eine erhöhte Wahrscheinlichkeit für Schnee oder gar viel Schnee im Winter hinweisen, wenige Blüten bedeuten dagegen einen eher schneearmen Winter. Wenn im obersten Stängelbereich sehr viele Blüten auf einmal aufgehen, kommt der große Schnee erst zum Frühjahr hin. Und wenn die Königskerze sehr groß wird, soll dies auf einen langen, strengen Winter mit eventuell viel Schnee hindeuten. Nun aber zur kritischen Hinterfragung dieses im Prinzip einfachen und für jeden Laien verlockenden Vorhersageinstruments. Wie sollte die Königskerze als Pflanze, durch Vorausahnen, bereits im Vorhinein sichtbar durch ihre äußere Erscheinung abbilden können, wie die Witterung Wochen oder gar Monate später ablaufen wird?
Wettervorhersage per Computer
Wer oder was gibt der Pflanze den physiologischen Impuls für bestimmte Stufen des Blütenstängels eine Zuordnung zu Schnee oder kein Schnee vornehmen zu können? Und was geschieht durch die mittlerweile immer schneeärmeren Winter in Zeiten des Klimawandels? Was lässt sich im hügeligen Gelände ablesen, wenn die Königskerze im Talbereich steht? All dies kann eher zur Vermutung führen, dass bei der Wetterprognose anhand von Königskerzen der Wunsch der Vater des Gedankens ist. Dies erst recht vor dem Hintergrund, dass selbst Hochleistungscomputer selbst heute noch immer bei mehr als zehn Tagen im Voraus bei der Treffsicherheit von Wetterprognosen förmlich die Grätsche machen.
Der Mensch sehnt sich nach einfachen, sichtbaren Zeichen, die Deutungen für die Zukunft erlauben. Das ist erwiesen. Eine spannende Herausforderung mit Augenzwinkern bleibt es allemal, vor allem, wenn in der Nähe eine ausgewachsene Königskerze steht und man sich bei der Vorhersage des kommenden Winters stellt. In diesem Sinne: Viel Spaß dabei und am besten die Vorhersage schriftlich im Kalender festhalten, damit im Nachgang nicht geflunkert werden kann.
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