Die Rotoren drehen sich leise, übertönt werden sie von einem Ferienflieger auf Reiseflughöhe und einem vorbeituckerndem Traktor. Dennoch zeigt sich beeindruckt, wer direkt an dem 100 Meter hohen Windrad in Kasberg (Gräfenberg) steht. So wie die mehr als 20-jährige Anlage könnte er aussehen, der Beitrag Forchheims zur Energiewende. Nur: Widerstände gibt es viele. Nun wird seit des Beginns von Putins Angriffskrieg in der Ukraine das Thema „Energiesicherheit“ groß geschrieben. Zeit für eine windkraftpolitische Kehrtwende im Landkreis?
„Führt kein Weg an Windkraft vorbei“
„Leider habe ich noch nicht viel Mut verspürt“, sagt Barbara Gabel-Cunningham, Vorsitzende der Energie- und Klimaallianz Forchheim (EKA). Dabei wäre es unabdingbar, es führe kein Weg an der Windkraft vorbei, sagt sie.
„Der Landkreis muss sich klar für die Energiewende positionieren. Nicht nur reiner Verwalter, sondern Vorreiter sein.“ Sie fordert einen Energiemix, bestehend aus Windkraft sowie Photovoltaik auf Freiflächen und auf Häusern.
Photovoltaik ja, Windkraft nein
Während sich in puncto Freiflächen-Photovoltaik tatsächlich einiges tut im Landkreis, ist seit Inbetriebnahme des Kasberger Windrades vor 22 Jahren kein weiteres hinzugekommen. Abgesehen von zwei Kleinwindanlagen in Forchheim und Ebermannstadt steckt die Windkraft also im Stau. Nach wie vor.
Gegenwind hat Tradition im Kreis
Als der Regionale Planungsverband Oberfranken-West im Jahr 2014 im Regionalplan mögliche Standorte für Windkraft festgelegt hatte, ging der Landkreis leer aus. Dabei waren mit Pinzberg und Effeltrich durchaus sogenannte Vorrangflächen im Gespräch, scheiterten aber an Bürgerprotesten – und dem politischen Willen.
Ähnliches hat Eggolsheims Bürgermeister Claus Schwarzmann vor fast genau einem Jahr erlebt. Er hatte sich für die Planung von Windkraftanlagen in Tiefenstürmig stark gemacht. Auch hier gab es Proteste, auch hier beugte sich die Mehrheit der politischen Entscheider. So votierte der Gemeinderat dagegen, das Thema war vom Tisch.
Auf seinem Tisch lägen aktuell keine konkreten Planungen für neue Anlagen, sagt Dominik Bigge. Ein einziges sogenanntes Vorbehaltsgebiet gibt es bei Weißenohe. Dort sei ein Bau von neuen Anlagen aber unrealistisch, unter anderem wegen Schutzbereichen um das Funkfeuer der Deutschen Flugsicherung auf dem „Hetzleser Berg“, so der Klimaschutzmanager des Landkreises.
Zwar weise der Energieatlas Bayern rein rechnerisch 0,77 Prozent der Fläche des Landkreises als geeignet für die Errichtung von Windenergie aus, immerhin etwa 458 große Fußballfelder. Aber weil gerade die Fränkische Schweiz viele Naturschutzgebiete aufweise und der Regionalplan bis auf Weißenohe nur weiße Flecken böte, bleibe praktisch gesehen nahezu nichts mehr übrig, so Bigge.
10H-Regel: Kommt die Aufweichung?
Hinzu kommt die 10H-Regel. Diese besagt, dass ein Windrad mindestens zehnmal so weit von bewohnten Häusern entfernt stehen muss, wie es hoch ist. Diese bayerneigene Regelung ist den Akteuren, die sich für den Ausbau einsetzen, ein Dorn im Auge. Selbst der aus Pinzberg stammende Bayerische Umweltminister Thorsten Glauber (Freie Wähler) fordert, 10H müsse modifiziert werden.
Barbara Gabel-Cunningham (EKA) rechnet vor, dass 36 Windkraftanlagen (mit je drei Megawatt Leistung) ausreichen müssten, um alle Haushalte im Landkreis mit Strom zu versorgen. „Besser wären mehr oder welche mit mehr Leistung.“ Zwar kommt aktuell in München Bewegung in die 10H-Diskussion, so ist von großzügigeren Ausnahmeregelungen die Rede.
10H-Regel: Rathäuser warten auf Signale
Aber: „Viele Bürgermeisterinnen und Bürgermeister des Landkreises warten auf Signale“, sagt Ebermannstadts Bürgermeisterin Christiane Meyer, zugleich Kreisverbandsvorsitzende im Bayerischen Gemeindetag.
Sie verweist auf Druck von beiden Seiten: „Windkraft ist mit den jetzigen Regelungen leider verbrannte Erde für uns.“ Darüber hinaus bedauere sie, dass dieses Thema derart polarisiere und oft gar nicht erst eine sachliche Diskussion entstehen könne.
Dabei zeigt das Beispiel in Kasberg, dass Windenergie funktionieren kann. „Grundsätzlich würde ich es wieder genauso machen“, erzählt Landwirt Konrad Kress, der Betreiber der Anlage. Bisher habe die Anlage durchschnittlich 2,5 Millionen Kilowattstunden im Jahr geleistet, sagt er. Genug für den Jahresverbrauch von 500 durchschnittlichen Vier-Personen-Haushalten.
Gerne hätte er weitere gebaut, doch die Vorhaben scheiterten. „Wir dürfen nicht nur auf die Politik schimpfen“, sagt er. „Viele wollen die Anlagen nicht vor der Haustür haben, das ist das Problem.“
Neues Potenzial für Eggolsheim?
Zurück nach Eggolsheim. Bürgermeister Schwarzmann mögen die Diskussionen über Tiefenstürmig noch in den Knochen liegen. Aufgeben wolle er aber nicht. Unabhängig von der aktuellen Krisensituation gebe man nun einen Energienutzungsplan in Auftrag. Ziel: Bedarfe ermitteln und Potenziale erkennen. „Ich kämpfe weiter dafür, dass Windräder kommen“, sagt Schwarzmann. Schnellschüsse wolle er aber vermeiden; das Debakel von vor einem Jahr dürfe sich keinesfalls wiederholen.
Barbara Gabel-Cunningham nimmt jeden Verfechter der Windkraft gerne an. „Leider haben wir uns seit Jahren in eine Situation manövriert, in der wir nicht mehr akut handeln können.“ Sie hofft, dass mit einer möglichen Aufweichung von 10H auch schnellere Verfahren möglich sind, bisher dauert es mindestens vier bis fünf Jahre von der Planung bis zum Bau. Ob dennoch eine kurzfristige Lösung in Sicht sei? „Klar“, sagt sie. „Einfach weniger Energie verbrauchen.“
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