Wem gehört die Straße? Diese Frage ist so alt wie der Verkehr selbst und lässt sich kaum auflösen. Eine Gruppe fühlt sich seit Jahren beinahe erdrückt vom sogenannten „motorisierten Individualverkehr“. Radler gegen Autofahrer, der alte Kulturkampf? Oder gäbe es doch ein für alle Seiten zufriedenstellendes Miteinander?
ADFC Forchheim übt Kritik
Die unbefriedigende Antwort lautet: jein. Teile der Verkehrsforschung und vor allem Radlobbyisten wie der Allgemeine Deutsche Fahrradclub (ADFC) pochen seit Jahren darauf, das Auto solle einen Großteil seiner innerstädtischen Vormachtstellung einbüßen. Aus verkehrspolitischen und vor allem klimaschützenden Notwendigkeiten heraus. Gerhard Krahl, Vorstandsmitglied des ADFC Forchheim, vertritt eine klare Haltung: „Wer für kurze Strecken das Auto nimmt, dem ist das Klima egal.“
Nun wandelt sich das Verkehrsverhalten seit Jahren schon. Fahrräder gibt es so viele wie nie, auch dank des anhaltenden E-Bike-Booms. Stadtplaner versuchen, das in ihre Überlegungen einzubringen – was auch an den bisherigen Überlegungen des geplanten integrierten Verkehrskonzeptes zu sehen ist.
Vor allem in der Königsstadt sei eine pro-radlerische Umsetzung in der Praxis nicht leicht, sagt Bürgermeisterin Annette Prechtel (FGL), selbst passionierte Radfahrerin. „Forchheim ist seinerzeit autofreundlich geplant und gebaut worden. Wenn es Veränderungen für den Verkehr der Zukunft geben soll, müssen wir meist bautechnisch eingreifen. Das sind große Herausforderungen“, sagt sie. Aber man komme voran, wenn auch langsam.
So gibt es etwa die Arbeitsgemeinschaft Rad, in der sich Stadt, ADFC, Verkehrsclub Deutschland (VCD) sowie Polizei über fahrradfreundliche Strukturen austauschen. Ein Meilenstein sei laut Prechtel Ende 2022 erreicht worden, als der Stadtrat dafür gestimmt hatte, der „Arbeitsgemeinschaft fahrradfreundliche Kommune in Bayern“ beizutreten.
Forchheim bald „fahrradfreundliche Kommune“?
Dieser Beschluss sei „Gold wert“, so Prechtel, setzt der Beitritt doch laut Satzung eine „systematische Förderung des Radverkehrs“ voraus. Erst wenn der umfangreiche Kriterienkatalog erfüllt ist, bekommt die Stadt das Qualitätssiegel „Fahrradfreundliche Kommune in Bayern“ verliehen. Bis dahin ist es noch ein langer Weg, das weiß auch Grünen-Politikerin Prechtel. „Aber wir haben ein klares politisches Signal gesendet.“
Klingt auch für die ADFC-Vertreter gut. Sie fordern seit Jahren Verbesserungen, vor allem an den größten Problemstellen. Prechtel räumt ein, dass es in den vergangenen Jahren einen gewissen Stau gab, bestimmte Rad-Themen abzuarbeiten. Anhaltende personelle Engpässe, finanzielle Fragen, unterschiedliche Zuständigkeiten: „Auch intern müssen wir bisweilen dicke Bretter bohren“, sagt sie.
Und doch setzt sie große Hoffnung auf den 1. Oktober. Dann wird der neue Radverkehrsbeauftragte der Stadt Forchheim seine Arbeit aufnehmen. Schon lange war die Stelle vorgesehen, nun konnte sie endlich besetzt werden. Mehr Details will Prechtel noch nicht verraten. Nur so viel: „Mit dieser neuen Stelle, angesiedelt in der Verkehrsplanung, können wir die Probleme endlich strukturell angehen und müssen nicht nur punktuell ansetzen.“
ADFC zeigt problematische Stellen
Wo der ADFC aktuell den größten Handlungsbedarf sieht, zeigt er während einer gemeinsamen Radtour – zu den sieben Radsünden Forchheims.
Forchheims sieben Radsünden – Probleme und Lösungsansätze
1. Bammersdorfer Straße
Seit Jahren ist die Verkehrssituation vor allem in der Kurve zwischen Bammersdorfer Straße und Adalbert-Stifter-Straße ein Sorgenkind – radelnde Schüler müssen sich die Enge mit sogenannten Elterntaxis, Bussen und aktuell noch allerlei Baustellenfahrzeugen teilen.
Laut Bürgermeisterin Annette Prechtel liefen zwar bereits Vorplanungen. Wirklich konkrete Verbesserungen dauerten noch, weil etwaige Veränderungen vorher noch in den Fachgremien des Stadtrats besprochen werden müssten. FT-Prognose: langwierig
2. Bamberger Straße
Der Radweg zieht sich von Forchheim-Nord bis in die Innenstadt. Der laut ADFC „schlechte Zustand“ und nicht abgesenkte Bordsteine seien für Radler aber große Sicherheitsrisiken. Außerdem hört der Radweg stadteinwärts in Höhe der Bügstraße einfach auf.
„Die Bamberger Straße ist eines von vielen Themen, die wir mit unserem neuen Radverkehrsbeauftragten ab Oktober dann strukturell angehen wollen“, so Prechtel. FT-Prognose: machbar
3. Piastenbrücke
Die erst kürzlich nach langer Bauzeit wieder freigegebene Piastenbrücke sorgte schnell bei vielen Verkehrsteilnehmern für Unmut. Radler fühlen sich wegen des fehlenden Radwegs vergessen und „in Gefahr gebracht“ (Gerhard Krahl), Autofahrer ob des Überholverbots ausgebremst.
Laut Prechtel habe die FGL einen Antrag in petto, die Geschwindigkeit auf der Piastenbrücke auf Tempo 30 zu drosseln. Dies wäre ganz im Sinne des ADFC, der sich überdies ein weiteres Verkehrsschild vorstellen könnte, das die Autofahrer noch einmal an das Überholverbot von Zweirädern erinnert. Eine zweite Brücke für Radler scheint hingegen unwahrscheinlich. FT-Prognose: schwierig
4. Adenauerbrücke
Wer nach Buckenhofen möchte, muss mit dem Rad entlang der Adenauerallee über die Brücke fahren. Laut ADFC führe es dort vor allem im Dunklen zu Problemen, weil hohe Bordsteine nicht markiert sind – da sei es kaum auszumachen, wo der Radweg endet.
Diese Problemstrecke habe die Stadt auf dem Schirm, so Bürgermeisterin Annette Prechtel. Nur müsste man eine einheitliche Regelung für die gesamte Stadt finden. Auch dieses Thema sei direkt auf dem Aufgabenzettel des ab Oktober neuen Radverkehrsbeauftragten zu finden. FT-Prognose: lösbar
5. Ruhalmstraße
„Seit Jahren hat sich an der Situation rund um die Ruhalmstraße nichts verbessert“, sagt Ulrike Schübel vom ADFC. Vor allem im Winter sei die Sicht dort oft schlecht und es sei vor allem für die vielen radelnden Kinder eine große Gefahr.
Bürgermeisterin Annette Prechtel könnte sich für die Ruhalmstraße ein Experiment vorstellen: Diese Stelle sei gut, um eine sogenannte Fahrradstraße zu testen. Es müsste allerdings eine adäquate Lösung für den Hol- und Bringverkehr der Schule gefunden werden. FT-Prognose: sehr schwierig
6. Jahnstraße
Wer vom Königsbad kommend durch die Gasse zur Jahnstraße radelt, sieht sich (im Dunkeln zu spät) einer Absperrung mit Kette gegenüber. Ein unnötiger Gefahrenpunkt, moniert Gerhard Krahl vom ADFC. Zumal viele dieser Ketten wie auch etliche Absperrpfosten nur unzureichend markiert seien.
„Der Wille der Stadt ist da, fehlende Markierungen zu erneuern“, sagt Annette Prechtel. Das Problem: Die Mängelliste sei lang, das Personal sei knapp. FT-Prognose: machbar
7. Globus-Ausfahrt
Für gen Süden Radelnde tut sich am Globus eine Gefahrenstelle auf: Autos, die stadteinwärts nach rechts abbiegen, sind von der Ampelschaltung entbunden, müssen aber auf den Radverkehr achten. Nur: Es fehlt ein Hinweis auf selbigen. Laut ADFC ein untragbarer Zustand. Er fordert ein Schild, das die Ausfahrenden auf möglicherweise kreuzende Radler aufmerksam macht.
Das Problem sei laut Annette Prechtel schwer zu lösen, weil neben der Stadt auch die Polizei und das Staatliche Bauamt mitsprechen müssten. Eine mögliche Lösung wäre eine weitere Ampel. Die wiederum lehnen beinahe alle Beteiligten – vor allem die Radler – ab. Zwar böte die am meisten Sicherheit, bremste den Radverkehr aber unverhältnismäßig aus. FT-Prognose: verfahren
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